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25. März 2016

Sommerzeit: Zeit für eine Weltzeit

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Auch im Düsseldorfer Uhrenfeld springen in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Zeiger eine Stunde vor.  Foto: epd

Ein Ökonom und ein Astrophysiker plädieren dafür, alle Zeitzonen abzuschaffen. Die von ihnen propagierte Weltzeit hat mit dem Sonnenstand nichts mehr zu tun. Und wann soll sie eingeführt werden? Am 1. Januar 2018.

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Am Sonntag werden um 2 Uhr die Uhren um eine Stunde auf 3 Uhr vorgestellt. Von da an gilt die Mitteleuropäische Sommerzeit. Bis zum Sonntag, den 30. Oktober. Seit 1996 beginnt die Sommerzeit in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union am letzten Sonntag im März. Sie endet am letzten Sonntag im Oktober. Die Atomuhr in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig sendet die Signale, durch die sich die deutschen Funkuhren automatisch der neuen Zeit anpassen. Die Sommerzeit ist ein Kriegskind.

Der erste bekannte Vorschlag zu ihrer Einführung stammte von niemand Geringerem als Benjamin Franklin. Der war 1784 als eine Art US-Botschafter in Paris und entsetzt über die Kosten, die das ausgiebige Nachtleben der Pariser schon rein beleuchtungstechnisch verursachte. Er schlug ihnen in einem sehr amüsant zu lesenden „Leserbrief eines Abonnenten“ im „Journal de Paris“ vor, statt Kerzen und Öl lieber das Sonnenlicht zu nutzen. Für jedes gegen das eindringende Sonnenlicht verdunkelte Fenster wäre eine Steuer von einem Louis zu bezahlen. In den Wachshandlungen sollten Polizisten darauf achten, dass niemand mehr als ein Kilo Kerzen pro Woche kaufen würde. Eine sehr vergnügliche Satire, wohin es führt, wenn man die private Tugend – in diesem Fall die der Sparsamkeit - zu einer öffentlichen machen möchte. Der Weltverbesserer Franklin scheiterte damit. Robespierre hatte ein paar Jahre später – zum allgemeinen Unglück – mehr Glück damit.

Der nächste uns bekannte Propagandist einer staatlich verordneten Sommerzeit war – schon das sollte uns zu denken geben – der Insektenforscher George Vernon Hudson. Er hielt 1895 vor der Royal Society of New Zealand einen Vortrag, in dem er die Einführung einer Sommerzeit forderte, um das Sonnenlicht besser ausnutzen zu können. Nichts tat sich. Danach gab es immer wieder solche Überlegungen, auch Eingaben bei Behörden oder Parlamenten. Überall erfolglos.

Langschläfer
Für den technischen Ablauf

Langschläfer werden sich an diesem Sonntag ärgern, denn in fast ganz Europa beginnt in der Nacht die Sommerzeit. Von Samstag auf Sonntag werden die Zeiger um 2 Uhr morgens auf 3 Uhr vorgestellt. Den Menschen wird also eine Stunde „gestohlen“.

Für den technischen Ablauf der Zeitumstellung sind die Wissenschaftler der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig zuständig. Sie sorgen dafür, dass das entscheidende Signal von einem Sender im hessischen Mainflingen ausgesendet wird, so dass sich Millionen von Funkuhren in Deutschland nachts ganz automatisch umstellen. (dpa)

Bis zum 30. April 1916. Da führte das Deutsche Reich die Sommerzeit ein. Es ging wieder ums Energiesparen. Man brauchte jedes Joule für den Sieg. Also galt es, die Sonnenenergie für den Arbeitstag bestmöglich zu nutzen. Noch im selben Jahr zogen viele der anderen Kriegsteilnehmer – Freund und Feind – nach. Nach dem Krieg wurde die Sommerzeit wieder abgeschafft und im Zweiten Weltkrieg wieder eingeführt. Danach galten die Regelungen der Besatzungsmächte. Im Westen also die Sommerzeit. Im Osten – so einfach war das – die Moskauer Zeit. Ostdeutschland war Westdeutschland also zwei Stunden voraus. Dazu kam die Hochsommerzeit. Sie galt in den Westzonen von 1947 bis 1949 vom 11. Mai bis zum 29. Juni. Da wurden die Uhren gegenüber der Sommerzeit noch einmal um eine Stunde vorgestellt. 1949 wurden BRD und DDR gegründet. Sommer- und Moskauer Zeit wurden abgeschafft. Ab 1950 liefen in den beiden deutschen Staaten die Uhren  synchron. Als die Sommerzeit 1980 wieder eingeführt wurde, geschah das, weil viele der europäischen Nachbarstaaten sie hatten und weil eine Einigung mit der DDR zustande gekommen war. Man hatte in der Bundesrepublik die Teilung Deutschlands nicht auch noch durch eine einseitige Zeitumstellung betonen wollen.

Über die Vor- und Nachteile der Sommerzeit wird schon seit es sie nur als Vorschlag gab gestritten. 74 Prozent der Deutschen halten sie für überflüssig. Nach einer aktuellen Umfrage der DAK haben drei von zehn Bundesbürgern Probleme mit der Zeitumstellung. In den ersten Tagen nach der Umstellung auf die Sommerzeit sollen sich die Herzinfarkte, am Montag nach ihr die Verkehrsunfälle häufen. Laut Erkenntnissen des Bundesumweltamtes spart man während der Sommerzeit zwar abends elektrisches Licht, jedoch wird dann morgens mehr geheizt, besonders in den kalten Monaten (März, April und Oktober). Insgesamt steigt der Energieverbrauch dadurch sogar an. Folgte die bundesrepublikanische Menschheit der legendären Pulloverempfehlung des Mitte-Rechts bestsellernden Ex-Bankers Thilo Sarrazin, sähen die Zahlen für die Sommerzeit wohl besser aus.

Von der Landwirtschaft hört man auch nichts Gutes über die Sommerzeit: Milchkühe  benötigen bis zu zwei Wochen, um sich auf die neuen Melkzeiten umzustellen. „Besonders bei der Herbst-Zeitumstellung ist der veränderte Tagesablauf auf den Höfen  am lauten Muhen einiger Kühe morgens deutlich zu verfolgen“, berichtet der Reporter von Wikipedia.

Ebenso schwierig sieht es an mancher religiösen Front aus: Jüdische und muslimische Gebets- und Fastenzeiten richten sich nach dem Sonnenstand. Sommerzeitregelungen verändern daher die Zeit zwischen Morgengebet und Arbeitsbeginn bzw. Arbeitsende und Abendgebet bzw. Fastenbrechen. Aus diesem Grund gab es immer wieder Konflikte zwischen religiösen und säkularen Juden. Daher wird seit 2005 in Israel die Sommerzeit vor dem strengen Fastentag Jom Kippur beendet. Seit 2011 setzt die einst streng säkulare Palästinensische Autonomiebehörde die Sommerzeit zwischen 1. und 29. August für die Zeit des Ramadans aus. In der Grabeskirche in Jerusalem gelten die Regelungen, auf die die verschiedenen Religionsgemeinschaften 1852 sich geeinigt haben. Also gilt in der Kirche, auch wenn draußen Sommerzeit ist, die Normalzeit.

Von Samstag auf Sonntag werden wieder die Uhren umgestellt.  Foto: dpa

Was ist die Normalzeit?  Das war zunächst die Zeit am jeweiligen Ort. Wenn die Sonne oben stand war Mittag. Von da aus rechnete man zurück und vor. Von Carl Schmitt stammt die Einsicht: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand bestimmt. Mit mindestens ebenso großem Recht ließe sich sagen, Souverän ist, wer die Normalzeit definiert. Jüngstes Beispiel dafür ist Nordkorea, das im vergangenen August eine Zeitzone ganz für sich etablierte. Die Uhren wurden eine halbe Stunde vorgestellt. Das Land kehrte damit zu der Zeit zurück, nach der es sich vor seiner Besetzung durch Japan gerichtet hatte.

Der Souveränität über die Normalzeit machten die Eisenbahnen den Garaus. Es waren nicht die Staaten, geschweige denn die Bundesregierung, die die ersten großflächigen Zeitzonen in den USA etablierten. Es waren die Eisenbahngesellschaften. Die europäischen taten es ihnen nach. Die Telegrafie erhöhte den Druck auf eine Vereinheitlichung. 1884 tagte in Washington die internationale Meridiankonferenz. Dort wurde festgelegt, dass der Nullmeridian durch Greenwich gehen sollte. Die meisten Staaten haben sich – Vorsicht Kalauer! – im Laufe der Zeit  auf eine von den 24 Uhrzeiten (1 Uhr bis 24 Uhr) festgelegt, auf die man kommt, wenn man jeweils um einen eine Stunde verschobenen Längengrad weiter- oder zurückgeht.  In Deutschland gilt seit 1893 die Mitteleuropäische Zeit.

Große Länder haben meist mehrere Zeitzonen. Russland zum Beispiel hat jetzt zum Beispiel wieder elf Zeitzonen. Die USA haben neun verschiedene Zeitzonen, dazu noch die Sommerzeit, die ganz im Sinne Franklins „Daylight Saving Time“ heißt. In ganz China aber gilt nur eine Zeit das ganze Jahr hindurch.

Steve Hanke und Dick Henry, Professoren für Ökonomie respektive Astrophysik an der Johns Hopkins University in Washington, finden: So wie Ende des 19. Jahrhunderts Dampf und Elektrizität den Lokalzeiten den Garaus machten, so hat das Internet Zeit und Raum vernichtet. Es ist Zeit für eine Weltzeit. Diese Weltzeit hat natürlich mit dem Sonnenstand radikal nichts mehr zu tun.

Es ist zwar überall auf der Welt die gleiche Zeit, aber man macht ganz unterschiedliche Dinge. Wenn wir um zwölf zu Mittag essen, dann wäre der Japaner mit den Abendnachrichten beschäftigt. Die Uhrzeit sagt nichts mehr über die Lebenssituation aus.  Sie ist dafür aber ein fixer Referenzpunkt nicht nur für den weltweiten Datenverkehr. Sie würde es auch ermöglichen, dass wir, so die beiden Professoren, für den Rest der Weltgeschichte mit einem Kalender auskämen. Denn jeder Wochentag fiele von da an auf dasselbe Wochendatum. Wie diese Weltzeit im Einzelnen zu regeln wäre, darüber klären die beiden Herren die interessierte Öffentlichkeit in der „Washington Post“ auf. Wir haben, wenn es nach den Professoren geht, keine Zeit mehr. Sie wollen die Weltzeit ab Montag, den ersten Januar 2018.

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