Ein wenig Ehrfurcht befällt den Besucher beim Betreten der Jugendstilvilla an der Mosel schon. Immerhin hat der Weinkritiker Stuart Pigott die charaktervoll-feinen Rieslinge des Hauses J. J. Prüm mit den Werken Bachs, Goethes und Schinkels verglichen.
Streng grüßen von den Wänden des Herrenzimmers im Parterre die Ahnen der hundertjährigen Winzerdynastie. Schwere Vorhänge säumen die Fenster, durch die der Blick über den Fluss auf die legendären Steilhänge der „Wehlener Sonnenuhr“ fällt Der Zeitgeist ist hier nicht zuhause. „Die ganze Region ist sehr konservativ“, lächelt Katharina Prüm, die Juniorchefin des Weinguts. Die zierliche 32-Jährige trägt eine Stehkragenbluse unterm anthrazitfarbenen Pulli. Freundlich bestimmt kommt sie auf den Punkt: „Als Unternehmer wissen wir, wie wichtig Infrastruktur ist“, sagt sie: „Aber dieses Ding ist komplett falsch geplant.“ So empört sind sie und ihre Familie, dass es bei der rheinland-pfälzischen Landtagswahl vor knapp zwei Wochen eine denkwürdige Premiere gab: „Wir haben dieses Mal alle anders gewählt“, bekennt die Juristin.
Höher als der Kölner Dom
Anders – das heißt in diesem Fall grün. Weil die Grünen im Wahlkampf als einzige ernstzunehmende Partei klar Stellung gegen „das Ding“ bezogen haben. „Das Monster“ nennen es andere. Im Beamtendeutsch heißt es harmlos „B50 neu“. Schwindelerregende 160 Meter soll die Hochmoselbrücke in den Himmel ragen. Höher als der Kölner Dom. Und nicht nur den Fluss, sondern das ganze Bilderbuch-Tal zwischen Ürzig und Rachtig soll die vierspurige Straße auf einer Länge von 1,7 Kilometern überspannen.
Die Gegner befürchten die Zerstörung einer einzigartigen Kulturlandschaft. In einer großen Schleife windet sich die Mosel zwischen Bernkastel-Kues und Traben-Trarbach nämlich um den 360 Meter hohen Moselsporn. An seinen Hängen wachsen einige der besten Rieslinge Deutschlands. Auf seinem Rücken erholen sich Wanderer und Mountainbiker. Die Trasse aber würde das Plateau längs durchschneiden, um dann beim „Zeltinger Himmelreich“ auf 16 Meter breiten Stelzen das Tal zu kreuzen. Von unten kein schöner Anblick. „Die Übernachtungszahlen werden in den Keller stürzen. Hier kommt doch keiner mehr hin“, fürchtet Markus Reis, der Inhaber des „Zeltinger Hof“.
Schlimm könnte es auch die Winzer treffen, wenn durch die Versiegelung der Kuppe die Wasserversorgung ihrer Rebstöcke gestört würde, wie manche glauben. Es gab Anhörungen, Petitionen, Klagen, Gutachten und Gegengutachten. Rechtlich sind alle Einspruchsmöglichkeiten erschöpft. Im Sommer rücken die Bagger für die Brücke an. So ist es geplant.
Zwangsläufigkeiten wollen die Gegner nicht akzeptieren
Doch was heißt das in Zeiten, in denen die schwarz-gelbe Regierung über Nacht acht Atomkraftwerke abschaltet, die Deutsche Bahn die Bauarbeiten bei „Stuttgart 21“ stoppt, und die Grünen in Mainz an die Regierung kommen? Zwangsläufigkeiten wollen die Brücken-Gegner nicht mehr akzeptieren. „Der Ausstieg ist nur eine Frage des politischen Willens“, argumentiert Prüm. Die Landtagswahl, bei der die Grünen in den Moselgemeinden Zeltingen und Graach sagenhafte 20 Prozent der Stimmen holten, hat die parteipolitisch bunt zusammengewürfelte Bürgerinitiative Pro-Mosel elektrisiert.
Beim abendlichen Treffen im Ürziger Weinhaus „Moselschild“ herrscht eine euphorische Stimmung. „Das ist sensationell“, schwärmt Sprecher Georg Laska: „Bei vielen ist die Zuversicht zurückgekehrt.“ Seine Co-Sprecherin Sarah Washington beschwört den „historischen Moment“.
Begeistert reagieren auch Menschen, die sich normalerweise wenig mit Mainzer Landespolitik beschäftigen. Kaum waren die Stimmen ausgezählt, gingen bei Prüm die ersten Mails von Kunden aus den USA und Belgien ein, die gratulierten. Winzerkollege Ernst Loosen, der seine vielfach prämierten Rieslinge vorwiegend ins Ausland verkauft, wurde in der vergangenen Woche auf einer Weinmesse von seinem finnischen Agenten mit Fragen bombardiert: „Unglaublich, wie stark die das verfolgen“, staunt der Mann mit dem wilden Haar. Selbst die britische Weinzeitung Decanter berichtete über die „neue Hoffnung“ für die Mosel.
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