Blubbernd tuckert der Außenborder und lässt das Kanu sanft über den sandig-grünen Fluss gleiten. Auf den lehmigen Ufern links und rechts häufen sich weiße Baumstämme. Sie hat der Rio Chagres bei seinem letzten Hochwasser aus den Tiefen des Regenwaldes bis hierher transportiert. Aufrecht steht Melio im Heck des Einbaums und hält das Ruder. Hinter einer Biegung hebt der dunkelhäutige Bootsmann die Hand zum Gruß. Am Ufer antwortet der Chef eines benachbarten Dorfes, der gerade aus einem Baumstamm ein Kanu herausschält. Beide Männer gehören dem indigenen Volk der Emberá an, die in den Wäldern des Nationalparks Chagres im Herzen Panamas wohnen.
Keine Straße führt zu ihren Dörfern – nur der „große Fluss“, wie sie den Rio Chagres in ihrer Sprache nennen. Melio steuert eine Landzunge an. Einen Hafen hat sie nicht. Stattdessen lenkt er das Kanu auf den sanft ansteigenden Hügel, bis die Bootsspitze neben anderen Einbäumen im steinlosen Lehm stecken bleibt. Dann schaltet er den Motor aus. Wäre es still, könnte man das Rufen von Papageien hören, vielleicht einen Seeadler im Gleitflug bewundern. Doch im Dorf Tusipono herrscht Hochbetrieb. Barfüßige Emberá-Frauen eilen den Ankömmlingen entgegen – mit bunten Wickelröcken bekleidet, perlenbestickten Bikinioberteilen und Stirnbändern aus tropischen Blumen. Melio schnappt sich zwei Rasseln und stimmt mit anderen Männern ein Begrüßungslied an, dessen fröhliche Melodie von einer Querflöte getragen wird, die wie alle Instrumente aus hellem Holz besteht.
Tusipono heißt so etwas wie Blumenvogel. Die Übersetzung ins Spanische ist ungenau. Die Emberá haben mehr Begriffe für die Natur und ihre Lebewesen, als die Kolonialsprache wiederzugeben vermag.
Die Zeremonie ist immer gleich. Alle halbe Stunde kommen neue Boote mit Touristen an, für die der Besuch bei den Ureinwohnern ein Highlight ihrer Panamareise sein soll, wie das staatliche Fremdenverkehrsamt verspricht. Nur eine gute Autostunde von der quirligen Hauptstadt Panama-Stadt entfernt liegt die Anlegestelle im Alajuela-See, von wo aus die Fremden mit den Einbäumen über den Fluss gebracht werden – gerade so viele, dass das Dorf nicht darunter leidet.
Es fehlt das Geld
Auch Gemeinschaftschef Neldo Tocamo macht bei den Events mit. Er führt eine Gruppe in den Empfangssaal – ein großes Haus aus verschnürten Holzpfeilern und Balken, ohne Wände. Das Dach ist aus ausgedörrtem Pflanzenstroh geflochten. Das Licht darunter ist weich, als falle es durch rötlich gefärbtes Glas. Das kommt vom Lehmboden. Der sorgt neben der natürlichen Ventilation des Windes auch für die angenehme Kühle, mit der keine Klimaanlage mithalten kann. Während die Fremden mit frittiertem Chagres-Fisch und Kochbananen versorgt werden, zieht sich der Häuptling für einen Moment zurück.
Neldo Tocamo ist das Oberhaupt, der Kazike, von sechs kleinen Dorfgemeinschaften, in denen rund 100 Familien zu Hause sind. „Unsere Familien leben seit Generationen am Rio Chagres“, erzählt er. Jedes Wort spricht er mit Ruhe aus. Sein Spanisch ist für einen Fremden viel besser zu verstehen als das der meisten Panameños, die sich beim Sprechen schier überschlagen. „Doch seit das Flussgebiet vor Jahren zum Nationalpark erklärt wurde, dürfen wir keinen Baum mehr fällen, ohne dafür Geld bezahlen zu müssen.“ Er zeigt auf die Holzlatte des Rohbaus, auf der er Platz genommen hat. Sie misst vielleicht drei Meter und ist ein paar Zentimeter dick. „Wir haben sie selbst geschnitten. Trotzdem kostet sie uns sechs Dollar.“ Für ein indianisches Haus kommen so schnell einige hundert Dollar zusammen. Fischen und jagen, ein bisschen Ackerbau für den Eigenbedarf, das war es. Doch die Emberá brauchen Geld für Kleidung, den Schulbus, das Bootsbenzin. Der Weg dazu führt über die Touristen-Show. „Alle Dinge haben zwei Seiten. Die Gute ist, dass wir uns über die Rituale wieder an die Traditionen erinnern, die viele schon vergessen haben“, sagt der Kazike. Über die andere Seite spricht er nicht.
Neldo Tocamo trägt wie alle Männer heute einen perlengeschmückten Rock, den er sich neben dem orangenen Lendenschurz um seine Hüften gelegt hat. Der traditionelle Schmuck, erzählt er, sei früher aus Baumsamen gewonnen worden. Heute seien es Perlen aus Plastik. Woher sie stammen? Neldo Tocamo überlegt. „Vielleicht aus Deutschland?“, fragt er zurück.
Existenzprobleme ohne den Fluss
Wenn die Touristen gegangen sind, tauscht er Lendenschurz und Schmuck gegen eine kurze Jeans. Sein Haus steht auf Stelzen wie alle Wohngebäude hier, um vor dem Fluss geschützt zu sein, wenn er über die Ufer tritt. Der Boden des einzigen Raumes, in dem er mit seiner Frau und den drei Kindern lebt, besteht aus dunklem Holz. An einer Kleiderstange hängen Hemden und Stoffhosen wie in einer Stadtwohnung. Das Einzige, was er von seinem Schmuck ständig trägt, ist die Kette mit dem Adlerkopf aus einer Art Speckstein. „Jeder von uns findet seine Entsprechung in der Natur“, sagt er. „Der Adler sieht alles, wenn er in der Höhe kreist. Das ist wichtig für einen Anführer.“
Ist die Natur nicht intakt, gibt es auch keine Adler mehr: „Erde, Wasser, Luft, Wald“, sagt Neldo Tocamo voller Respekt, „sind unsere Eltern, die wir lieben. Sie nähren uns und lehren uns zu leben.“
Ohne den Fluss könnten nicht nur die Emberá kaum existieren. Auch den Panamakanal versorgt der Rio Chagres wie eine Mutter ihr Kind mit Wasser – 60 Prozent des Volumens der zentralen Wasserstraße, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet, kommen aus dem Fluss. Der 125 Kilometer lange Strom, der in den Tiefen des Regenwaldes entspringt, ergoss sich einst in weiten Schlingen bis in die Karibik. Seit 100 Jahren schon ist das nicht mehr der Fall. Denn für den Bau des Kanals wurde er zusammen mit einer Vielzahl seiner ehemaligen Nebenflüsse aufgestaut. Mit dem Lago Gatun entstand der damals größte künstliche See der Welt.
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