Auch in Spanien gibt es Regeln, an die sich die Spanier meistens halten, aber ganz so genau nehmen sie es nicht. Sie gehen nicht nur bei Rot über die Straße, sie gehen sogar bei Rot über die Straße, wenn ein Polizist daneben steht. Der nationale Hang zum Anarchischen hat auch das Antirauchergesetz untergraben, das Spanien als eines der ersten europäischen Länder Anfang 2006 erließ.
In Spanien gibt es keine Aschenbecherpolizei wie in New York, und es fehlt der Typ des altruistischen Nörglers, der in Deutschland so verbreitet ist: der Typ, der anderen Leuten eine kleine Ansprache hält, wenn jemand vor seiner Nase eine Regel gebrochen hat. Also haben die Spanier einfach weitergeraucht, Gesetz hin oder her.
Nun war das spanische Antirauchergesetz von Beginn an so weitmaschig formuliert, dass die Regelbrecher leichtes Spiel hatten. Nur Bars und Restaurants mit einer Grundfläche von mehr als 100 Quadratmetern wurden verpflichtet, mindestens zwei Drittel ihres Platzes für Nichtraucher zu reservieren. Kleinere Läden durften selbst entscheiden, ob sie ein Rauchverbotsschild an die Tür hängen wollten oder nicht. Die meisten tatens nicht.
Von 350.000 Lokalen in ganz Spanien besitzen heute nur 40.000 eine Nichtraucherzone oder sind ganz rauchfrei. In den anderen 310.000 Lokalen wird geraucht, als hätte es nie ein Gesetz gegeben, und kein nichtrauchender Spanier käme auf die Idee, seinen rauchenden Landsmann um ein wenig Rücksicht zu bitten. Auch am Arbeitsplatz nicht, wo das Rauchen generell verboten ist - was die alteingesessenen Raucher nicht schert. Die meisten Kollegen nehmens hin.
Jetzt soll alles anders werden, hat sich Gesundheitsministerin Trinidad Jiménez vorgenommen. Die spanische Gesellschaft sei reif genug, ein Rauchverbot in allen öffentlichen Räumlichkeiten hinzunehmen, glaubt die Ministerin. Die Bemerkung hat ihr viel Spott eingebracht: weil sie den Reifegrad einer Gesellschaft ausgerechnet an der Fähigkeit bemisst, Verbote zu schlucken. Wann das neue, schärfere Gesetz in Kraft treten soll, steht noch nicht fest. Nur so viel: Die Spanier werden Wege finden, es zu umgehen.
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