Es ist nicht überliefert, wie lange die italienischen Designer Piero Gatti, Cesare Paolini und Franco Teodoro am elterlichen Esstisch still sitzen und im Wohnzimmersessel auf die gerade Haltung achten mussten. Fest steht aber, dass ihr Möbelstück zu einer Ikone des Designs wurde, das auch gut 40 Jahre nach seiner Entwicklung in verschiedensten Farben und Formen in Möbelläden und Wohnungen zu finden ist. Und zurzeit mit einer Ausstellung in der Schweiz gefeiert wird.
Wer sich heute in diese flexible Knautschzone fallen lässt, spürt die revolutionäre Geste der Formlosigkeit. Tausende aufgeschäumter Polystyrol-Kugeln umspielen den Körper, geben nach und machen jede Bewegung mit. "Sacco", so der Name des Sitzsacks, war die Erlösung von den Schrecken der Kindheit, vom "Sitz gerade" und "Hände auf den Tisch!" Der Spaßsessel rebellierte gegen bürgerliche Relikte, auch gegen den paramilitärischen Kommando-Ton der Väter. Der Spaßsessel stieg auf zum Lieblingsmöbel der 68er.
Formlose Möbel, Museum für Gestaltung, Zürich, 11. November 2009 bis 14. Februar 2010. Buch: Peter Noever (Hg.): Formlose Möbel, MAK Wien, Hatje Cantz
Er besteht aus vinylbeschichtetem Textil und ist weich wie Samson - Kuschelmonster aus der "Sesamstraße". Er verkörpert Entgrenzung und Demokratie, weil er sich jedem Körper anpasst. Seine Anhänger schwärmen noch heute vom ersten anatomischem Sessel und vergessen, wie rückenfeindlich der Fläz-Airbag auf Dauer ist. Wer zu lange in ihm ausruht, kann gleich das ABC-Pflaster für den Tag danach auf die Haut kleben.
Der Sitzsack steht für eine ganze Schar "formloser Möbel", denen zurzeit in der Schweiz eine Ausstellung gewidmet ist. Es ist eine Übernahme aus dem Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK), zeigt Grenzgänge zwischen noch-gebrauchsfähig und Schon-Kunst.
Der Titel klingt absurd - wie "tonlose Musik" oder "unsichtbare Malerei". Und doch zielt die Schau auf ein recht produktives Paradox, eine fast philosophische Übung über die Grenzen der Gestaltung. Gegenstände, die sich dem Sitzen, Nutzen und Halten scheinbar entziehen, üben einen unbändigen Reiz auf Designer aus, vergleichbar dem Aufbruch der klassischen Moderne, als sich Dichter von Reim und Versmaß befreien mussten, um später wieder Regeln in ihr Repertoire aufzunehmen.
Was soll man etwa von "Corallo" halten, einem Linienknäuel, das eine Sitzbank mehr umschreibt als ausfüllt? Fernando und Humberto Campana formten es 2004 aus Stahldraht, dem sie eine korallenrote Pulverbeschichtung verpassten. An verschmorte Reifen erinnert dagegen die schwarze Sitzgarnitur von Robert Stadler. Stadler verarbeitete 2004 Unmengen Leder, Holz und PVC zu "Pools and Pouf". Solches Design ist ohne Ironie weder zu besitzen noch zu verstehen.
Wer aber nur Sensation und Protest erwartet, wird enttäuscht. Selbst der Protest besaß eine gewisse Logik. "Sacco" etwa bot immer mehr als eine Hülle mit Fülle. Gatti, Paolini und Teodoro ließen sich zu ihrem Protestsitz nämlich von etwas unerhört Praktischem inspirieren, Säcken, mit denen Bauern Kastanienblätter sammelten, um damit Matratzen auszustopfen.
Das Trio experimentierte mit Wasser und Sand als Füllmaterial. Die Designer versuchten es mit Tischtennisbällen und fanden endlich Polystyrol. "Sacco" wurde zum Star der Möbelmessen, landete dann als Ausdruck von Mut im Wohnzimmer. War die Rebellenzeit vorbei, kam er in den Hobbykeller oder - noch schlimmer - als alter Sack ins Raucherzimmer des Jugendtreffs. In Zürich können ihn Design-Jünger wieder befreien und zum zeitlosen Kultobjekt stilisieren.
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