Dass der eine ohne die anderen nicht kann, stimmt nicht – jedenfalls nicht bei den Fantastischen Vier, Deutschlands erfolgreichster Hip-Hop-Formation seit mehr als zwanzig Jahren. Neben der großen Karriere als Rap-Quartett hat jeder von ihnen parallel dazu sein eigenes Ding am Laufen, als Produzent oder als Solist, als Rennfahrer oder als Ratefuchs im Fernsehen. Jetzt will auch Thomas D. wieder einmal etwas Neues wagen, er wird Zeremonienmeister bei „Unser Star für Baku“. Deutschlands Talentsuche für den Eurovision Song Contest 2012 läuft ab dem 12. Januar in der ARD und auf ProSieben.
Bereits im Vorfeld dazu beweist Thomas D., dass die leisen Töne seine Sache nicht sind. „Kunst“ will er präsentieren, erklärt er vollmundig, „Authentisches“ finden, jemanden, der Deutschland „würdig“ vertritt beim ESC. Der Rapper weiß, dass er ordentlich auftrumpfen muss, schließlich tritt er in die Fußstapfen eines Stefan Raab. Der hatte vor zwei Jahren die neue Kandidaten-Kür ins Leben gerufen, war auf Anhieb erfolgreich mit Lena Meyer-Landrut und begeisterte mit seiner völlig anderen Casting-Show selbst Kritiker, die sonst von solchen Formaten nichts halten.
Thomas D. wurde am 30. Dezember 1968 in Ditzingen bei Stuttgart geboren und heißt mit bürgerlichem Namen Thomas Dürr. Nach seinem Realschulabschluss machte er eine Ausbildung als Friseur.
Seit 1989 ist er Mitglied der deutschsprachigen HipHop-Band Die fantastischen Vier. Mit dem Lied „Die da!?“ des Albums „4 gewinnt“ stürmte das Quartett im September 1992 die deutschsprachigen Charts. Als Solokünstler hat Thomas D. bereits vier Alben auf den Markt gebracht.
Der Vegetarier Thomas D. ist verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn. Mit seiner Familie und Freunden lebt er in der Nähe von Daun in der Eifel in einer Landkommune. Der Rapper ist vielseitig engagiert: Er unterstützt die Tierrechtsorganisation Peta, ist Pate des Rap-Projekts „Junge Dichter und Denker“ und engagiert sich für die Stadtinitiative „Ditzinger helfen Afrika“.
Nachdem seine Entdeckung Lena beim zweiten Anlauf 2011 in Düsseldorf nicht noch einmal siegen konnte, ließ Raab das Geschäft mit dem Eurovision Song Contest schnell sein. „Das ESC-Finale 2011 in Deutschland war der absolute Höhepunkt meiner ESC-Karriere“, erklärte er knapp und versprach, sich fortan aus allen Funktionen zurückzuziehen – als Moderator, Juryvorsitzender, Komponist und musikalischer Produzent. Als bereits Mitte Juni 2011 Thomas D. als sein Nachfolger gekürt wurde, meldete sich Stefan Raab noch einmal zu Wort und lobte den musikalischen Sachverstand des neuen Mannes ebenso wie dessen Eloquenz und Charme.
Das Gegenteil von Bohlen
Das also sind die Vorschusslorbeeren des 43-Jährigen, der seinen neuen Job durchaus im Geiste von Stefan Raab fortsetzen will, und auf gar keinen Fall so werden möchte wie Dieter Bohlen. Dessen „menschenverachtender Gestus“ missfalle ihm, sagte er dem Spiegel, in seiner Show gebe es auch keine Nachbearbeitung wie bei der neuen, überaus erfolgreichen Casting-Show „The Voice of Germany“: „Mich nerven diese Überzeichnungen, wenn etwa in diesen Shows ein Zuschauer genau im richtigen Moment aufspringt. Das ist ja erst im Nachhinein so komponiert.“ Nein, bei ihm sei alles unverfälscht und live.
Aufgewachsen in Ditzingen bei Stuttgart als Sohn eines Tankstellenpächters und ausgebildet als Friseur, beschäftigt Thomas D. der Wunsch nach Authentizität und einem wahrhaftigen Lebensstil nicht erst seit seiner Berufung zur Raab-Nachfolge. Der Vegetarier unterstützt die Tierrechtsorganisation Peta und sympathisiert mit der Lohas-Bewegung, deren Anhänger sich als kritische Konsumenten der Gesundheit und Nachhaltigkeit verpflichtet fühlen. Mit Freunden, seiner Frau, zwei Kindern und drei Hunden, sieben Katzen und zwei Schweinen lebt Thomas D. in einer zeitgemäßen Landkommune in der Eifel, „friedlich, spirituell orientiert und künstlerisch spontan“.
Auch bei der Arbeit bleibt der Musiker seinen Ansprüchen treu. Als Solist versuchte er sich an Rap-Versionen von Schiller- und Goethe-Gedichten, außerdem ist er seit Frühjahr 2011 Pate des Rap-Projekts „Junge Dichter und Denker“. Und auf seinem letzten Solo-Album „Lektionen in Demut 11.0“ gibt er sich philosophisch: „Vor dem Sturz steht der Hochmut, und nach dem Fall folgen Lektionen in Demut.“
Keine Berührungsängste mit Werbeaufträgen
Doch wenn es um das große Geld geht, kann der glamouröseste der Fantastischen Vier auch anders: So machte er bereits Werbung für den japanischen Autohersteller Toyota, trat als Werbepartner des Online-Rollenspiels „World of Warcraft“ in Erscheinung und suchte für die Deutsche Telekom nach Interpreten für einen neuen Song. Für so viel Widerspruch in seiner Person bekam er dennoch viel Lob vom Lifestylemagazin GQ: „Thomas D. hat, ganz im Trend der Zeit, die Öko-Ideologie entkernt und von allem befreit, was verbissen oder protestantisch enthaltsam ist.“
Jetzt also will „der gute Mensch vom Bauernhof“ (Süddeutsche Zeitung) sein buntes Spektrum um eine Farbe mehr erweitern und wird im vielgescholtenen Casting-Geschäft aktiv. Als Vorsitzender der Jury und späterer Produzent des Vorentscheid-Siegers will er natürlich alles besser machen. Schließlich begibt sich der trotz allem von der Pop-Kritik wohlgelittene Musiker bei seinem neuen Ausflug in die Niederungen des mitunter trashigen ESC-Umfelds. Dagegen aber fühlt er sich gewappnet: „Beim ESC gibt es einige Acts, die ich ,Plastik’ nennen würde, denen fehlt die Seele.“ Dem will er Kunst und Authentizität entgegensetzen, verspricht für seine Show aber auch das offene Wort: „Wenn etwas Mist ist, dann muss dazu auch ,Mist’ gesagt werden.“
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
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