Rio de Janeiro. Am Tag nach dem epochalen Blackout, der das halbe Land in Dunkelheit hüllte, der Aufzüge, U-Bahnen und sogar Notrufzentralen der Polizei lahm legte, fragt sich Brasilien: Wie kann so etwas geschehen?
Das riesige runde Zifferblatt am Turm des Hauptbahnhofs ist eine verlässliche Leuchtboje im nächtlichen Lichtermeer von Rio de Janeiro. Aber am Dienstagabend war sie genauso im Dunkeln versunken wie die normalerweise verschwenderisch angestrahlte Fassade des früheren Kriegsministeriums nebenan. Nur die Autoscheinwerfer in den Straßenschluchten brachten eine Schicht schwachen, diffusen Lichtes in die Fünf-Millionen-Stadt. Dass man beim größten Stromausfall Brasiliens seit Jahren endlich mal wieder den nächtlichen Himmel sah, inspirierte die Twitter-Poeten: "Wenn die Generatoren stillstehen, kommt die Fantasie in Fahrt", schrieb einer.
Den Zehntausenden von Menschen, die in den Metropolen Brasiliens in Aufzügen und U-Bahn-Schächten, an Omnibushaltestellen oder den Bahnhöfen der Vorortzüge festsaßen, war eher nicht nach Poesie zumute. In Rio schaffte es die Feuerwehr nur, die Insassen zweier Aufzüge zu befreien - dann brach bei ihr, genauso wie beim Zivilschutz - das Telefonsystem wegen Überlastung zusammen. Mit den Handys ging es kaum besser. Zuerst war das Netz überlastet, später fielen die Notstromversorgungen der Mobilnetze aus. Auch wenn das Telefonieren nicht mehr ging - immerhin konnte sich mancher mit dem Schein des Displays orientieren.
Da die Ampeln ebenfalls finster blieben, kam es zu endlosen Staus und Verstopfungen, gegen die die Verkehrspolizei machtlos war. Auf der Avenida Paulista, der Prachtstraße von São Paulo, kam der Verkehr zeitweise zum Erliegen. Omnibusse waren krachvoll, Taxis nicht zu haben - und motorisierte Verwandte herbeizudirigieren, das scheiterte an stumm bleibenden Handys.
Als um 22.13 Uhr Ortszeit das Licht ausging, dachten die meisten an eine der immer wieder vorkommenden, kurzen und örtlich begrenzten Strompannen, wie sie etwa durch heftigen Regen ausgelöst werden. In den Kneipen blieben die Gäste zunächst gelassen sitzen, aber dann schlossen die Lokale vorzeitig. Vor allem das meist aus den ärmlichen Vororten angereiste Personal stand, wie Zehntausende anderer Angestellten - etwa der um 22 Uhr schließenden Einkaufszentren - vor der Frage, wie es nach Hause kommen sollte.
Was bei Stromausfall in Brasilien zuallererst aufkommt, ist die Angst, überfallen zu werden. So versuchten die Menschen zusammen zu bleiben statt zu laufen; in oder vor den U- und S-Bahnhöfen warten Hunderte darauf, dass das Licht wieder angehe und die Züge wieder führen. Vereinzelt wurde von "arrastões" berichtet - Raubzügen von Verbrechern. Zu besonders spektakulären Aktionen kam es nicht - offenbar waren auch die Straßenräuber überrascht.
Die Millionenstädte Rio und São Paulo waren bis in die früheren Morgenstunden praktisch vollständig dunkel. Andere kamen glimpflich davon. In Curitiba flackert es nur kurz, in Belo Horizonte waren nur bestimmte Stadtviertel betroffen. Dass der Stromausfall zwar die Hälfte der 26 Bundesstaaten betraf - selbst im Nordosten und an der Grenze zu Peru gingen die Lichter aus -, aber höchst unterschiedliche Auswirkungen zeigte, löste vielerlei Spekulationen aus.
Eines wies Energieminister Edison Lobão schon zurück, als noch Finsternis herrschte: Dass ein Hacker die Computer des Stromsystems sabotiert haben könnte, was kürzlich ein US-amerikanischer Fernsehbericht als Grund für zwei brasilianische Blackouts 2005 und 2007 angab.
Betroffen war jetzt in erster Linie der hoch entwickelte, hoch industrialisierte Südwesten Brasiliens - dort schien die Panne entstanden zu sein. Der erste Verdacht richtete sich auf das Wasserkraftwerk Itaipu, das Herzstück des brasilianischen Stromsystems. Das zweitgrößte Kraftwerk der Welt an der Grenze zu Paraguay, das die Nachbarländer gemeinsam betreiben, hat die Potenz von zehn deutschen Kernkraftwerken. Tatsächlich stand Itaipu in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch still - zum ersten Mal seit 1975. Aber die 18 Turbinen wurden abgeschaltet, wie der verantwortliche Ingenieur formulierte, weil das Kraftwerk "leer drehte". Die knapp 11000 Megawatt, "gingen in die Luft und verschwanden", weil das Netz sie nicht aufnahm. Brasilien deckt rund drei Viertel seines Strombedarfs relativ umweltfreundlich durch Wasserkraft, die aber in wenigen, riesigen Staudämmen erzeugt wird. Diese Zentralisierung mache das Netz umso anfälliger, sagte der Energieexperte Luiz Pinguelli Rosa.
Am Mittwoch erklärte ein Sprecher des Energie-Ministeriums, "widrige Witterungsbedingungen" hätten drei Hochspannungsleitungen gestört, die den Itaipu-Strom in die Zentren des Hauptverbrauchs transportieren. Aber welche Witterungsbedingungen das waren, blieb erstmal unklar - Blitzschlag? Schäden an den technischen Einrichtungen habe es nicht gegeben, sagte der Sprecher - schuld seien "eine Kaltluftfront mit sehr starkem Wind und Regenfällen".
Was freilich mehr Fragen aufwirft als klärt: Wie kann es sein, dass die aufstrebende Wirtschaftsmacht Brasilien, die in wenigen Jahren angeblich Italien, Frankreich und Großbritannien überflügeln wird, durch einen schlichten Temperatursturz mit Unwetter lahmgelegt wird?
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