An diesem Rechner hätte Königin Victoria ihre Mails ans geliebte Volk geschrieben: eine blinkende Wunderkiste mit floralen Ornamenten, der Bildschirm glänzend wie ein alter Spiegel, ein Druck auf die soliden Tasten setzt das Ganze klappernd in Bewegung. Die Queen wäre amused gewesen, keine Frage. Dem Künstler und Erfinder Jack von Slatt wäre ein königlicher Orden gewiss gewesen. Nur lebt Slatt halt mehr als 100 Jahre nach dem viktorianischen Zeitalter - was er sehr bedauert.
Da ist er nicht der Einzige: Unter dem Namen "Steampunks" schließen sich Zeitgenossen zusammen, die das Loblied der Dampfmaschine singen. Sie feiern die Ästhetik der Kolben, Bolzen, Zahnräder , verachten die nichtssagenden Oberflächen der Touchscreen-Computer - ihr jüngstes Feindbild: das iPad. Die Spaßmaschine der Firma Apple verkörpert alles, was die Steampunks hassen: Der Unterhaltungs-Rechner hat eine kühle, glatte Oberfläche, die nichts von den Prozessen in seinem Inneren verrät. Welche Programme darin wirken, bestimmt der Hersteller. Wie es funktioniert? "Magie", sagt Apple. Das Ominöse ist hier Prinzip - das Ding wirkt fast wie nicht von Menschenhand gemacht. Ein perfektes Feindbild für die Steampunks.
Clockworker ist das Organ eines deutschen Steampunk-Verbundes - "established 2008", wie es in Schnörkelschrift auf der Website clockworker.de heißt.
Die Gründer der Plattform sind Alex Jahnke, 41 (alias Captain Serenus Zeitbloom, und Jonanna Sievers, 31 (Miss C. Tickerlein).
Steampunk kommt Ende der 80er Jahre als Begriff auf. Zunächst bezeichnet er eine neue Gattung von Unterhaltungsliteratur, die der Ästhetik von Jules Verne und H.G. Wells nacheifert. Die Steampunk-Autoren ersinnen eine alternative Realität auf der Erde, in der die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hat - strom- und computerlos. (FR)
Die gut vernetzten Enthusiasten schwärmen für die Kultur, die Europa in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts prägte. Da gibt es riesige, mit Dampf betriebene Maschinen, kleine und große Zahnräder greifen ineinander wie gute Ideen. Kolben stampfen, die Kolosse rattern und stöhnen. Es ist heiß, die Maschinen haben Seelen aus Kupfer und Stahl. Es ist die Zeit, bevor es überall Elektrizität gab, bevor sich unsichtbare Kräfte ans Werk machten.
In heutigen Maschinen arbeiten Computerchips, die Zahnräder sind digital geworden. Apples iPad hat nur noch einen einzigen glatten, schwarzen Knopf. Wie es aussieht, verrät nichts darüber, was darin geschieht. Und das empfinden manche Benutzer als Verlust. Sie wollen nicht zurück in die Vergangenheit - doch sie sehnen sich nach Handfestem, nach Mechanik. Nicht umsonst ahmt in vielen Handys ein Klangchip das klackende Geräusch einer Spiegelreflexkamera nach, wie der Mac-Rechner den vertrauten Sound des Zerknüllens von Papier imitiert, bevor es in den Papierkorb geworfen wird. Sogar die störenden Begleiterscheinungen des analogen Zeitalters werden wieder herbeigesehnt: Das Knacken einer zerkratzen Schallplatte, das Rauschen des Röhrenradios sind unter Musikproduzenten gefragt - als digitale Samples.
Eine Sehnsucht, die bei den Steampunks kuriose Blüten treibt. Die Dampfmaschine (englisch: "steam", Dampf) ist ihr ästhetisches Bindeglied, das "punk" beschreibt ihre Philosophie und Haltung. Sie verstehen sich als eine Gegenbewegung zur Moderne, aber sie sind nicht technikfeindlich. Steampunks denken sich eine Alternativwelt: Was wäre, wenn die Zukunft ab dem 19. Jahrhundert anders verlaufen wäre? Wenn es keine Elektrizität gegeben hätte und keine Benzinmotoren - wenn Flugzeuge, Autos oder Computer mit Dampf und Kolben angetrieben worden wären?
Steampunks ersinnen eine Welt, in der Kunst und Handwerk eins sind, in der Einzelne Großes bewegen können. Sie begeistern sich für die Maschinen aus Jules Verne-Romanen wie "20.000 Meilen unter dem Meer" oder für die "Zeitmaschine" von H.G. Wells. Sie schätzen Filme wie "Vidocq" mit Gerard Depardieu oder die "Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen". Sie kleiden sich bei Rollenspielen nach der Mode des viktorianischen Adels, sie schreiben Steampunk-Kurzgeschichten, sie gründen Steampunk-Bands.
Lesen Sie auf der nächsten Seite wie Steampunk heutige Technik in ein imaginäres Gestern versetzt.
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