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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

03. März 2016

Südafrika: In Diepsloot regiert die Selbstjustiz

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Der Journalist Golden Mtika kennt die Siedlung wie seine Westentasche und genießt bei den Bewohnern großen Respekt.  Foto: Johannes Dieterich

Das Slum am Stadtrand von Johannesburg ist ein Moloch voller Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit. Unser Korrespondent Johannes Dieterich hat vier Tage in der Siedlung verbracht.

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Diepsloot, samstagmorgens um sechs. „Steh‘ auf“, rüttelt mich mein Gastgeber wach: „Wir haben einen Mord in Section 1.“ Fünf Minuten später sitzen wir in Golden Mtikas klapprigem Toyota Tazz, auf dem Weg in den berüchtigtsten Teil des Slums, einem chaotischen Gewirr aus dicht aneinander stehenden Wellblechhüten, durch deren ungeteerte Gassen die Kloake fließt. Irgendwann wird die Buckelpiste selbst für Goldens motorisierten Hüpfer zu eng: Die letzten hundert Meter gehen wir zu Fuß. Wortlos weisen uns die Anwohner den Weg zu einer kaum vier Quadratmeter großen Hütte, auf deren Tür die Nummer R 1119 gepinselt steht. Unter der Tür hat sich ein rotes Rinnsal den Weg ins Freie gebahnt.

Um in die Hütte zu kommen, müssen die Polizisten erst einmal die Tür abmontieren: Denn drinnen liegt ein toter Körper auf dem Boden. Der spindeldürre Mann hat lediglich eine kleine Stichwunde unter dem rechten Schlüsselbein: „Verblutet“, sagt der wortkarge Konstabler Segoa.

Mit Hilfe der vielen schaulustigen Nachbarn sind die letzten Minuten von Herald Moyo schnell rekonstruiert. Der 30-jährige Simbabwer muss seine Hütte um kurz nach fünf verlassen haben, um zur Arbeit zu gehen. Auf dem Weg durchs Slum wurde er von zwei Landsleuten attackiert, die es offensichtlich auf sein Geld und Handy abgesehen hatten. Vermutlich wehrte sich Herald und bekam daraufhin den Messerstich verpasst. Trotzdem gelang ihm – mitsamt seinem Handy und mehreren 100-Rand-Noten in der Tasche – die Flucht nach Hause. Dort brach er vor dem Bett zusammen.

Vergeltung des Volkszorns oft grausamer

Damit endet die Geschichte allerdings noch nicht. Anwohner bekamen einen der beiden Räuber zu fassen und schickten sich an, ihn so zu traktieren, wie Diepsloots Bevölkerung inzwischen Verbrecher behandeln: Sie schlagen sie halb tot, zünden sie dann an oder steinigen sie. Hätte die Polizei nicht eingegriffen, läge Herald Moyo jetzt als Opfer des Volkszorns neben seinem Landsmann im geschlossenen Leichenwagen – so aber kauert er im vergitterten hinteren Teil von Konstabler Segoas Streifenwagen und stöhnt. Sein linkes Auge ist zugeschwollen, sein Schädel blutverschmiert. Als ihn der Konstabler und ein Kollege aus dem Wagen ziehen, knicken seine Beine ein. „Ihr seid etwas zu spät gekommen“, sagt Segao: „Sonst hättet ihr auch gleich noch die ‚mob justice‘ im Vollzug erlebt.“

Diepsloot ist für seine spontanen Volksgerichtshöfe bekannt. Auf jedes Verbrechen folgt, wenn möglich, die Vergeltung: „Anders“, sagt Thomas Semola, Sprecher der Bürgervereinigung Sanco, „werden wir der Kriminalität hier niemals Herr.“ Dass in einer Nacht zum Samstag lediglich ein Mensch umgebracht wurde, sei eine Seltenheit, meint Golden, der bereits seit 14 Jahren in Diepsloot lebt. Er habe freitagnachts schon bis zu sieben Leichen gezählt – Verbrechensopfer und Opfer des Volkszorns zusammengerechnet. Meist falle die Rache wesentlich grausamer als das Originaldelikt aus, fügt der 41-jährige Journalist hinzu: Schließlich soll die Volksjustiz auch der Abschreckung dienen.

Bereitwillig präsentiert Golden unzählige, auf seinem iPad gespeicherte Fotos und Videoclips – auf diese Weise kann er wenigstens das Grauen mit jemandem teilen. Auf den Bildern sind Tote in allen Variationen zu sehen: alte und junge, männliche und weibliche, verbrannt, zerstückelt, blutüberströmt. Auf einem Videoclip rennt eine brennende Gestalt schreiend über die Straße, um kurz später zusammenzubrechen. In einer anderen Szene schlagen junge Männer mit Latten und Stöcken auf einen Menschen ein, bis dieser leblos liegen bleibt. Ein Junge tritt ihm noch einmal mit dem Fuß ins Gesicht. Diepsloot ist so alt wie das Neue Südafrika. Als der Afrikanische Nationalkongress (ANC) und sein Präsident Nelson Mandela im April 1994 die Regierung übernahmen, kamen schwarze Südafrikaner von allen Landesteilen ins Wirtschaftszentrum in der Gauteng-Provinz geströmt, um Arbeit zu finden – unter der Herrschaft der Weißen hatte es strikte Zuzugskontrollen gegeben.

Auf allen möglichen freien Flächen bauten die Migranten am Johannesburger Stadtrand ihre Hütten auf, bis sich die Mini-Slums wie die Flecken eines Ausschlags über die Landschaft ausbreiteten. Um der wilden Besiedelung Herr zu werden, erwarb die Regierung die Farm Diepsloot, auf deren hügeligem Grund ein neuer Stadtteil entstehen sollte – mit ordentlichen Steinhäusern, Wasser und Strom sowie Läden, Schulen und einer Polizeistation. 22 Jahre später leben in Diepsloot mehr als 300 000 Menschen, doch nur ein Bruchteil von ihnen verfügt über gemauerte Häuser, weit weniger als die Hälfte über Strom, selbst Wasser müssen viele von den Hähnen herbeischleppen, die an den Straßenrändern aus dem Boden ragen. Kaum einer der Migranten fand den erhofften Job: Über 70 Prozent der Diepslooter sind arbeitslos.

Golden hat mich bei sich in Sektion 6 aufgenommen: Sein Häuschen verfügt über Backsteinmauern, ein Bad und Toilette. Vier Tage lang lässt mich mein Kollege nicht aus den Augen: Ein einsames Bleichgesicht würde in Diepsloot nicht lange überleben. Der Journalist ist ein wandelndes Kompendium des Slums: Er erzählt mir von dem Jungen, der starb, weil er vom Abwasser auf der Straße getrunken hatte, und zeigt mir das aus Containern bestehende Gymnasium, vor dem sich die Schüler morgens einer Leibesvisitation unterziehen müssen, damit sie keine Messer mit zur Schule bringen. Golden stellt mich der spindeldürren HIV-infizierten Bulelwa Nqabeni vor, die mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in Sektion 1 eine vier Quadratmeter große Hütte bewohnt und von ihrem Mann nicht viel mehr erwarten kann, als dass er betrunken nach Hause kommt. Wir treffen Witwen, Waisen und den 71-jährigen Urgroßvater David Mcubuse, dessen fünfjährige Enkelin entführt, vergewaltigt, erdrosselt und verstümmelt wurde. Als er sie im Leichenschauhaus identifizieren musste, durfte er nur ihren Kopf sehen: Alles andere war dem alten Mann nicht zuzumuten.

In diesen Klohäuschen lagen zwei ermordete Fünfjährige.  Foto: Johannes Dieterich

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