Buchstäblich zum Greifen nah liegt die Tigerin Julie mit ihren fünf Neugeborenen vor uns. Die Babys sind erst zwei Tage alt und doch schon so groß wie eine Hauskatze. Kein Mensch bei Sinnen käme einer Tigermutter so nah, er wäre ein Todeskandidat: Nur ein Sprung - und die 150 Kilo schwere Raubkatze würde mit großer Wucht auf ihr Opfer prallen, es mit ihren gewaltigen Krallen festhalten, ihm die Kehle durchbeißen oder ihm mit einer raschen Drehung das Genick brechen. Ein Bewegungsablauf, der sich bei Tigern in Sekundenschnelle abspielt, sie jagen konsequent, effektiv und machtvoll. Vor einer halben Stunde wurden uns solche Szenen noch in einem Info-Film vorgeführt, jetzt knien wir hier im Gras vor Julie, die nicht einmal Notiz von uns nimmt. Eines ihrer Jungen saugt an einer Zitze, ein anderes hangelt sich an ihrer Seite empor. Hinter einer Scheibe Sicherheitsglas im Zoo sitzend, wäre das ein idyllisches Bild. Doch ohne jeglichen Schutz jagt Adrenalin pur durch unsere Adern.
Den schützenden Jeep haben wir nur verlassen, weil John Varty neben uns steht. Der Raubtierexperte ist eine imposante Erscheinung. Groß gewachsen, braun gebrannt, grauer Haarschopf, lässig in ein Safari-Outfit gekleidet, das schon bessere Zeiten gesehen hat. "Kommt rüber, Leute", sagt er in dem lässigen Tonfall, der für das ländliche Südafrika typisch ist, und gibt einige präzise Verhaltensregeln. Wirklich nötig ist das nicht, denn angesichts eines Tigers, bewegt man sich in natürlicher Demut. Und wer bereits in Afrika war, kennt die eherne Grundregel ohnehin: nicht weglaufen. Nur Beute läuft weg.
Buchungsanfragen unter info@jvbigcats.co.za oder telefonisch an Sunette, 0027-82-8924680 (Handy) oder 0027-51-7730063. Vorauszahlung wird erwartet.
Unbedingt die Buchung rückbestätigen lassen und wenige Tage vorher erneut anrufen. Game-Drive, Abendessen, Übernachtung in Philippolis, anderntags in der Frühe Spaziergang mit Tigern inkl. Frühstück zusammen umgerechnet circa 135 Euro.
Für die Fahrt Johannesburg - Philippolis sollte man mindestens sieben Stunden rechnen. Vor Nachtfahrten, auch auf Autobahnen, muss vor allem im ländlichen Raum gewarnt werden (Vieh auf der Straße). Ohne Englischkenntnisse geht es nicht.
Infos im Internet unter www.philippolisinfo.co.za/tigers.htm oder www.jvbigcats.co.za/.
Video nur für starke Nerven
Weil Varty sich ganz unaufgeregt und natürlich bewegt, bleibt auch Julie ruhig, stellt nicht die Ohren auf, peitscht nicht mit dem Schwanz und spannt nicht, wie kurz vor einem Angriff, die Muskeln an. Julie kam aus einem kanadischen Zoo als Baby in das gewaltige Gehege in die Weiten der südafrikanischen Provinz Freestate. Sie kennt und vertraut John Varty so sehr, dass an diesem Tag bereits ein Team von National Geographic sowie Natur-Fotografen und Journalisten die kleine Sensation dokumentieren durften, die sich in der Nacht zum 2. November ereignete: Stolz verkündet er, dass hier, sozusagen in der Mitte Südafrikas, während eines heftigen Gewitters der erste wilde weiße Tiger geboren wurde. Außerdem sind noch vier klassische Babys mit schwarzen Streifen auf rötlich braunem Grund zur Welt gekommen.
John Varty, kurz "JV" genannt, weiß nicht nur Tiger für sich einzunehmen. In Südafrika, das seine Identität zu einem Gutteil immer noch aus den Mythen afrikanischer Wildnis schöpft, ist der Mann eine Legende. Mit seiner Familie betreibt der 59-Jährige die Londolozi Lodge, das Flaggschiff unter den luxuriösen Wildpark-Unterkünften. Nelson Mandela hat die Lodge sogar als Symbol für das neue Südafrika gepriesen. "Während meines langen Wegs in die Freiheit hatte ich das seltene Privileg, Londolozi zu besuchen. Ich sah dort Menschen aller Rassen in Harmonie miteinander leben und inmitten der Schönheit, die Mutter Natur uns bietet. Londolozi repräsentiert ein Modell meines Traumes für die Zukunft des Erhalts der Natur in unserem Land", wird die Ikone zitiert. Und auch John Varty weiß manche Anekdote über den ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas zu berichten. Etwa, als er Mandela ungefragt einen Rat gab. Woraufhin der ihn anschnauzte, er solle ihm nicht sagen, was er zu tun habe , um sich schließlich einen Tag später für den guten Rat zu bedanken. So schult der Umgang mit Raubkatzen ganz offenbar auch für den Kontakt mit Präsidenten und anderen Alphatieren.
Raubkatzen sind Passion und Lebensmittelpunkt von JV. Er kennt kein anderes Thema und unterweist uns zu Beginn unseres Besuchs erst mal in der Tiger-Grundsprache, einer Art "Hallo-Hallo"-Laut, der in etwa so klingt, als schnaufe eine Mini-Dampflok. Über die Jahrzehnte hat JV in Südafrika, Kenia und Sambia preisgekrönte Filme von Weltrang über Leoparden und Löwen gedreht, die Raubkatzen kennen gelernt und über Generationen begleitet. Und nun ist er für Tiger entflammt, die ja gar nicht nach Afrika gehören, sondern aus Asien stammen.
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