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Steffen Seibert: Ein Anchorman für die Kanzlerin

Pünktlich zur Sommerpause präsentiert die Kanzlerin ihre prominenteste Personalie: Der "heute-Journal"-Moderator Steffen Seibert wird Nachfolger von Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Im ZDF sorgt der Wechsel für Unmut. Von Daniel Bouhs

Alter Arbeitsplatz: Steffen Seibert im Nachrichtenstudio des ZDF-heute-Journals.
Alter Arbeitsplatz: Steffen Seibert im Nachrichtenstudio des ZDF-heute-Journals.
Foto: dpa

Steffen Seibert wechselt die Fronten. Er wird zwar weiter Schlagzeilen präsentieren, aber eben nicht mehr von einem unabhängigen Standpunkt aus, sondern im Dienst der Kanzlerin. Seibert wird vom 11. August an nicht mehr das Weltgeschehen in den ZDF-Sendungen heute und heute-journal verkünden, sondern die Botschaften Angela Merkels. Sie hat ihn zu ihrem neue Regierungssprecher erkoren.

Das ist ein Personalie, die nachdenklich stimmt. Denn es sorgte schon für Unmut, dass Merkels amtierender Sprecher Ulrich Wilhelm demnächst den Bayerischen Rundfunk leiten wird und damit aus der Politik heraus in die öffentlich-rechtliche Senderwelt wechselt. Nun scheint es so, als greife sich die Regierung aus diesem System einfach einen Ersatz ab. Es drängt sich die Vermutung auf, das alles sei ein Kreislauf, ein ewiges Geben und Nehmen. Stehen sich Politiker und Macher von ARD und ZDF also doch näher, als sie zu erkennen geben?

Zur Person

Steffen Seibert wurde am 7. Juni 1960 in München geboren. 1979 machte er Abitur in Hannover. Nach dem Zivildienst und einer neunmonatigen Reise nach Südamerika studierte er in Hamburg und London Geschichte und Literaturwissenschaft.

Für das ZDF war er von 1992 bis 1995 Korrespondent in der US-Hauptstadt Washington. Danach moderierte er das Morgenmagazin, Hallo Deutschland und ZDF.reporter.

Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Die Familie lebt in Wiesbaden. FR

Koservativ, in keiner Partei

Seibert wollte immerhin schon früh im Regierungsauftrag handeln. Als er im Herbst in Frankfurt am Main mit angehenden Journalisten plauderte, erzählte er ihnen: "Journalismus war für mich höchsten Plan C oder D." Spannender sei für ihn ursprünglich "die Diplomatie" gewesen. Dumm nur, dass er von ihr zunächst annahm, er könne mit einem Drink in der Hand irgendwo auf der Welt an einem Pool stehen und "ein bisschen Geheimdienstarbeit" machen. Wie sich allerdings rausstellte, war das eine "sehr blöde, aufregende und abenteuerliche Vorstellung, die sich weitgehend aus der Lektüre von Graham-Greene-Büchern speiste".

Was folgte, das war eine Blitz-Karriere: Hospitanz im ZDF-Studio London, journalistische Ausbildung per Volontariat in der Sendezentrale auf dem Mainzer Lerchenberg und gleich im Anschluss schon Redakteur beim heute-journal. Eine arg begehrte Stelle hinter der Kamera, von der Seibert sagt, das sei "unverschämtes Glück" gewesen. Er habe, erzählte er in Frankfurt, "Angst gehabt, das nicht zu können und die würden das rausfinden".

Von dieser Unsicherheit ist nichts mehr übrig. Der 50-Jährige macht längst eine gute Figur. Und das dürfte auch in erster Linie sein, was sich die Kanzlerin von ihm wünscht: gute Miene auch zu schlechtem Spiel. Das kann Wilhelm ebenso gut. Doch während Wilhelm nach ersten journalistischen Gehversuchen ins Beamtentum abwanderte, folgt ihm mit Seibert einer, der Objektivität in Reinform verkörpert: Ein Anchorman für Merkel, mehr unangreifbare Seriosität hätte sich die Kanzlerin nicht in die eigene Mannschaft holen können.

Im ZDF sorgt der Wechsel sichtlich für Unmut. Chefredakteur Peter Frey warf seinem Abtrünnigen prompt in einer lieblosen Mitteilung hinterher: "Wir bedauern, dass Steffen Seibert seine Perspektive nicht im Journalismus gesehen hat." Vor allem aber sagte Frey, dass Seibert seine "bundesweite Bekanntheit, die er auf dem Schirm als Moderator erworben hat, und die damit verbundene Kompetenz und Glaubwürdigkeit" mitnehme. Die Bundesregierung kauft sich eine enorme Glaubwürdigkeit ein, die Seibert in 22 ZDF-Jahren aufbaute und die Merkel & Co. dieser Tage gut gebrauchen können: Seibert darf die Politik einer Koalition präsentieren, in der Harmonie ein Fremdwort ist.

Bemerkenswert an Seibert ist, dass er sich klar konservativ gibt. In Talkshows rät er Studenten, die FAZ anderen Blättern vorzuziehen. Als Lieblings-Internetseite gibt er die der Frankfurter Oper an. Bekannt ist auch, dass Seibert erst aus der Evangelischen Kirche austrat, um - nach langjähriger Pause - in die Katholische Kirche einzutreten. Der gebürtige Münchner lässt sich so aber stets nur gesellschaftlich, auf keinen Fall aber politisch verorten, schon gar nicht fest im Lager der Union. Anders als Wilhelm, einem CSU-Mitglied.

Wer Seiberts politische Vorliebe in Erfahrung bringen will, dem sagt er: "Ich kann nur sagen, dass ich bis auf die Linkspartei alle Parteien, die im Bundestag sitzen, schon mal gewählt habe." Umso überraschender ist sein anstehender Wechsel. Vielleicht aber passt dazu, was Seibert in einem Interview sagte: Während der deutschen Einheit habe er Helmut Kohl - Merkels Ziehvater - bewundert. "Und ich bin sicher", sagte Seibert weiter, "man wird auch über Gerhard Schröder etwas Gutes zu sagen finden - genauso wie über Angela Merkel." Vor allem darin wird sich Steffen Seibert jetzt üben dürfen.

Autor:  Daniel Bouhs
Datum:  11 | 7 | 2010
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