Mal im Ernst: Warum sollte ein Album aus dem Nachlass eines Künstlers, der im letzten Drittel seines Lebens eher Uninspiriertes von sich gab, besser sein als die letzten Werke zu seinen Lebzeiten? So traurig Michael Jacksons früher Tod im Juni 2009 war, man sollte nicht aus falscher Pietät vergessen, dass seine Musik seit Anfang der 90er Jahre zunehmend belanglos wurde, während sein Leben mehr und mehr aus dem Ruder lief. Entsprechend mittelmäßig klingt, was nun auf dem posthumen Album „Michael“ zu hören ist, das heute erscheint.
Im Vorfeld der Veröffentlichung sind allerlei Einwände erhoben worden. Einen davon lieferte unfreiwillig die Plattenfirma selbst: Sony Music, die sich die Rechte am Nachlass von der Familie mit einer Viertelmilliarde Dollar für sieben Jahre erkauft hat, bewirbt das Album nämlich mit einem Telefoninterview, in dem Jackson selbst zu Wort kommt. Das Gespräch war zur Bewerbung seines letzten Studio-Albums aufgezeichnet worden, „Invincible“ aus dem Jahr 2001.
Darin beschreibt er sich selbst als strengen, höchst peniblen bis nervtötenden Perfektionisten, der die Entstehung der Musik von Anfang bis Ende kontrolliert. Würde Sony diese Haltung auch nach Jacksons Tod respektieren – man hätte einen wirklich guten Grund gehabt, die dem neuen Album zugrundeliegenden Skizzen nicht zu veröffentlichen.
Denn auf „Michael“ gibt es nur einen einzigen Song, „Much Too Soon“, den Jackson selbst fertig stellen konnte. Alle anderen wurden auf der Grundlage von Fragmenten und Skizzen nachträglich von Künstlern wie Teddy Riley, mit dem Jackson 1991 „Dangerous“ aufnahm, oder dem Lady-Gaga-Macher Red One arrangiert und produziert. Manch anderer Künstler findet dieses Vorgehen – unfertige Demo-Aufnahmen nachträglich zu veredeln – nun respektlos. So äußerte sich zum Beispiel Will.I.Am, Erfolgsproduzent der Black Eyed Peas und vor zwei Jahren mit einem Jackson-Remix betraut.
Gesang außer Kontrolle
Jacksons Schwester LaToya wiederum, die vom Sony-Deal mit dem Jackson-Clan finanziell offenbar nicht profitiert, hat die Macher der Platte schon des Betrugs geziehen, weil diese die Stimme des toten Bruders mit künstlichen Mitteln bearbeitet haben. In ein paar Stücken, so LaToya, sei gar nicht Michael selbst zu hören, sondern ein Imitator.
Tatsächlich klingen einige der Songs auf „Michael“ nicht, als habe Jackson seine Stimme unter Kontrolle. Auf dem bereits 2007 eingespielten „Breaking News“ scheint sie etwas flach und bemüht, auf „Hollywood Tonight“ eher ungeschmeidig massig. Aber wer kann schon sagen, wie Jacksons Stimme zuletzt während seiner anstrengenden Studiosessions klang?
Schon als Elfjähriger gehörte der 1958 geborene Michael Jackson im Gesangsensemble Jackson 5 zu den Stars des Labels Motown. Als Solist machte er sich in den späten 70ern daran, mit einem Mix aus Soul, Disco und Rock alle Verkaufs- und Fanrekorde zu brechen. Am 25. Juni 2009 starb er an Herzversagen.
Das heute erscheinende Album „Michael“ (Sony) präsentiert erstmals unveröffentlichte Aufnahmen. FR
Was den Einwand gegen die posthume Produktion der Songs angeht: Die Produktion von „Michael“ und die Umstände, unter denen sie zustande kam, sind künstlerisch und moralisch weit weniger bedenklich als etwa das derzeitige Gerangel um die letzte von Picasso bekritzelte Kneipenserviette. Und auch in hochkulturellen Gefilden wie der Literatur hat man nur wenig Skrupel, noch die letzten Fragmente, Briefe und Notizen von, sagen wir mal, Theodor W. Adorno marktfähig aufzubereiten. Warum bloß wird gerade die mediale Verwertung von Pop-Toten immer zum Skandal erklärt?
Auch sollte man daran erinnern, dass die besten und einflussreichsten Solo-Alben von Michael Jackson – „Off the Wall“, „Thriller“ und „Bad“ von 1979 bis 87 – gerade und ausdrücklich nicht vom Sänger selbst produziert wurden, sondern von Quincy Jones, dem gestandenen Jazz- und Pop-Veteran. Dagegen konnte das viele Millionen Dollar teure und wesentlich von Jackson verantwortete, überproduzierte Album „Invincible“ die laue Qualität der Kompositionen nicht verdecken. Dass jetzt gestandene Hit-Lieferanten verpflichtet wurden, um Jacksons unausgegorene Ideen zu bearbeiten, zeugt da von beinahe diskreter Umsicht.
Trotz aller Bedenken kann man also sagen: Die Nachlassverwertung auf dieser Platte ist im Großen und Ganzen äußerst respektvoll geraten. Kein großer Wurf, das sicher nicht – aber auch nicht spektakulär misslungen.
„Monster“ zum Beispiel, ein „Duett“ mit dem Gangsta-Rapper 50 Cent, fällt zwar ziemlich banal aus, pumpt aber immerhin mit einer gewissen dynamischen Wucht dahin, die man in ähnlicher Form auch noch im „Billie Jean“-artigen Bassgroove von „Hollywood Tonight“ findet. Hier wird Jacksons Stimme zwar unter vielen Schichten von Overdubs ziemlich verschüttet. Aber es gibt Schlimmeres auf dieser CD. Zum Beispiel das Gewinsel des schwachbrüstigen Rappers Akon, der auf der ersten Single, dem sehr langweiligen „Hold My Hand“, zum Refrain ständig „Akon and MJ“ nudelt.
Erinnerungen an Motown
Alles nicht gut, aber auch nicht so schlimm, und vor allem gegen Ende der Platte finden sich ein paar schöne Momente. Mit „Keep Your Head Up“ gibt es eine freundlich-süßliche Schnulze mit hymnischer Wendung. „The Way You Love Me“ ist eine an Jacksons Motown-Jahre erinnernde Ballade, solide gebaut, nicht unsympathisch. So wie auch das recht funkige „Behind the Mask“, die Coverversion eines Tracks des legendären japanischen Avantgarde-Ensembles Yellow Magic Orchestra, über das sich Jackson noch selbst mit dem Bandleader Ryuichi Sakamoto verständigt hatte.
Zweifellos wird „Michael“ die Weihnachtscharts beherrschen. Es führte sie diese Woche ja schon durch die Vorbestellungen allein an. „Michael“ bedient dabei den allerkleinsten gemeinsamen Nenner der Pop-Hörerschaft, nicht mehr und nicht weniger.
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