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Sting im Interview: "Die Leute sind stolz auf mich"

Popstar Sting über bewegende Konzerte mit alten Freunden, Angst und Trost in dunklen Wintern und warum er die deutsche Hymne schöner findet als die englische. ( mit Video)

Sting besingt auf seinem neuen Album, das bei Deutsche Grammophon erscheint, den Winter.
Sting besingt auf seinem neuen Album, das bei Deutsche Grammophon erscheint, den Winter.
Foto: Tony Molina

Sting, mit diesem Rauschebart im Gesicht hätte ich Sie kaum erkannt. Wollen Sie sich verstecken?

Ich weiß nicht. Es macht mir zurzeit einfach Spaß, diesen Bart zu tragen - und er gibt mir tatsächlich ein Stück Anonymität, ein kleines bisschen jedenfalls. Aber es gibt zu diesem Bart eine ganz banale Geschichte: 2007 spielte ich mit Elvis Costello im Théâtre du Châtelet in Paris in einer Rock-Oper von Steve Nieves mit, ich war Dionysos. Und für die Rolle sollte ich einen Bart tragen.

Zur Person

Sting, 1952 als Gordon Matthew Sumner in Newcastle geboren, arbeitete zunächst als Lehrer, spielte zeitgleich in lokalen Jazz-Rock-Bands, bevor er 1977 nach London zog und The Police ("Roxanne", "Message In a Bottle") gründete, die mit ihrer Mischung aus Rock und Reggae zu einer der weltweit erfolgreichsten britischen Bands wurden.

Nach der Trennung von Police Anfang der 80er Jahre machte Sting nur noch unter eigenem Namen Musik, oft mit Unterstützung von Größen aus der Jazz-Szene wie Branford Marsalis.

Zwischenzeitlich trat er immer wieder auch in Filmen auf wie "Quadrophenia", "Dune", "Stormy Monday", die allerdings weder an den Kinokassen reüssierten, noch die Kritiker überzeugten.

2007 kam er noch einmal mit seinen beiden Kollegen von Police für eine gemeinsame Tournee zusammen.

Sein neues Werk "If On A Winter´s Night..." (Universal) ist eine Art Konzept-Album. Es vereint Kirchen- und Folk-Lieder, darunter eine wunderbare englische Version von "Es ist ein Ros entsprungen" und ein paar ältere Sting-Songs wie "The Hounds of Winter", die sich alle thematisch mit dem Winter beschäftigen. Am 17. Dezember gastiert Sting im Festspielhaus in Baden-Baden; es ist das vorerst einzige in Deutschland geplante Konzert.

Sein kürzlich aufgezeichnetes Konzert in der Kathedrale von Durham soll im November auf DVD erscheinen und im Fernsehen ausgestrahlt werden.

Doch wohl einen Kunst-Bart, oder?

Nein, sie wollten, dass ich mir einen echten wachsen ließ. Dann wurde es Winter, der Bart hielt mich warm. Und ich fand, ich sah interessant aus mit Bart. Meine Frau hat sich bisher auch nicht beschwert.

Sie haben dem Winter jetzt ein Album gewidmet: "If On A Winter´s Night" - eine Sammlung von melancholischen Kirchen-, Folk- und eigenen, älteren Liedern. Als Sie die Songs kürzlich in der Kathedrale von Durham, nahe Ihrer Geburtsstadt Newcastle, erstmals öffentlich spielten, leitete der Dekan das Konzert mit einem Gebet ein. Was ging Ihnen, dem Agnostiker, da durch den Kopf?

Agnostiker ist ein sehr spezifischer Begriff.

Sie haben sich selbst mal so bezeichnet.

Kann sein, aber das heißt nicht, dass ich Atheist bin.

Das habe ich auch nicht behauptet.

Was ich sagen will, ist: Ich habe keine Vorstellung davon, was uns jenseits dieses Lebens erwartet. Ich bin diesbezüglich ein offener Mensch.

Das zeichnet auch den Agnostiker aus: Der glaubt an nichts, hält aber alles für möglich.

Sehen Sie, ich bin katholisch erzogen, gehe immer noch ab und zu in die Kirche. Ich halte mich gerne in Kirchen auf, nicht nur zum Gottesdienst. Am liebsten bin ich dort ganz alleine und lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Und der Auftritt in der Kathedrale von Durham war etwas ganz Besonderes für mich, nicht nur, weil sie so nah an meiner Geburtsstadt Newcastle liegt. Das Gebäude versammelt in sich Jahrtausende alte Rituale, die in den Mauern eingebettet sind. Man spürt es förmlich, wenn man dort singt. Ich werde demnächst einige wenige Konzerte in Kathedralen geben, im Dezember spiele ich in St. John the Divine in New York, das ist die größte gothische Kathedrale der Welt. Es ist seltsam, dass ich bisher nie daran gedacht habe, in Kirchen aufzutreten, wo ich mich doch oft in Kirchen zurückziehe, ihre Atmosphäre in mich aufsauge. Ich würde gerne mal im Kölner Dom oder in Notre Dame spielen. Das wäre fantastisch.

Jetzt sind Sie nicht auf meine Frage nach dem Gebet eingegangen.

Ich respektiere die Ehrerbietung, die Gebete zum Ausdruck bringen. Ich bete ja selbst, ich weiß nur nicht, zu wem.

Beten Sie zu Gott?

Ich bete jedenfalls nicht zu Nikolaus (lacht). Aber zu wem bete ich eigentlich? Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Ich glaube an etwas Profundes, Tiefsinniges, das jenseits der menschlichen Vorstellungskraft liegt. Für mich ist Religion lediglich eine Metapher für die Neugier auf dieses Andere. Aber was es ist, weiß ich auch nicht. Ich bin auf einer spirituellen Suche.

Hat Ihnen der aktuelle Papst auf dieser Suche in irgendeiner Weise Wege aufzeigen können?

Ganz bestimmt nicht. Ich bin bestürzt über seine Einstellung zu Homosexualität, und seine Äußerungen zu Geburtenkontrolle finde ich ärgerlich, wie überhaupt viele seiner Äußerungen irritierend und nicht sehr hilfreich sind. Religiosität ist für mich eine persönliche Angelegenheit. Die Art, wie Glauben und Spiritualität in Religionen organisiert werden, finde ich sehr befremdlich und verstörend. Ich brauche keine Kirche als Organisation, um Kontakt mit dem Spirituellen aufzunehmen.

Ihre neue Liedersammlung ist eine Art Meditation, die Songs handeln von der Suche nach Licht in der Dunkelheit, wie man mit Trauer, Schmerz und Verlust umgeht. Das ist eines Ihrer ewigen Themen. Dabei sind Sie offenbar ein sehr glücklicher Mensch, Sie haben sechs fast erwachsene Kinder, Häuser auf fast allen Erdteilen - was um alles in der Welt zieht Sie immer wieder in die Dunkelheit?

Der Winter spricht mich einfach an. Der Winter ist die Jahreszeit, nach der ich mich regelrecht sehne.

"You will see light in the darkness, you will make some sense of this" haben Sie 1981 in einem Police-Song gesungen.

Schön, dass Sie daran erinnern - ja, darum geht es mir immer, um diese Hoffnung, dieses Paradox, Licht im Herzen der Dunkelheit zu finden.

In den vergangenen fünf Jahren haben Sie keine neuen Songs mehr geschrieben. 2006 überraschten Sie mit neu eingesungenen Renaissance-Liedern von John Dowland, kurz darauf kam es zu der Reunion-Tournee Ihrer alten Band Police, auf der Sie nur alte Songs spielten - und jetzt spielen Sie wieder Lieder anderer Leute. Leiden Sie unter einer Schreibblockade?

Nein. Ich habe ja ein neues Lied für diese CD geschrieben "You only cross my mind in winter". Im Moment genieße ich es einfach, andere Musikrichtungen zu erforschen. Ich spüre zurzeit nicht den Drang, etwas Neues zu schreiben. Das bedeutet nicht, dass ich eine Aversion gegen das Komponieren entwickelt hätte. Ich werde wieder Musik schreiben, im Moment mache ich einfach das, was mir Spaß macht. Ich fand es spannend, unter dem "Winter"-Thema Lieder aus den unterschiedlichsten Genres zu bündeln: Kirchen- und Schlaflieder, Folk-Songs und ein paar meiner eigenen. Lieder aus der dunklen Jahreszeit, die uns zum Innehalten und Nachdenken bringen, die uns trösten, manchmal auch ein bisschen ängstigen. Einige Songs handeln von dem magischen Thema der Jungfrauengeburt. Im Grunde eine absurde Geschichte, aber ein gängiges Motiv in der Religionsgeschichte. Alle Götter kamen auf wundersame Weise in die Welt: Dionysos, Buddha oder Christus. Für mich sind dies zunächst einmal wunderschöne Geschichten, die fest in unserer kollektiven Psyche verankert sind. Andere handeln von Heimsuchungen und Geistern. Auch das bringt der Winter oft mit sich - sich mit den Geistern der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

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Datum:  23 | 10 | 2009
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