Du bist hübsch", sagt ein geprellter Investor zum Animiermädchen Nadja in der Finanzwelt-Groteske "Gier". "Ich bin nicht hübsch", entgegnet die junge Frau, "ich bin sexy." Der kleine Satz in diesem Fernsehdrama enthält mehr Wahrhaftigkeit als das große, schillernde Geschehen, das um diese zarte Figur herum tobt.
Nicht, weil die Schauspielerin hinter ihrer angeschminkten Fassade hässlich wäre; Darstellerin Sibel Kekilli ist jenseits aller Erotik eine der schönen Frauen im Film. Nein, wahrhaftig an dem Dialog ist die Entlarvung der Scheinwelt einer von Krisen erschütterten Gesellschaft, wie sie Dieter Wedels TV-Zweiteiler jetzt zeigt. Darin ist nichts, wie es aussieht, vieles durcheinander, keinem zu trauen - aber alle machen fröhlich weiter und feiern den Untergang von morgen. Bis eben auf das Animiermädchen Nadja - die ähnlich wahrhaftig wirkt wie Sibel Kekilli in der realen Welt des Event-Fernsehbetriebs. Beide bleiben echt und aufrichtig in diesem Millionenspiel aus Rendite, Ruhm und roten Teppichen. Bemerkenswert in derlei Kreisen.
Sibel Kekilli, 29, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, bis sie 2003 für Fatih Akins "Gegen die Wand" entdeckt wurde. Ohne Schauspielausbildung drehte die Tochter aus einer türkischen Arbeiterfamilie aus Heilbronn seither knapp ein Dutzend Filme wie "Kebab Connection" oder das Holocaust-Drama "Der Zug". Bekannt wurde sie auch durch eine Kampagne der Bild, die ihre Porno-Vergangenheit breittrat. Kekilli, die sich für Terre des Femmes einsetzt, lebt mit ihrem Freund in Hamburg.
Heute Abend spielt sie im zweiteiligen TV-Drama "Gier" (Regie: Dieter Wedel) die Assistentin eines Millionenbetrügers. Arte zeigt beide Teile am heutigen Freitag, 20.15 Uhr. Die ARD strahlt das Drama am 20. Januar, 20.15 Uhr, aus. Teil zwei ist am 21. Januar zu sehen, ebenfalls 20.15 Uhr. FR
Kaum sechs Jahre ist es her, dass Kekilli, die türkische Schwäbin, über Nacht zum Star avancierte. Durch Zufall war sie in einem Kölner Café für Fatih Akins "Gegen die Wand" entdeckt worden. Ohne Ausbildung und Erfahrung spielte sich die Gelegenheitsjobberin aus Heilbronn ins Rampenlicht, hortete in kurzer Zeit Preise wie andere in ihrer gesamten Karriere nicht und bewahrte sich doch alles, was in diesem hyperventilierenden Gewerbe rasch verloren gehen kann: Schüchternheit, Charakter, vor allem aber ihr altes Leben.
"Im Großen und Ganzen bin ich mir treu geblieben", sagt sie beim Gespräch in einem Hamburger Luxushotel. Ein wenig verloren wirkt sie da zwischen überdrehten Protagonisten und Presseleuten. Ein großes Bohai und Hallo, Bussi hier, Bussi da und ganz am Rand, die Beine verschlungen, fast geduckt: Sibel Kekilli, der Neuling auf dem Boulevard der Eitelkeiten. Noch immer.
"Diese Branche hat mich nicht mehr verändert, als das Leben einen verändert", sagt sie leise. "Meine Freunde sind noch dieselben, meine Welt ist die gleiche." Schon erstaunlich, wie viel die fiktive Figur Nadja Hartmann und die reale Darstellerin Sibel Kekilli miteinander verbindet. Die junge Nadja hält all die Opfer des Millionenbetrügers Dieter Glanz bei Laune (brillant verkörpert von Ulrich Tukur), sie vertröstet diese mit leeren Versprechungen über anstehende Gewinnausschüttungen. Nadja vergisst bei alledem aber nie, dass sie eigentlich in dieser Gesellschaft nicht dazugehört. Auch Darstellerin Kekilli hat sich mit den Bräuchen ihrer Branche arrangiert, hält aber wenig von Partys und Promotion im Haifischbecken der Prominenten. Als gebranntes Kind ist sie wachsam.Denn kaum trat sie 2004 ins Rampenlicht, da zog die Bild-Zeitung Kekillis vergessene Porno-Vergangenheit aus der Versenkung. Doch was Nachwuchskräfte rasch aus der Bahn werfen kann, hat die 24-Jährige wachsam gemacht und kämpferisch. Sie gab nie viel von sich preis, zog aber resolut gegen das Springer-Blatt zu Felde.
Sie hält sich ansonsten lieber leise im Hintergrund. "Vergangenheit ist Vergangenheit", sagt sie über Reporter der Klatschpresse, "die machen ihren Job, ich mache meinen." Vergangenheit ist Vergangenheit - das sagt Kekilli öfter. Vergangenheit ist ihre soziale Herkunft als Zwillingstochter eines zugewanderten Arbeiters und einer Putzfrau, die Kekilli nicht für ihre Startschwierigkeiten ins Berufsleben verantwortlich machen will. Vergangenheit ist auch das Manko einer fehlenden Schauspielausbildung, "die ja auch Jürgen Vogel, Daniel Brühl, Romy Schneider nicht hatten", wie sie unbescheiden vergleicht. Zur Vergangenheit zählen ihre türkischen Wurzeln, die ihr anfangs entsprechende Rollenangebote bescherten. Längst hat sie sich davon emanzipiert. "Ich spiele heute herkunftsloser."
Sie gibt Türkinnen wie Deutsche, eine Italienerin in Akins "Kebab Connection", eine Jüdin in Vilsmaiers Holocaust-Drama "Der Zug", eine Exil-Finnin in "Pihalla", meist Kino mit Niveau. Nur selten mimt sie die Einheimische wie in der miserablen ARD-Reihe "Mordkommission Istanbul". Gern würde sie in Komödien spielen, doch die wurden ihr noch nicht angeboten, "leider". Aber sie sei ja noch keine 30, und sie hat ein Gesicht, mit dem sie sogar Teenager mimen könnte, ohne Angebote für Charakterrollen zu gefährden: markant, makellos. "Ich habe Respekt vorm Mut zur Hässlichkeit", sagt sie, "den bringt nicht jeder in meinem Beruf auf."
Aber Mut, rudert sie zurück, das sei auch so eine seltsame Kategorie. Mutig, neben Berserkern wie Birol Ünel zu debütieren? Mutig, mit Top-Regisseuren wie Wedel zu arbeiten? Mutig, als Fürsprecherin von "Terres des Femmes" den Islam offen für häusliche Gewalt in der Türkei verantwortlich zu machen? "Mutig sind Feuerwehrleute", sagt Kekilli, "nicht Schauspieler."
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