Das viktorianische Zeitalter ist ihre Metapher für eine Zeit, die es in dieser Form freilich nie gegeben hat. Steampunk versetzt heutige Technik in ein imaginäres Gestern - es setzt Metall gegen Plastik. Dahinter steckt mehr als Nostalgie, vielmehr der Wunsch nach Beständigkeit. "Damals hatten Dinge einen Wert über ihre Funktion hinaus", sagt Alex Jahnke, der unter dem Namen Captain Serenus Zeitbloom die "Deutsche Steampunk-Gesellschaft" gegründet hat - "heute kann mein MP3-Player zwar Musik abspielen, so etwas wie eine Seele hat er nicht."
Auch die Wegwerf-Mentalität widerstrebt den Punks. "Eine Uhr aus der viktorianischen Zeit könnte ich von meiner Urgroßmutter geerbt haben", sagt Mitbegründerin Johanna Sievers, genannt "Miss C. Tickerlein", "keiner wäre auf die Idee gekommen, sie wegzuwerfen." Heute sei es billiger, einen neuen Drucker zu kaufen, als den alten reparieren zu lassen. "Ich möchte etwas haben, das bleibt", sagt Sievers - "etwas, das meine Kinder oder Enkel noch besitzen können." Rund 200 Steampunks sind im Forum ihrer 2008 gegründeten Website clockworker.de aktiv. Die Neo-Viktorianer vertreten durchaus konservative Ideen von Werthaltigkeit.
Das moderne Leben wird von Moden vorangetrieben, das iPad ist die jüngste. Wer wird sich in ein paar Monaten noch dafür interessieren? Wer wird es in einem Jahr noch kaufen - wenn dann doch schon die neue Version erscheint?
Für das iPhone gibt es Steampunk-Programme
Alex Jahnke ist 41 Jahre alt, Johanna Sievers 31 Jahre. "Wir sind nicht die ganz Neuen, wir sind aber auch nicht die ganz Alten", sagt sie, "wir sind eine Generation, die viel arbeitet - und wir wünschen uns, dass etwas davon zurückbleibt." Steampunk hat seine Wurzeln in der Geschichte, ist aber ein Kommentar zum Jetzt.
Ihre Gruppe bleibt nicht bei einer Verweigerungshaltung. "Es geht darum, seinen Erfindergeist zu entwickeln und nicht nur zu konsumieren", sagt Johanna Sievers. Viele Steampunks erfinden oder bauen sich ihre Phantasieobjekte in der Realität - oder bauen reale Rechner nach ihren Idealen um. Wie Jack von Slatt mit seinem viktorianisch anmutenden PC. Oder sein Kollege Richard Nagy, der die glatte Oberfläche eines Laptops durch verziertes Holz und goldene Zahnräder ersetzt hat. Der Rechner wird mit einem Schlüssel gestartet. Drinnen läuft freilich alles digital, fließen unsichtbare elektrische Ströme - man kann nicht alles haben.
Das meiste ist also hübscher Zierrat. Manchmal aber greifen die Punks auch auf das Innenleben über: Für Apples iPhone gibt es Steampunk-Programme - und die laufen nun auch auf dem iPad. Im Angebot ist auch eine Software, die eine alte Uhr auf dem Bildschirm anzeigt. Sie kostet derzeit 79 Cent und tickt sogar. Digital, versteht sich. Wer sie nicht mehr haben will, kann sie mit ein paar Mausklicks löschen. Dann ist die Uhr verschwunden, als sei sie nie da gewesen.
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