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20. Dezember 2011

So leben unsere Politiker: Ich bin wie ihr

 Von Nikolaus Bernau
Die saarländische Variante einer Palladio-Villa? Linken-Politiker Oskar Lafontaine will offenbar gerne beeindrucken.  Foto: imago

Politiker-Wohnorte in Demokratien dürfen nicht auffallen. Aber auch sie verkünden Botschaften.

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Eine der großen Segnungen des bundesrepublikanischen Gesellschaftsmodells ist, dass das Privatleben unserer Politiker relativ wenig interessiert. Doch wenn das Politische sich mit dem Privaten zu vermischen scheint, wie etwa derzeit im Trubel um Bundespräsident Christian Wulff, und wenn es dann auch noch um einen Hausbau geht, mit dem viele Bürger ihre ganz eigenen Erfahrungen haben, dann wünschte man sich ein Buch: So wohnen unsere Politiker. Besser wäre allerdings der Titel: So inszenieren auch Politiker ihr Leben.

Wohnen ist nämlich über alle privaten Vorlieben hinaus immer auch der Versuch, anderen ein Bild davon zu vermitteln, wie man sich selbst sieht oder wie man selbst gerne wäre: Steht viel oder wenig im Raum herum, hat man Teppiche oder Dielen, sind die Möbel stilistisch einheitlich oder gemischt, wo steht der Fernseher, gibt es überhaupt einen, sind nur repräsentative Ledereinbände zu sehen oder auch zerlesene Sachbücher, Romane und Krimis – all das ist Teil einer Botschaft. Das gilt für Wähler wie für Politiker.

Ein sehr deutsches Haus besitzt Bundespräsident Wulff.
Ein sehr deutsches Haus besitzt Bundespräsident Wulff.
 Foto: dpa

In Demokratien ist deswegen ihr wichtigstes Statement schon seit dem 19. Jahrhundert: Ich bin wie ihr. Und seit dem Aufstieg des Bürgertums und der westlichen Demokratie gilt ostentativer Luxus meist als ein Zeichen entweder von adliger Dekadenz – Modell König Ludwig II. und sein Schloss Neuschwanstein – oder von gesellschaftlich peinlichem Neureichtum – Modell Villa Berlusconi. Ihr Pomp wurde von den Bürgern als Zeichen kultureller, vor allem aber politischer Unzuverlässigkeit gesehen.

Lafontaine - Kennedy - Heuss

Wie wirkungsmächtig solche Bilder sind, das erlebte vor wenigen Jahren Oskar Lafontaine. Er baute sich eine Villa, die mit Ocker-Farben, Pfeilerveranden und dem Oberlichtaufbau im Zentrum der Dachpyramide vage italienische Erinnerungen hervorrufen sollte. Sicher wollte Lafontaine eigentlich die Schönheit des Lebens, des guten Weins im edlen Kristallglas feiern. Tatsächlich griff er aber zum Pressglas. Wenn jemand seither die Seriosität des Politikers Lafontaine noch weiter dekonstruieren will, ist das Bild seiner Villa nicht fern.

Der anhaltende Ruhm von John F. Kennedy hingegen, ein moderner und kluger Präsident gewesen zu sein, beruht wesentlich auf der Geschmackssicherheit seiner Frau Jacqueline. Als diese das Weiße Haus neu einrichten ließ, hielt ihr luftiger Schick genau die Waage zwischen einer Modernität, die auf avantgardistische Härten verzichtete, und einem Konservatismus, der Stuckbordüren vermied. Ein perfektes Bild der ausgleichenden Rolle, die Politik in einer Demokratie einnehmen soll.

Eine ganz andere Botschaft verkünden der Bungalow, den sich der erste Bundespräsident Theodor Heuss nach dem Ende der zweiten Amtszeit 1959 in Stuttgart errichten ließ, oder der 1964 eingeweihte Kanzlerbungalow in Bonn. Leichte Bauten mit niedrigem Dach, weiten Fenstern, offenen Raumfluchten. Schlichte, klare und doch moderne Gebäude, die verkünden: Nie wieder wird deutsche Politik großmachtlüstern werden. Bürgerliche Bescheidenheit ist auch der neue deutsche Trumpf.

Die Deutschen: Schmidt - Schröder - Wulff

In diesem Korsett können aber Nuancen gesetzt werden. Helmut Schmidt und Gerhard Schröder etwa bewohnen Reihenhäuser. Schmidt einen moderat modernistischen Bau mit skandinavisch-schlanken Möbeln und übervollen Bücherregalen. Die Fotos dieser Räume vermitteln das sichere Selbstbewusstsein, Teil der bürgerlichen Gesellschaft zu sein, und das Wissen, diese immer wieder erneuern zu müssen.

Schröder, der Aufsteiger aus dem Kleinbürgertum, bezog dagegen ein Haus, das mit Satteldach und kleinen Fenstern der konservativen Richtung der Moderne angehört. Eine Architektur, die signalisiert: Ihr alle könnt es schaffen. Sicherheit ist nur eine Frage der Anstrengung und der Kleidung. Und wer es erreicht hat, wirkt selbst mit russischen Geschäftspartnern seriös.

Was also vermittelt uns das Bild von Wulffs Villa? Ein Haus, das mit seinem Krüppelwalmdach und den als Tapete vor der eigentlichen Wand versetzten Ziegelsteinen landschaftlich-regionale Verbundenheit signalisiert. So wie sie seit jeher von deutschen Konservativen gefordert wird. Dessen übergroße Dachgaube Rechenhaftigkeit andeutet – man verschwendet keinen Raum. Die Liberalen freuen sich. Ein Haus, das nicht auffällt, in dem eigentlich nur Ikea stehen kann. So wie es Sozialdemokraten glücklich macht. Es steht im Vorort. Die Autolobby jubelt. Und der Rasen ist bis zu den Beetkanten hin scharf geschnitten. Ein sehr deutsches Haus also.

Wer will in diesem Land Politiker, die sich als wilde Wiese symbolisieren lassen? Karriere würden die nie machen.

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