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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

13. Juli 2015

Sterbehilfe: Bis zum Schluss

 Von Nicole Glocke
„Wie jemand lebt, so stirbt er meistens auch.“  Foto: imago stock&people

In einem Berliner Hospiz verbringen Schwerkranke die letzten Wochen ihres Lebens. Drei Sterbehelfer erzählen von ihrem Alltag und dem Umgang mit dem Tod.

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Das Berliner Diakonie-Hospiz Wannsee ist von vielen Bäumen umgeben. Der Verkehrslärm der nahe gelegenen und stark befahrenen Königstraße ist drinnen kaum zu hören, und doch wirkt das Haus wie ein Transitbereich. An der Tür ist ein weißer Schmetterling zu sehen, der die Metamorphosen, die Wandlungen symbolisieren soll. „Tod ist Verwandlung“, sagt der Koordinator des ambulanten Hospizdienstes Gaston Hillenbrand. Links steht auf einem kleinen Tisch ein Blumenstrauß, daneben eine große, dicke weiße Kerze. Die wird angezündet, wenn jemand gestorben ist. Heute brennt sie nicht. „Bei uns werden Sterben und Tod nicht versteckt. Durch diesen Eingang kommen und verlassen alle Gäste, wie bei uns die Sterbenden genannt werden, – dieses Haus“, sagt Hillenbrand, der lange Zeit im Hospiz auch als Krankenpfleger die Sterbenden betreut hat. Seine ersten Erfahrungen im Umgang mit Schwerstkranken, erzählt er weiter, habe er in Pflegeheimen gesammelt. Entsetzt über die Missstände, den respektlosen Umgang mit Sterbenden und unzureichende Schmerzbehandlungen beschloss er, sich beim Diakonie-Hospiz zu bewerben. Der 37-Jährige hat seine Entscheidung nicht bereut. „Im Heim muss ein Pfleger pro Schicht 15 bis 20 Menschen versorgen, im Hospiz sind es zwei oder drei Gäste. Gemeinsam mit den Ärzten, die ja nicht mehr auf die Heilung hin arbeiten, sondern die Menschen ganzheitlich betrachten, kann ich den Gästen dabei helfen, friedlich und schmerzfrei, ohne Übelkeit und Atemnot zu sterben.“

Wie aber geht ein Sterbehelfer mit dem Leid und der permanenten Nähe zum Tod um? „Wir sind tagtäglich mit der Endlichkeit unserer Existenz konfrontiert. Wir müssen die Fähigkeit der Abgrenzung haben, unsere persönliche Geschichte von den beruflichen Anforderungen trennen. Für mich bedeutet das: Alles, was mich bewegt, kläre ich hier und nicht zu Hause.“ Nachdem jemand gestorben ist, hält es Hillenbrand wichtig, sich von dem Toten zu verabschieden und ihn ein letztes Mal anzuschauen. Die meisten, berichtet er, sehen sehr friedlich aus. Dieser Anblick versöhnt ihn jedes Mal ein Stückchen mehr mit der Angst vor seinem eigenen Sterben, „wenn ich die Ruhe und den Frieden sehe, dann kann der Tod ja kein so schlimmer Zustand sein“.

Das empfinden die ehrenamtlichen Sterbebegleiter Michael Scheu, der sich seit über 15 Jahren im Hospiz Wannsee engagiert, und die 45 Jahre alte Petra Gohl, die seit zwei Jahren Sterbende begleitet, ähnlich. Die beiden setzen sich in den Raum der Stille, einen Rückzugsraum, in dem auch Gespräche mit den Seelsorgern geführt werden können. Rechts steht ein Tisch wieder mit einer weißen Kerze, umringt von kugelförmigen bunten Steinen. Solche bilden auch das Kreuz an der Wand. Es ist asymmetrisch, „genauso wie das Leben“, meint Scheu. Den Tod sieht er meistens als eine Erlösung und als ausgesprochen schönes Erlebnis. Gohl stimmt dem zu. Schön? Ja, heben beide hervor, im Sinn der Vollendung des Lebenskreises. „Ich habe – vor allem bei Menschen mit schwerer Krankheit – oft bei Erhalt der Todesnachricht gedacht: Gottseidank, jetzt hat er oder sie es geschafft“, berichtet Scheu. Seine Kollegin Gohl stimmt zu, gesteht jedoch ein, sich diese gelassene Haltung gegenüber dem Mysterium Tod hart erarbeitet zu haben. Seit ihrer Kindheit spürte sie große Furcht und dumpfes Unbehagen vor dem, was jeden Menschen am Ende seines Lebens erwarten wird. Wie wohl die meisten verdrängte sie das Thema. Doch mit den Jahren fühlte sie parallel zu ihrem Beruf als Psychologin und ihren Alltagspflichten als Mutter von drei Kindern, wie ihr innerer Drang, sich mit Vergänglichkeit und Sterben zu befassen, immer größer wurde, letztlich auch deshalb, um ihre Angst abzubauen. „Einen Umgang durch Annäherung bekommen – diese Herangehensweise ist charakteristisch für mich.“ Sie entschloss sich, den für ehrenamtliche Sterbebegleiter einjährigen Vorbereitungskurs zu besuchen und lernte dabei auch die Organisation des Diakonie-Hospizes kennen, die bis ins Jahr 1996 zurückreicht. In diesem Jahr wurde in Berlin-Zehlendorf ein ambulantes Hospiz gegründet, dessen hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter schwerkranke Menschen zu Hause unterstützen und das 2003 um ein stationäres in der Königstraße erweitert wurde.

Tägliche Konfrontation mit dem Tod: Gaston Hillenbrand, Michael Scheu und Petra Gohl.  Foto: Hans-Dieter Bücher

Priorität hatte im Kurs jedoch die Diskussion über die Rolle des Sterbebegleiters, der nicht für die Pflege zuständig ist, sondern sich als psychosozialer Beistand versteht. Gohl machte erste Erfahrungen mit sterbenden Menschen, die ihr halfen, ihre Ängste abzubauen. Ihre Freunde und Familie dagegen begegnen ihrem Engagement im Hospiz mit Skepsis. „Im Übrigen sind sie der Meinung, ich solle etwas Lebensbejahendes tun. Dazu muss ich sagen: Diese Einstellung zeigt, dass diese Leute zu sehr bei sich selber sind und die Situation des Sterbenden von ihrer eigenen nicht trennen. Wenn ein Sterbebegleiter sich in seinen Emotionen verliert, dann ist er immer nur bei sich selber. Außerdem: Es gibt keine lebensbejahendere Tätigkeit als Sterbebegleitung. Es hat schon seinen Sinn, wenn wir im Hospiz sagen: Leben bis zuletzt.“

Michael Scheu nickt. Er kam durch Zufall mit dem Hospizwesen in Berührung. Nachdem der frühere Geschäftsführer einer Berliner Firma kurz vor seiner Rente den Vortrag der früheren Leiterin des Diakonie-Hospizes gehört hatte, setzte er sich mit ihr in Verbindung und entschied, den Vorbereitungskurs zu besuchen. Seine Frau versuchte, ihn davon abzuhalten, vergeblich. Während des Kurses lernte er, wie wichtig die Gesprächsführung bei der Betreuung von Sterbenden ist. „Das Wichtigste sind das Zuhören und die Fähigkeit, schweigen zu können. Das hört sich einfach an, aber viele können das nicht.“ Ebenso wichtig sei es, nur Ansichten zu äußern, von denen der Sterbegleiter selbst überzeugt ist und auch zuzugeben, auf eine Frage keine Antwort zu wissen. „Wir bringen kein eigenes Konzept in ein Gespräch mit hinein, sondern wir warten, was von dem Gast kommt und welche Fragen er hat. Die Regie führt der Sterbende.“

Scheu und Gohl erheben sich und gehen zusammen mit Hillenbrand durch den Flur, der die Tür eines der insgesamt 14 Gästezimmer öffnet. Es hat wie alle Dusche, Toilette und Zugang zu einer Terrasse. Bezahlen muss der Sterbende für seinen Aufenthalt nichts. Die Finanzierung übernehmen zu neunzig Prozent die Kranken- und Pflegekassen, die restlichen zehn Prozent werden durch Spenden gedeckt. Maximal darf es gemäß der Sozialgesetzgebung nur 16 Zimmer geben, damit die individuelle Versorgung gewährleistet ist, „schließlich sollen die Gäste nach ihren kräftezehrenden Therapien psychisch und körperlich zur Ruhe kommen“, so Hillenbrand. Das Zimmer ist einfach eingerichtet: ein Pflegebett mit Nachttisch, ein Kleiderschrank, ein Fernseher, ein Bild an der Wand, die Bibel. Grelle Neonlichter wie im Krankenhaus gibt es nicht. Jeder Gast kann den Raum individuell einrichten, zum Beispiel seinen Lieblingssessel von zu Hause mitbringen, Fotos aufstellen, Bilder aufhängen oder den Tisch mit frischen Blumen schmücken. „Ein Gast hat einmal seinen Papagei mitgebracht“, erzählt Hillenbrand.

„Entscheidend ist, dass hier nichts an ein Krankenhaus erinnern soll, wo die Patienten früh geweckt werden und sie sich schon allein wegen der täglichen Behandlungen ständig mit der Krankheit auseinandersetzen müssen.“ Die Abkehr von Hast, Hektik und Unruhe habe laut Hillenbrand bei zwar sehr wenigen, aber immerhin bei vier bis fünf Insassen von den mehreren hundert Gästen, die im Hospiz gestorben sind, zu einer Stabilisierung und sogar Verbesserung ihres Gesundheitszustandes geführt, so dass sie entweder in ein Pflegeheim oder nach Hause entlassen werden konnten. „Ein Grund, warum die Gäste ihre Wohnungen nicht kündigen dürfen. Auch nach ihrer Einweisung ins Hospiz behalten sie ihr Zuhause“, erläutert der Koordinator. Die durchschnittliche Verweildauer betrage knapp über vier Wochen, wobei es durchaus vorkomme, dass einige bereits einen Tag nach ihrer Einlieferung sterben.

Zu spirituellen Fragen wollen und können die Sterbehelfer keine Stellung beziehen. Sie beten auch nicht mit den Gästen. Die Erfahrung zeige, dass „viel weniger nach spiritueller Begleitung gefragt wird als man sich das vorstellt, eigentlich sprechen die Sterbenden sogar selten über den Grund ihrer Anwesenheit im Hospiz“, so Scheu.

Die Natur ganz nah: Zum Hospiz gehört auch ein Park.  Foto: hospiz

Es ist unter anderen Pastorin Miriam Stamm, die diese Lücke füllt. Die 1973 geborene Seelsorgerin betreut die ambulante Hospiz- und die Trauerarbeit sowie die Schulung Ehrenamtlicher. Sie ist fest von einem Weiterleben in anderer Form überzeugt. Diese innere Gewissheit wurde durch ihre Arbeit im Hospiz noch gefestigt. „Viele Angehörige erzählen mir von dem Gefühl einer plötzlichen großen Nähe zu ihrem verstorbenen Partner oder Verwandten und auch von anderen Ereignissen, die sich mit dem Verstand und den Naturwissenschaften nicht erklären lassen. Nach meiner Auffassung gibt es einen Gott, der beide Seiten – die Lebenden und die Toten – in seinen Händen hält und über den wir verbunden bleiben.“ Die meisten Sterbenden bewegen jedoch nicht spirituelle Fragen, sondern ganz pragmatische: „Die meisten fragen vor allem danach, ob sie schmerzfrei sterben werden und wie sie aktuelle Probleme lösen sollen, beispielsweise wie sie essen und trinken können, wenn die Chemotherapie oder die Bestrahlung die Speiseröhre angegriffen haben.“ Die Ursache für das rationale Denken liegt nach Meinung der Seelsorgerin in der gegenwärtigen Kultur, die den Bezug zum Glauben weitgehend verloren habe. Es gebe Menschen, die sich mit dieser Frage in ihrem Leben so gut wie nie beschäftigt haben, „und warum sollten sie es kurz vor ihrem Tod tun?“ Dazu gehöre auch die Fähigkeit, diese Fragen in Worte zu fassen. „Wer das nie gelernt oder nie daran geglaubt hat, der wird es kurz vor seinem Tod auch nicht mehr tun. Wie jemand lebt, so stirbt er meistens auch.“ Die Art des Sterbens, beobachtet sie, sei oft eine Fortsetzung dessen, was gewesen sei. Wenn jemand in seinem Leben wenig Geduld gehabt habe und immer sehr schnell viel erreichen wollte, dann ergehe es demjenigen ebenso im Sterben. „Er ist also auch während seines Sterbeprozesses ungeduldig.“

Selbst den Gesunden, sagt die Pastorin, falle es schwer, zur Ruhe zu kommen. „Wir müssen uns manches Mal regelrecht dazu zwingen, weil sich unser Gedankenkarussell ständig dreht. Nun stellen Sie sich einen Menschen vor, der die Diagnose einer todbringenden Krankheit erhalten hat. Wenn der Betreffende es nie gelernt hat, sich auf seine Seele zu besinnen, dann übersteigt ein solcher Rat seine Kräfte, weil seine Gedankenwelt allein durch die Diagnose tief erschüttert ist.“ Hinzu komme die Hektik und Terminnot der gegenwärtigen Zeit. Spirituelle Erfahrungen brauchen viel Zeit, sagt Stamm: „Uns ist die Langsamkeit verloren gegangen, und wir tun nichts mehr dafür, sie wieder zu erlangen, uns Zeit zu nehmen.“

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