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Streit um Werbe-Parodie: Kleinkrieg um die Kartoffel

Eine Werbe-Parodie auf Pfanni-Kartoffeln erzürnt die Nationalisten in einschlägigen Islamhasser-Blogs. Sie drohen der unbeteiligten Firma mit Boykott. Die findet den Scherz gar nicht lustig. Von Stefan Behr

Screenshot des Skandal-Videos auf YouTube.
Screenshot des Skandal-Videos auf YouTube.
Foto: YouTube

Die widerstandsfähige deutsche Kartoffel. Nur Raimund Harmstorf hat sie vor langer Zeit mal klein gekriegt. Auf einem Schiff. Mitten im Meer.

Die Feinde von heute lauern an Land. Im Netz. Gestalten wie der muskulöse, tätowierte, glatzköpfige und migrationshintergründige Kerl, der derzeit durch das Internet geistert. Bewaffnet mit Baseballschläger und mit grimmigem Blick rappt er dort in bester Bushido-Manier ein garstig´ Lied: "Die Zeit ist reif / ich werde nicht mehr warten / Opfer, begreif: / Ich hol dich aus dem Garten / Ich werd dich klatschen, zerfetzen, zerquetschen / mach keine Faxen, jetzt gibt´s Action." Den Refrain singt dann seine ganze Gang mit: "100 Prozent, deutsche Kartoffeln / 100 Prozent, ich tu dir weh / 100 Prozent, deutsche Kartoffeln / 100 Prozent, Kartoffelpüree." Dann zerquetscht der Glatzkopf mit bloßer Faust eine Kartoffel. Ein Schriftzug erscheint: "Unser Mitarbeiter des Monats." Und ein Logo: "Pfanni - 100 Prozent deutsche Kartoffeln."

"Du Kartoffel" als Beleidigung

Der Film ist natürlich, selbst eine deutsche Kartoffel müsste das eigentlich erkennen, kein Werbespot der Firma Pfanni. Es ist schlicht die erfrischende HipHop-Parodie eines Studenten der Hochschule für Fernsehen und Film München. Auf dem Spotlight-Festival in Mannheim, einem internationalen Werbefilmwettbewerb, gewann der einminütige Spot einen Publikumspreis in Silber. Man kann das Filmchen also witzig finden.

Finden aber nicht alle. In den einschlägigen Islamhasser-Blogs schlug das Video hohe Wellen. Die "unfassbare Instrumentalisierung täglich erfahrenen Leids von Deutschen ohne Migrationsbiografie zu Werbezwecken", wie es ein User ausdrückte, führte zu einer Flut von Boykottandrohungen, die direkt an die völlig unschuldige Firma Pfanni gerichtet waren. Schließlich, so ein anderer User, gehöre "die rassistisch-chauvinistisch gebrauchte Anrede ,Du Kartoffel´ zum Standardrepertoire deutschenfeindlicher Beschimpfungen". "Wie blöd muss man eigentlich sein, liebe Firma Pfanni?", echauffierte sich der Nutzer "Der letzte freilebende Preuße". "Ab sofort wird in meinem Haus kein Pfanni mehr auf den Tisch kommen. Ich hoffe sehr, dass sich diesem Boykott noch viele anschließen." Taten sie.

Pfanni sah sich zum Handeln gezwungen. Denn auch wenn der Konzern selbst den Slogan "100 Prozent deutsche Kartoffeln" geprägt und in einem Werbefilm der Agentur Jung von Matt selbstironisch damit gespielt hatte: Hier ging es plötzlich um wütende Kunden und bares Geld, und da hört der Spaß auf. Im Internet ließ der Konzern eine Stellungnahme verbreiten, in der er sich "aufs Schärfste von diesem Spot" distanziert. "Ungefragt und unerlaubterweise wurde hier unser Pfanni-Logo missbraucht. Leider haben wir keinen Einfluss auf diverse Internetseiten, die diesen Image-schädigenden Spot verbreiten", erklärte das Unternehmen im Netz. Man habe nichts mit dem Spot zu schaffen.

"Das Problem ist nur, dass das einigen Konsumenten nicht klar ist", sagt Merlin Koene, Pressesprecher bei Unilever. Dort ist man unglücklich über die Angelegenheit. Das Unternehmen plant nach Koenes Aussage trotzdem nicht, den armen Studenten, die Wurzel allen Übels, zu verklagen. Man habe bislang lediglich die Festival-Betreiber aufgefordert, den Spot von der Homepage zu nehmen. Das ist mittlerweile geschehen. Doch die Eigendynamik des Internet hat dafür gesorgt, dass die Kartoffel-Affäre weite Kreise zieht.

Er hoffe dennoch, "dass unsere Kunden auch weiterhin unseren Produkten vertrauen", sagt Koene. Das sind Sätze, die Pressesprecher sagen, wenn sie wissen, dass es um hochsensible Themen geht. Die Brisanz haben offenbar auch andere erkannt: Für eine Stellungnahme war gestern keiner der Spotlight-Festival-Verantwortlichen erreichbar, ebensowenig wie der Student, der mit seinem Film die ganze Aufregung verursacht hat.

Wenn man irgendeine Moral aus der seltsamen Geschicht´ ziehen kann, dann die, dass Dummheit und Borniertheit, die natürlichen Feinde der Kunst, im Internet einen unfassbar fruchtbaren Humus gefunden haben. Die Kunst aber auch. Denn mit der Breitenwirkung, die sein Festival-Beitrag nun hat, hätte der junge Student niemals rechnen können. Seiner Karriere dürfte es kaum abträglich sein.

"Luther erschütterte Deutschland - aber Francis Drake beruhigte es wieder: Er gab uns die Kartoffel", hat Heinrich Heine mal gesagt. Hier irrte Heine.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Kommentarfunktion zu diesem Artikel wieder deaktiviert und alle bereits geschriebenen Kommentare gesperrt. Wir behalten uns solche Maßnahmen vor, wenn wir die Äußerungen unserer User für unangemessen halten.

Autor:  Stefan Behr
Datum:  18 | 3 | 2010
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