DIE KIRCHE: Seit 30 Jahren befindet sich das älteste Sex-Kino Amsterdams gegenüber der ältesten Kirche der Stadt. Hin und wieder ereilt die Kirchenmänner das Bedürfnis, vielleicht auch Gottes Befehl, zu dem Verkaufsschalter des Sex-Kinos "Venus" zu gehen und Ton Grootes, den Besitzer, zu beschimpfen. Verbrecher!, sagen sie. Ton Grootes zuckt dann mit den Schultern - sein Gesicht rot bestrahlt von der Neonröhre über ihm, als komme er direkt aus dem Jenseits, jenseits des Himmels. Das sieht ein bisschen gruselig aus.
DER STADTRAT: Das Kino ist ein Erbstück seines Schwiegervaters. Seit 26 Jahren sitzt Grootes, 61, hinter dem Verkaufsschalter und zeigt im Vorführraum ausschließlich Super-8-Pornos, die meisten aus den 70er Jahren. Weil das ungewöhnlich ist und weil ihm der Amsterdamer Stadtrat ein Kaufangebot für seine Immobilie gemacht hat, kamen in den vergangenen Wochen Journalisten und stellten ihm Fragen. Grootes war daraufhin in nahezu jeder Amsterdamer Tageszeitung zu sehen. Ein wenig schmeichelt ihm diese Aufmerksamkeit. Nicht aber das Angebot der Stadt - 750 000 Euro für das Kino und die beiden darüber liegenden Wohnungen. Der Stadtrat will mit den Immobilienkäufen das Rotlichtviertel aufwerten, indem er die neu erworbenen Räume an junge Designer vermietet. Stimmt der Eigentümer des Gebäudes dem Angebot aber nicht zu, kann sich die Stadt - zack - die Immobilie gegen eine Entschädigungszahlung trotzdem aneignen. Grootes ärgert das. Vor allem aber wundert er sich, warum sich der Stadtrat nicht mehr meldet. Der Drache schläft.
Jan-Dirk van der Burg, 1978 im holländischen Voorburg geboren, hält die Sensationen des Alltags fest: Der an der Kunstakademie in Den Haag ausgebildete Fotograf hat sich mit Serien wie "Office Culture" und "Toys for Boys" einen Namen gemacht.
Seine Beobachtungen im Sexkino "Venus" war zuletzt im Fotomuseum Amsterdam zu sehen (www.foam.nl). Seine Bilder erscheinen u.a. im Volkskrant Magazine, Vrij Nederland, NRC Next und Nieuwe Revu.
DIE PORNOS: Alle Viertelstunde muss Grootes in seiner vier Quadratmeter kleinen Kammer hinter dem Verkaufsschalter eine neue Filmspule einlegen. Er steigt dazu zwei kleine Treppen hoch - denn Grootes ist nicht sonderlich groß. Ist es ein Stummfilm, holt er außerdem eine seiner Musik-CDs vom Stapel, "Knuffelrock" zum Beispiel, und legt sie in den CD-Player neben den Projektoren. Dann ist im Kino zu den siebziger Jahre Pornos romantische Musik zu hören. Doch die meisten Filme sind vertont. Sie tragen Titel wie "Im Garten der Lüste & Tapetenwechsel", "Bumsi Maus" oder "Connaisseur". Etwa 2000 der 3000 Super-8-Spulen, die Grootes in seinem Archiv zuhause aufbewahrt, sind deutsche Produktionen. Denn Deutschland war in den 70er Jahren sehr eifrig bei der Sache und die Filme sehr gefragt, jedenfalls im "Venus". Damals, sagt Grootes, hätten die Pornos wenigstens noch eine kleine Rahmenhandlung gehabt. Die geht zum Beispiel so: Eine Frau trifft sich im Wald mit einem Mann und hat Sex vor seinem Auto, bis ein Polizist des Weges kommt und ruft: "Nehmen Sie sofort Ihr Geschlechtsteil aus dieser Dame!"
DAS KINO: Oben, bei den Projektoren, ist ein kleines Glasfenster, durch das die Filme auf die Leinwand im Vorführraum projiziert werden. Von diesem kleinen Fenster aus kann man das ganze Kino überblicken, aber nicht die beiden Sitze rechts hinter einer Holzwand. Die Wand dort ist auf Kopfhöhe abgewetzt, weil die beiden Plätze die beliebtesten sind. Grootes sagt, dass er anfangs durch das Fenster beobachtet habe, was in dem Kino vor sich gehe, doch mittlerweile wolle er das gar nicht mehr wissen. Sicherheitshalber verkauft er Kondome zu einem Euro das Stück, weil sich hier hin und wieder Paare und Homosexuelle treffen. Das Kino hat 32 Sitze und ein abschließbares WC mit schummriger Beleuchtung, das durchaus zweckentfremdet werden kann. Man will die Türklinke der Toilette nicht wirklich anfassen, aber eigentlich auch nicht auf den orange-grünen Polstern der Sitze Platz nehmen. Sie sind abgewetzt und fleckig. Hin und wieder reinigt Grootes die Polster. Doch ausgetauscht wurden sie nie. Sie sind der Horror jedes hygieneliebenden Menschen.
DIE MOTIVE: Es ist wohl etwas naiv zu denken, die vor allem männlichen Kinogäste kämen wegen der 70er-Jahre-Porno-Ästethik. Wegen des künstlerischen Anspruchs. Denn in Wirklichkeit ist das so ziemlich das Letzte, worüber sie reden wollen. Überhaupt sind die Kinogäste recht ungesprächig. Sie huschen in das Kino hinein und genauso schnell wieder hinaus. Grootes vermutet, dass sie das Kino den Pornos im Internet vorziehen, weil das "Venus" anonym ist. Keine Angst, auf der Festplatte des heimischen Computers Spuren zu hinterlassen; keine Ehefrau, die plötzlich ins Zimmer platzt. Vermutlich kommen die Kunden aber auch wegen der Busen ohne Silikon und wegen des unzeitgemäß üppigen Haarwuchses im Allgemeinen. Vielleicht auch wegen der vergilbten Negative und dem beruhigenden Gedanken, dass auch Filme altern. So genau weiß es auch der Herr der "Venus" nicht. Den letzten Porno-Film hat Grootes Mitte der 80er Jahre gekauft. Wozu auf DVDs umsteigen? Pornos würden im Ergebnis doch alle das Gleiche zeigen. Grootes ist die Nostalgie so egal wie die Hygiene der Polster. Er will nichts mehr in das Kino investieren. Deshalb verjagt er Kunden, die versuchen, ihn um den Eintritt zu prellen, nicht mit einem gekauften Schlagstock, sondern mit einem abgebrochenen Stuhlbein.
DIE KUNDEN: Fünf Euro kostet der Eintritt, dafür dürfen die Kinozuschauer so lange im Saal bleiben, wie sie wollen. Die Filme wiederholen sich alle 1,5 Stunden und wöchentlich wechselt das Programm. Grootes hat ausgerechnet, dass er etwa alle sechs Jahre mit seinen 3000 Super-8-Spulen durch ist. Dann muss er wieder von vorne beginnen. Die Zuschauer scheint das nicht zu stören. Oder sie haben den Anfang am Ende wieder vergessen. Ein Stammgast kam jeden Tag, 25 Jahre lang. Dann starb er dort, wo es ihm offenbar am besten gefiel: auf einem der Kinositze. Nackt. Früher war immer alles anders, aber in Amsterdam stimmt das tatsächlich. Früher, sagt Grootes, kamen nicht 30, sondern 60 Gäste täglich ins Kino. Zum Beispiel deutsche Matrosen und die holländische Polizei, die sich an Weihnachten langweilte. Und da in Amsterdam sowieso nichts weihnachtlich ist, musste auch der Film kein weihnachtlicher sein. Sie liehen sich bei Grootes Projektor und Spulen aus und sahen sich die Pornos auf der Polizeistation an.
DIE NACHBARSCHAFT: Draußen riecht es nach Fritten und hin und wieder auch nach Marihuana. Wenn ein Mann an den Schaufenstern vorbeigeht, in dem Prostituierte stehen, klopfen die Frauen von innen gegen die Scheibe, um auf sich aufmerksam zu machen. Geht aber eine Frau vorbei, starren sie sie an. Sie würden wohl gerne etwas sagen - wie "Pleur op!" oder "Stomme trut!". Doch vielleicht wissen sie, dass Niederländisch in fremden Ohren nicht sehr furchteinflößend klingt. Von diesen Schaufenstern gibt es um die Oude Kerk, die Alte Kirche, herum einige, doch der Schaufenster-Betrieb direkt neben dem "Venus"-Kino ist der Erneuerung des Rotlichtviertels zum Opfer gefallen. Es haben sich in den Räumen nun Designer eingemietet, die sich "Red Light Design" nennen und im Schaufenster gläserne Penisse ausstellen. Ob sich der Stadtrat das so vorgestellt hat?DER CHEF: Ton Grootes sagt, dass er das Kino betreibe, um sein täglich Brot zu verdienen und dass er daheim vor Langeweile sterben würde, wenn er nicht mehr arbeiten dürfte. Die Wahrheit ist, dass er mit den beiden Apartments über dem Kino weitaus mehr verdient als mit dem Kino selbst. Doch die Kammer hinter dem Tresen ist sein zweites Zuhause geworden. Die alte Heizung wärmt besser als ein offener Kamin, sagt er. Das Rattern der Super-8-Projektoren sei für ihn so beruhigend wie das Schnurren einer Katze. Und auf dem Fernseher, der auf dem Fußboden steht, verfolgt er die Sitcom "King of Queens" mit niederländischen Untertiteln. Bevor Grootes seine Frau kennen lernte, war er Automechaniker. Das Einzige, was er heute noch repariert, sind die Projektoren, die hin und wieder kaputt gehen. Er hat 35 davon, als Ersatzteillager. Er bewahrt sie daheim auf, im gleichen Zimmer wie die 3000 Filmspulen. Man kann sich vorstellen, dass seine Frau drei Kreuze macht, wenn Grootes das Kino endgültig schließt und all die Sachen verkauft. Man kann sich auch ausmalen, was los ist, wenn Grootes schließt und die Sachen nicht verkauft! Grootes hat zwei Töchter. Er erzählte ihnen früher immer, dass er ein Kino habe. Das Wort "Sex" ließ er weg.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.