Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

28. März 2011

Später Prozess: Durch Unrecht zur Gerechtigkeit

 Von Axel Veiel
André Bamberski. Foto: AFP

Drei Jahrzehnte nach dem Tod seiner Stieftochter steht ein nach Frankreich entführter deutscher Arzt in Paris wegen Mordes vor Gericht. Der Vater des toten Mädchens hatte jahrelang für den Prozess gekämpft.

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Vielleicht gestattet sich der sonst so spröde Mann ein Lächeln der Genugtuung. Grund dazu hätte er. Fast drei Jahrzehnte hat André Bamberski alles gegeben, um denjenigen zur Rechenschaft zu ziehen, den er für den Vergewaltiger und Mörder seiner Tochter Kalinka hält. Der Franzose polnischer Abstammung hat Freizeit, Freundschaften, Vermögen und Karriere geopfert. Er hat zuletzt die Hilfe von Kriminellen in Anspruch genommen, ist selbst mit dem Strafrecht in Konflikt geraten.

Aber mit 73 Jahren ist der pensionierte Buchhalter mit dem stets korrekt gescheitelten schlohweißen Haar nun am Ziel. Der strenggläubige Katholik hat eingelöst, was er an einem Sommertag vor knapp 29 Jahren am Grab der Tochter gelobt hat. Er hat Dieter K. vor Gericht gebracht.

Vom nächsten Dienstag an muss der 75-jährige deutsche Arzt wegen Mordes an dem Mädchen im Pariser Justizpalast Rechenschaft ablegen. Die Jagd ist zu Ende. Der Verfolger kann sich zurücklehnen, in die Rolle des Zuschauers schlüpfen.

Die anderen Verfahrensbeteiligten haben weniger Grund zur Genugtuung. Die Geschichte des Strafverfahrens gegen den deutschen Kardiologen ist eine Geschichte der Pannen und Peinlichkeiten. Eine dubiose Entscheidung reiht sich an die andere. Die bisher letzte, die Prozesseröffnung, macht keine Ausnahme.

Wenn K. bis zum 8. April drei Berufsrichtern und neun Schöffen Rede und Antwort zu stehen hat, dann deshalb, weil Bamberski Selbstjustiz geübt hat. Er hat den Mann, den Deutschlands Staatsanwaltschaft wegen Kalinkas Tod partout nicht zur Rechenschaft ziehen wollte, von einem Entführerkommando zusammenschlagen und nach Frankreich verschleppen lassen, wo dieser bereits 1995 in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft verurteilt worden war. Am 18. Oktober 2009 fand die Polizei im elsässischen Mulhouse den alten Mann am Straßenrand – ein mit Klebeband umwickeltes Bündel Mensch, an dem Krankenhausärzte später einen Schädelbruch oberhalb eines Auges diagnostizieren sollten.

Darf Frankreichs Justiz jemandem den Prozess machen, der durch ein brutales Verbrechen in ihre Gewalt gelangt ist? Darf sie sich darüber hinwegsetzen, dass die deutschen Kollegen die Ermittlungen gegen K. mangels dringenden Tatverdachts eingestellt haben? K.s Anwalt, Yves Levano, bestreitet das. Das Gericht scheint es zu bejahen.

Selbstsicher bis selbstherrlich

Um die Entführung wird es im Pariser Justizpalast daher wohl nur am Rande gehen. Sie soll Gegenstand eines zweiten Verfahrens sein, in dem die Hauptdarsteller des Dramas die Rollen tauschen werden. Bamberski wird dann die Anklagebank drücken. Ihm drohen bis zu zehn Jahren Haft.

Zuerst muss nun allerdings geklärt werden, was sich am Abend jenes 9. Juli 1982 in K.s Haus zugetragen hat. Der gutaussehende, als selbstsicher bis selbstherrlich geschilderte Mediziner lebte damals mit Bamberskis Ex-Frau Danielle, der Mutter Kalinkas, in Lindau am Bodensee. Das Mädchen, 14 Jahre alt, blond, sportlich und kerngesund, war zu Beginn der Sommerferien zu Mutter und Stiefvater gereist und hatte den Tag über im Strandbad herumgetollt.

Am Abend klagt Kalinka über Kopfschmerzen. K. spritzt ihr ein Eisenpräparat. Später gibt er ihr noch eine Schlaftablette. Gegen drei Uhr nachts stirbt das Mädchen. Obwohl der Körper schon in Leichenstarre verfallen ist, injiziert der Stiefvater am Morgen sechs verschiedene Medikamente in Herz und Venen. Gerichtsmediziner wundern sich später über zahlreiche Einstiche und eine „ungewöhnlich fortgeschrittene Fäulnis“ im Körper, die es unmöglich macht, die genaue Todesursache zu ermitteln. Nachweisen können die Experten Verletzungen und Blutspuren im Intimbereich, die als „nach dem Tod eingetretene Verletzungen“ in die Akten gelangen.

Wie die nach dem Tod verabreichten Spritzen löst auch das dem Mädchen am Abend zuvor gegebene Eisenpräparat Verwunderung aus. K. erklärt die Injektion im Lauf der Ermittlungen immer wieder anders.

Schlampige deutsche Justiz

Erst verweist er auf Kalinkas helle Haut, gibt das gespritzte Kobalt-Ferrlecit zum Erstaunen der Fachwelt als Bräunungsmittel aus. Dann nennt er als Grund des Eingriffs eine Blutarmut des Mädchens, die zuvor allerdings noch nie ärztlich diagnostiziert worden war. Schließlich führt er Kalinkas beginnende Periode ins Feld und damit verbundene „hohe Blutverluste“.

Was folgt, wirft dann nicht nur auf K., sondern auch auf die deutsche Justiz kein gutes Licht. Fünf Wochen nach dem Tod des Mädchens stellt die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren mit dem Vermerk „vermutlich natürliche Todesursache“ ein. Als ein Rechtsmediziner die Leiche auf Bamberskis Drängen 1983 erneut untersuchen will, erfährt er von den deutschen Behörden, dass dies nicht möglich ist, da die Leiche des Mädchens nicht mehr vollständig vorhanden sei. Mehrere Körperteile, so die Erklärung der Staatsanwaltschaft, habe man nach einer Untersuchung verloren.

1997 zeigt eine 16-jährige Patientin K. wegen Vergewaltigung an. Der Arzt, der das Mädchen mit einer Spritze betäubt und missbraucht hat, kommt glimpflich davon. Das Gericht verurteilt ihn zu zwei Jahren Haft und setzt die Strafe zur Bewährung aus. Weitere Frauen melden sich, versichern, sie seien als Minderjährige von K. ebenfalls missbraucht worden.

Die Fälle sind inzwischen zwar verjährt. aber sie stützen Bamberskis Vorwurf. Sollte das Gericht dies ähnlich sehen, könnte dem alten Mann späte Genugtuung widerfahren.

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