Herr Würdig, kürzlich standen Sie vor Gericht, weil Sie Nachbarn im Streit wegen eines Parkplatzes mit Kieselsteinen beworfen haben sollen.
Was da erzählt wird, stimmt ja alles nicht. Es gab einen Streit um einen Parkplatz. Ich habe jemanden beleidigt und auch Steine ins Fenster geworfen, eine Hand voll Kieselsteine. Da war keiner, den ich hätte treffen können. Das ist die Geschichte. Das kann jedem passieren. Das ist nur an die große Glocke gehängt worden.
Sido, 28, gehört zu den provokantesten Rappern der deutschen Hiphop-Szene. Kritiker warfen ihm wiederholt vor, frauen- und/oder ausländerfeindlich zu sein, je nachdem, über was der als Paul Würdig in Ostberlin geborene Musiker in seinen Liedern rappte.
Sein Solo-Debüt "Maske" (2004) kam auf den Index, und nicht nur sein "Arschficksong" wurde bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien genauer angehört.
Wann haben Sie zuletzt jemanden geschlagen?
Ist nicht lange her. Ich bin nicht stolz drauf. Ich hänge mir das nicht als Kette um den Hals. Es passiert.
Es gibt gerade eine Diskussion über zunehmende Jugendgewalt im öffentlichen Raum. Eine Berliner Jugendrichterin hat gesagt: Teenager treten jetzt auch zu, wenn einer am Boden liegt. Haben Sie das früher auch gemacht?
Nein. Es ist eine schlaue Taktik. Wenn du jemandem richtig schaden willst, machst du es so. Aber es ist auch eine unmenschliche Taktik. Mein Kopf schaltet sich manchmal aus. Dass ich in dem Café wegen des Parkplatzstreits rumgeschrien habe, hätte auch nicht sein müssen. Da ist etwas mit mir durchgegangen. Man hätte die Sache anders regeln können. Da kommt vielleicht doch meine Vergangenheit in mir hoch. Wenn jemand auf dem Boden liegt, ist es für mich allerdings eine Grenze.
Haben Sie früher zugestochen?
Ich hatte zum Glück nie ein Messer. Hätte ich draußen ein Messer dabei gehabt, hätte ich auch jemanden abgestochen. Die nächste Generation wird noch schlimmer, wenn wir da nicht einen Riegel vorschieben. Wir waren auch schlimmer als die Jugendlichen vor uns, weil wir es bei denen gesehen haben und krasser sein wollten. Die Grenze, die die hatten, wollten wir auf jeden Fall überschreiten.
Wie erklären Sie sich das?
Den Anspruch hat jede Generation. Ein Kumpel von mir hatte vor eineinhalb Jahren eine Schlägerei, der wurde von einem 16-Jährigen abgestochen. Die wollen härter sein als wir damals.
Was glauben Sie - warum schlagen manche Jugendlichen zu?
Aus Spaß. Ich würde sagen, bei den meisten ist das so. Und aus Mangel an Argumenten. Oder aus Hoffnungslosigkeit. So war das bei mir. Ich dachte, ich komme anders nicht weiter. Du kannst mit manchen Leuten einfach nicht reden, da nützt das beste Argument nichts. Einer nennt dich ein Arschloch und du fängst die erste Backpfeife. Wenn du da zurückzuckst und wartest, bis sie dich in Ruhe lassen, hört es nie auf. Was machst du also dann? Entweder du bist das Opfer, der Spast, der sich die ganze Zeit schlagen lässt... Aber der bin ich nicht! Es geht meistens sehr schnell, kommt dir aber sehr lange vor. Schlägereien entstehen aus dem Nichts. Manchmal mussten wir uns schlagen, weil wir uns zum Schlagen verabredet hatten. Dann triffst du dich in irgendeinem Fußballkäfig. Das musst du dann einfach machen, weil alle da sind, weil du dich verabredet hast und jeder weiß davon. Das sind die bescheuertsten Kämpfe, weil du gar nicht mehr sauer bist auf den Typen.
Sido - Hey Du (2009) www.sido.de
Vor heftigen Auseinandersetzungen sind aber auch ältere Rapper nicht gefeit. Es gab Schüsse auf den Rapper Massiv, ein Messerangriff auf Ihren ehemaligen Aggro-Kollegen Fler... ist das Teil des Marketings in Ihrem Genre?
Nein, das ist kein Quatsch, das ist echt. Fler wurde bei MTV fast abgestochen, Bushido wurde von der Bühne geboxt, Massiv wurde angeschossen. Das ist alles echt. Ich muss auf jeden Fall aufpassen auf der Tour. Ich bin dafür gewappnet, dass irgendwann jemand versuchen wird, auf die Bühne zu kommen. Dass das mit Rap-Konkurrenten zu tun hat, damit würde ich weniger rechnen. Die Sachen sind immer zu leicht nachzuvollziehen.
Ein Lied auf Ihrer neuen CD handelt von Gewalt gegen Frauen. Sie warnen einen fiktiven Mann davor, zuzuschlagen und fordern ihn auf, nachzudenken. Sind das eigene Erfahrungen?
Das ist nicht biografisch. Ich kenne viele Leute, die so etwas tun und vorher nicht überlegen. Ich kann mir solche Sachen mit einem Song von der Seele reden. Mich machen Männer nachdenklich, die so etwas tun. Ich finde das schwach.
Andererseits lassen Sie Ihren umstrittenen Kollegen G-Hot mitmachen, der wegen Volksverhetzung angezeigt war. Er hatte darüber gerappt, dass man Schwulen den Schwanz abschneiden müsse. AggroBerlin warf ihn raus, Sie haben ihn angeheuert - für den Titel "Ich bereue nichts". Ist das ein Statement?
Für mich ist es ein Statement, ihn auf diesem Song zu haben. Gerade wegen seiner Vergangenheit, nicht weil ich hinter dem stehe, was er gesagt hat. Er bereut, dass er das gesagt hat.
"Ich bereue nichts" klingt aber anders ...
Musik ist Therapie. Kunst ist schwer zu erklären, deshalb tue ich mich gerade auch schwer damit, diesen Song zu erklären. Ich bin der Meinung, G-Hot sollte keinen Schritt in seinem Leben bereuen, auch wenn er mal einen Fehler gemacht hat. Jeder Fehler - und das war eindeutig einer - gehört zu deiner Laufbahn dazu. Wenn du einen Fehler machst wie das Lied "Keine Toleranz", bereue das nicht. Fehler helfen dir weiter. Ich stehe zu G-Hot.
(Interview: Johannes Gernert)
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