Ihre Zukunft sah nicht vielversprechend aus, als sich Katie Jarvis vor drei Jahren an einem Bahnhof im Londoner Hinterland mit ihrem Freund stritt. Ein paar Monate zuvor war sie von der Schule abgegangen. Jetzt schlug die 16 Jahre alte Britin in Dagenham in der Grafschaft Essex ihre Zeit tot. Jarvis schrie ihren Freund vom gegenüberliegenden Bahnsteig aus an, bis eine unbekannte Frau das Wort an sie richtete. Die Fremde gab sich als Casting-Agentin aus, erklärte, dass sie nach einer Hauptdarstellerin für einen Film suche, und fragte Jarvis nach ihrer Telefonnummer.
„Ich habe ihr kein Wort geglaubt“, sagt Jarvis heute in der Rückschau. „Ich antwortete: ,Nein, lieber nicht. Ich kann mir ja Ihre Nummer einspeichern.‘“ Ein paar Tage später rief Jarvis an.
Die Britin Katie Jarvis, 19, hat es ohne Schauspielausbildung zur ersten großen Filmrolle gebracht. In dem Film „Fish Tank“ spielt sie einen Charakter, der ihrem wahren Leben entlehnt sein könnte: eine Jugendliche ohne Perspektive.
Die junge Mutter einer Tochter war wegen ihrer Darstellung in „Fish Tank“ für den Europäischen Filmpreis 2009 und in zwei Kategorien für die British Independent Film Awards nominiert. Das Sozialdrama gewann in Cannes im vergangenen Jahr den Preis der Jury. In die deutschen Kinos kommt der Film am 23. September.
Mittlerweile ist der Film, von dem die fremde Frau sprach, in Großbritannien im Kino gelaufen. „Fish Tank“ gewann in Cannes den Preis der Jury und kommt nun in die deutschen Kinos. Das 16-jährige Mädchen vom Bahnsteig spielt darin die Hauptrolle.
Filmstar stand nicht mal auf der Liste ihrer Traumberufe. In der Schule war Katie Jarvis so schüchtern, dass sie an Theateraufführungen nicht teilnahm. Als die Regisseurin Andrea Arnold sie beim Casting bat zu tanzen, weigerte sich die Jugendliche, weil sie es nicht gewohnt war, vor Leuten aufzutreten. Arnold verließ mit dem Filmteam den Raum und ließ Jarvis alleine vor der Kamera tanzen. Was sie dann auf der Aufnahme sah, überzeugte die Regisseurin. Als sie Katie Jarvis die Zusage für die Rolle gab, weinte die 16-Jährige vor Freude.
Das alles klingt ein wenig märchenhaft – ganz anders als die Welt, die „Fish Tank“ beschreibt. Der Film zeigt die Kehrseite der britischen Klassengesellschaft. Katie Jarvis spielt darin die 15-jährige Mia, die mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester in einem Sozialbau in Essex aufwächst. Wenn Mia sich nicht gerade mit ihrer Mutter streitet, verpasst sie anderen Mädchen eine Kopfnuss, betrinkt sich mit Cider oder legt sich mit der Frau vom Jugendamt an. Zur Schule geht sie schon lange nicht mehr. Als ihre Mutter einen neuen Freund nach Hause bringt, verfällt Mia seinem Charme.
Jarvis’ Darstellung dieses verletzten und zugleich verletzenden Mädchens ist so eindringlich, dass die Zeitung Le Monde sie kurzerhand zur „Prinzessin von Cannes“ ausrief. Jarvis gewann drei Preise und war neben Kate Winslet und Penelope Cruz für den Europäischen Filmpreis nominiert. „Sie spielt ohne Filter – rau und intuitiv“, sagt Michael Fassbender, der den Liebhaber der Mutter spielt. Dabei fand Katie Jarvis ihre Figur anfangs unsympathisch: „Ich dachte, dass Mia ein Miststück ist. Sie benimmt sich schrecklich und hat eine große Klappe.“
Nicht fluchen, nicht pöbeln
Wegen der Unbedingtheit, mit der sich die junge Laiendarstellerin in ihre Rolle warf, tauchte in der britischen Presse schnell die Frage auf, inwiefern sich Katies und Mias Leben gleichen. Wie Mia spricht Katie Englisch mit breitem Cockney-Akzent. Wie Mia lebt sie in Essex. Wie Mia stammt sie aus der Arbeiterklasse. Jarvis selbst hält die Gemeinsamkeiten für gering: „Meine Eltern haben mir beigebracht, nicht zu fluchen und niemanden anzupöbeln, und sie haben mich immer unterstützt.“
Trotzdem ist ihre Jugend offenbar nicht so reibungslos verlaufen, wie sie vorgibt. Im Gespräch mit der Londoner Times plauderte Regisseurin Arnold aus, dass Jarvis schon lange nicht mehr bei ihren Eltern wohne. Außerdem wurde Jarvis mit 17 schwanger. Dem roten Teppich in Cannes blieb sie fern, weil ihre Tochter Lily Mae zwei Wochen vorher auf die Welt gekommen war. „Wer weiß, was ich heute machen würde, wenn ich nicht Verantwortung übernehmen und auf mein Baby aufpassen müsste“, sagt sie.
Bisher blieb ihr keine Zeit, an ihrer Karriere zu feilen. Abgesehen von einem Kurzfilm für das Fernsehen hat sie nichts mehr gedreht. Allerdings haben zwei Schauspielagenturen sie unter Vertrag genommen – darunter die einflussreiche United Talent Agency, die Johnny Depp und Harrison Ford vertritt. Im nächsten Frühjahr ist Jarvis für einen Dreh in Hollywood eingeplant. Außerdem will sie Schauspielstunden nehmen und an ihrer Aussprache arbeiten. Denn eines weiß sie sicher: „Ich möchte nicht darauf festgenagelt werden, pampige, gewaltbereite Jugendliche zu spielen.“
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