Von allen Stellenausschreibungen in England ist dies wohl die kurioseste. Gesucht wird eine Person, die sich gelegentlich in Versform äußert, Monarchen mit gefälligen Reimen zum Geburtstag gratuliert und auch zu großen Staatsereignissen etwas zu sagen weiß. Geboten werden ein Zehnjahresvertrag, ein jährliches Einkommen von gerade mal 5000 Pfund und 650 Flaschen Sherry - für die Inspiration.
Das mit den Sherry-Flaschen (früher war es einmal "ein Fass kanarischen Weines") fand Andrew Motion ganz amüsant, als er im Mai 1999 den Posten zugesprochen bekam und britischer Hofpoet, Poet Laureate, wurde. Dass seine Freunde den Literaturprofessor und Verfasser mehrerer Gedichtbände damals warnten, er werde als Verseschmied der Windsors nicht viel mehr sein als "der Bassgitarrist der Königin", hielt ihn nicht davon ab, Ja zu sagen.
"Remember This" Think of the failing body now awake in its final hours although the fizz and scythe of city wheels, the pigeon-purrs, the way light steals across a bedroom wall then goes are not the things this body knows, held in a trance of fading light before that dies, and gives the sight of what it means to be set free from self, from sense, from history. (erste Strophe der Elegie zum Tod der Queen Mother, April 2002.)
Nun, da seine zehn Jahre sich dem Ende zuneigen, glaubt Motion seine Verpflichtungen einigermaßen tapfer eingelöst zu haben. Die Hochzeit Edwards und der schönen Sophie, das 100. Wiegenfest der Königinmutter und, wenig später, deren Tod, hat er mit Fingerspitzengefühl und ohne Sentimentalität verarbeitet.
Rap-Reime für Prinz William
Dem Prinzen William widmete er zum 21.Geburtstag ein Bündel Rap-Reime, das weithin Heiterkeit auslöste ("Better stand back/Here's an age attack"). Und Charles und Camilla gratulierte er mit fröhlich sprudelnden Versen zur Vermählung. Charles war von dem Poem "Spring Wedding" so angerührt, dass er seinem Verfasser einen überschwänglichen Dankes-Brief übersandte. Was mehr war als die Reaktion der Queen anlässlich der Ode zu ihrem und Philips 60. Hochzeitstag, vorgetragen von der Schauspielerin Judi Dench in Westminster Abbey. "Anschließend kam die Königin zu mir herüber und sagte: ,Thank you'", erinnert sich Motion. "Aber ich habe keine Ahnung, ob's ihr wirklich gefallen hat."
Andere Gedichte, die Andrew Motion als Hofpoet verfasste, hatten ein anderes Zielpublikum. Eins davon, "Cost of Life", betrauerte die Toten des großen Zugunglücks von Paddington. Ein zweites erinnerte an Folteropfer in aller Welt: "Wir müssen die Flamme am Leben halten". Und richtig deutlich wurde Motion, langjähriges Mitglied der Labour Party, als sich die Invasion Iraks durch britische und amerikanische Truppen abzeichnete. In "Causa Belli" warf er dem US-Präsidenten vor, es gehe diesem in Wirklichkeit doch nur um "elections, money, empire, oil and Dad" - also um Wählergunst, Geld, weltweiten Einfluss, Öl und väterlichen Segen. Den britischen Premierminister, der ihn vier Jahre zuvor als Hofpoeten vorgeschlagen hatte, schloss er in diesen Vorwurf stumm mit ein.
"Causa Belli" war zweifellos ein wichtiger Schritt des Laureaten. Mit dem trotzigen Urteil, er könne sehr wohl Patriot sein und zugleich einen kritischen Standpunkt zu Krieg und Obrigkeit einnehmen, setzte sich Motion nicht nur von "seiner" Regierung, sondern auch von der Tradition des Postens ein gutes Stück ab.
Immerhin war es Würdenträgern wie ihm in der Geschichte zugedacht, die Herrschenden und ihre Feldzüge zu glorifizieren, nicht sie herabzusetzen. Das wussten schon die frühen Hofpoeten, von Master Henry bis Ben Jonson. Auch als 1668 die Stellung des Poet Laureate offiziell eingeführt wurde, war dem ersten Amtsinhaber, John Dryden, durchaus bewusst, dass an sein Fass kanarischen Weines gewisse Bedingungen geknüpft waren.
Innerhalb dieser Grenzen mussten auch spätere Hofpoeten arbeiten, etwa William Wordsworth, Lord Tennyson oder Sir John Bentjeman. Andere, wie Sir Walter Scott oder William Morris, versagten sich der hohen Ehre, um ihre Unabhängigkeit zu wahren - zumal der Job damals noch eine Anstellung auf Lebenszeit war. Erst zu Motions Antritt wurde die Zehnjahresfrist eingeführt.
Mittlerweile freilich kann Andrew Motion die historischen Neinsager besser verstehen. Seiner eigenen Arbeit, gestand der 56-Jährige jüngst einmal, sei es nicht sonderlich gut bekommen, dass er sich derart in die Öffentlichkeit habe stellen lassen. Der Druck von allen Seiten, die steten Erwartungen, auch hämische Kommentare zu seinem Werk haben ihm zugesetzt. Vor allem habe ihm die Arbeit kaum Zeit gelassen für etwas anderes, klagt Motion.
Um seiner "Entmystifizierungs"-Idee willen hat sich der Erste Poet der Nation nämlich, jenseits des Gratulations-Geschäfts, nach eigenen Worten als unermüdlicher "Stadtschreier, Dosenöffner und Flaggenschwenker für die Poesie" engagiert. Motion hat Kinder und Jugendliche für die Dichtung zu gewinnen versucht und das Bildungsministerium wegen zunehmender Verdrängung der Poesie aus dem Unterricht getadelt.
650 Flaschen Sherry für die Neue
Motion organisierte die Suche nach den "besten Fußball-Gesängen" in Stadien und ließ das englische Rugby-Team hochleben - wofür er drei Monate brauchte und dann doch keinen Reim auf Johnny Wilkinson, den Rugby-Helden, fand. Und er hat ein "Online-Gedichtarchiv" aus der Taufe gehoben, in der Live-Lesungen englischsprachiger Dichter gesammelt werden. Auf diese Leistung ist er besonders stolz: In einer Zeit, in der Gedichtbände in den finstersten Ecken britischer Buchhandlungen landeten, würden online nun schon "jeden Monat Millionen Seiten Poesie gelesen".
Das, meint Motion, hätte er "nicht durchsetzen können, ohne Poet Laureate zu sein". Wird diese Aussicht auch all jene locken, die als Motions Nachfolger im Mai von der Regierung in Erwägung gezogen werden?
Sehr wahrscheinlich ist, dass erstmals in der Geschichte Britanniens eine Hofpoetin gekürt wird. Die Schottin Carol Ann Duffy gilt als eine Favoritin. Ihre Kollegin Ruth Padel, Vorsitzende der Poesie-Gesellschaft des Vereinigten Königreichs, hat bereits abgelehnt und gesagt, man müsse sich als Poet Laureate "ja darüber sorgen, dass man nicht mehr in der Lage wäre, zu schreiben, was man will".
Und eine andere preisgekrönte Dichterin, Fleur Adcock, nennt den Job "schrecklich harte Arbeit für sehr wenig Geld": Für die Königin in die Laptop-Tasten zu greifen, bringe mehr Ärger, als die Anstrengung wert sei. Nicht mal die Aussicht auf 650 Flaschen Sherry vermag sie umzustimmen.
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