Warum nicht auch nach Afghanistan? Oliver Percovic hatte sein Skateboard immer mitgenommen, wenn er von seiner Heimat Australien aus um die Welt gereist war, in mehr als 40 Länder. Allein, weil er dadurch immer schnell andere Skater kennen lernte, die ihm die Städte zeigten.
Zwar war ihm klar, dass es im kriegsgeschundenen Kabul, Afghanistans Hauptstadt, keine Skaterszene geben würde. Aber sollte er sein Brett darum zu Hause lassen? Percovic packte es ein, als er seine damalige Freundin besuchte, die als Entwicklungshelferin arbeitete. Da ahnte er nicht, dass aus seinem Besuch ein Hilfsprojekt werden würde, für das sich schon wenige Monate später die ganze Welt interessieren sollte: "Skateistan".
Weitere Informationen zum Projekt unter www.skateistan.org
Anfangs mussten sie sich die Plätze zum Boarden erst suchen. Man rollt in Kabul nicht einfach so die Hauptstraße entlang. Der frische Teer wäre zwar geeignet, aber es stehen überall Militär-Checkpoints. Also fanden Percovic und seine Freundin ein leeres Schwimmbad, wo die Taliban früher Menschen hinrichteten. Dort übten sie ein paar Tricks. Einige afghanische Jugendliche schauten neugierig zu, fragten bald, ob sie es auch mal probieren dürften. Sie hatten sowas noch nie gesehen. Irgendwann fuhren nur noch die Teenager. Percovic stand daneben und kam auf die Idee, daraus mehr zu machen: 70 Prozent der Afghanen sind jünger als 25 - die mussten sich doch in der Freizeit irgendwie beschäftigen, Spaß haben, nicht nur an Armut und Anschläge denken. Vielleicht waren Skateboards ein Anfang.
Percovic, heute 34, ging immer öfter mit einigen Jugendlichen zu einem trockengelegten Brunnen in einer Plattenbausiedlung. Die jungen Afghanen dachten anfangs, man müsse sich auf die Boards setzen und sich ziehen lassen. Percovic zeigte ihnen, wie man sich auf die Bretter stellt und mit einem Bein anschiebt, wie man die Spitze des Bretts beim Fahren nach links und rechts hob, an den Seiten des Pools hochfährt - und springt. Die Anwohner waren recht liberal und fanden die Skateboarder erst einmal interessant. Manchmal kamen Polizisten vorbei, ließen sich links und rechts unterhaken und fuhren wackelnd und lachend ein paar Meter.
Bei den ersten Treffen mussten Percovic und seine Helfer den alten Brunnen, in dem sie übten, immer selbst säubern. Sie borgten sich Besen vom Laden nebenan, kehrten Blätter, Staub und Dreck weg. Irgendwann fingen die Jugendlichen damit an, ehe Percovic kam. "Weil sie Bock hatten, so schnell wie möglich zu fahren", erinnert er sich.
Eines Tages lernte Percovic einen Deutschen kennen: Max Henninger aus Darmstadt, Öffentlichkeitsarbeiter beim Deutschen Entwicklungsdienst. Henninger begann, auf das Projekt aufmerksam zu machen. Percovic hatte sich vorher schon um Geld für Boards und Schutzausrüstung bemüht. Seine Pläne wurden größer: eine neue Skatehalle, darum ein ganzes Freizeitzentrum mit Kletterwand und Volleyballplatz. Das Auswärtige Amt versprach 50000 Euro für die Halle, auch die Botschaften von Kanada und Norwegen schossen etwas zu. Ein deutsches Skateunternehmen schickte nach einer Spendenaktion Helme, Knieschoner und noch mehr Bretter.
In Kabul gibt es nun einen neuen Job: Mirwais, 13, ist so was wie ein Brettwart, er kümmert sich um die Skateboards. Davor hat er Autos für zwei Dollar am Tag gewaschen, bei Skateistan zahlen sie ihm acht. Er ist der Junge für alles und wohl einer der besten afghanischen Skater. Wenn die anderen skaten, passt er auf, dass sie sich abwechseln, am Ende sammelt er die Boards ein.
Skateistan ist ein Projekt, das unterschiedlichste Teenager zusammenbringt. Ein Straßenjunge übt neben der Tochter eines Bankers und dem Sohn eines Piloten. In Afghanistan sei Skateboarden die einzige Möglichkeit für Mädchen, öffentlich Sport zu treiben, sagt Henninger. Fahrradfahren dürfen sie nicht. Wenn die Halle erst steht, werden sie genau darauf achten müssen, dass Jungs und Mädchen getrennt unterrichtet werden und es eigene Lehrerinnen für Mädchen gibt. "Alles andere würde für Misstrauen sorgen."Erst kürzlich habe er gehört, wie ein Mann im Bus zu einem Jungen mit Skateboard sagte, er solle lieber in die Moschee gehen.
Das Skateboard als amerikanisches Teufelszeug abzulehnen, darauf ist bisher aber noch niemand gekommen. "Skatebaording ist völlig unbelastet", sagt Henninger. "Wir haben auch nicht vor, eine westliche Skate-Kultur zu importieren. Die Klamotten und den ganzen Habitus wollen wir außen vor lassen." Man ist und bleibt eben doch in Kabul.
Die Stadt sei anders, als sie in den deutschen Medien wirke, findet Henninger. Friedlicher. Aber manchmal bringen Anschläge das Skate-Programm durcheinander. Zum Beispiel ist der Pool, in dem sie immer fahren, nur wenige hundert Meter von einem Kreisverkehr entfernt, der zum Flughafen führt. Kürzlich mussten sie ihr Treffen absagen, weil es dort eine Explosion gegeben hatte.
Manchmal fahren Percovic und Henninger zur Amani-Schule und skaten dort. Es ist der beste Platz dafür in Kabul, aber sie dürfen ihre Gruppe nur selten dorthin mitnehmen. Die Sicherheitsleute haben Angst vor Anschlägen, denn nebenan liegen der Präsidentenpalast und die US-Botschaft. Es ist eigentlich absurd, denn die Skater sehen sich als Friedensbotschafter. Eine Frankfurter Firma hat ihnen T-Shirts geschenkt, auf denen ein Board ein Gewehr zerschlägt.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
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