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02. August 2010

Svende Merian: Es lebe das Schwein

 Von Daniela Pogade
Svende Merians Buch "Der Tod des Märchenprinzen" Foto: Rowohlt

30 Jahre nach dem „Tod des Märchenprinzen“ kommt Svende Merians Kultbuch wieder. Der einst militanten Verfasserin des Romans ist wichtig, dass er heute vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund gelesen wird.

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Zur Person

Svende Merian ist Schriftstellerin aus Hamburg. Ihr Buch „Der Tod des Märchenprinzen“ erschien 1980 und entwickelte sich zum Bestseller in der linken und frauenbewegten Szene.

30 Jahre später ist der Roman erneut verlegt worden, mit dem Kritiker Hellmuth Karasek als Herausgeber. Verlag Hamburger Abendblatt, 9,95 Euro.

Ende der 70er Jahre gerieten viele Frauen in Deutschland in Rage. Alice Schwarzer hatte gerade „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ geschrieben. Die Frauen haderten sowohl mit ihrer Position in der Gesellschaft als auch mit dem vorherrschenden Männertyp. Es war eine Zeit, in der Studenten am freien Wochenende politische Pamphlete entwarfen, in der Frauen sich besorgt fragten, ob es statthaft sei, sich mit einem Rock hübsch zu machen. „Objekt“ zu sein, galt als der Ausbund von Unfreiheit.

Eine Hamburger Studentin schrieb über all dies ein Buch. Svende Merians autobiografischer Roman „Der Tod des Märchenprinzen“ erzählt von ihrer Liebe zu einem „Politmacker“ und von männlicher Dominanz im Allgemeinen sowie in linken Kreisen im Besonderen. Die Beziehung scheiterte, und Merian kommentierte dies in zeittypischer Weise. Sie kaufte eine Sprühdose und beschriftete das Fenster des Ex-Geliebten mit den Worten „Auch hier wohnt ein Frauenfeind“. Dann machte sie sich an den Roman. Das Foto des besprühten Fensters diente praktischerweise als Covermotiv.

Svende Merian, 55, die einstmals wütende, ja, militante Verfasserin des Romans, sitzt auf einer Bank im Schlosspark von Hamburg-Bergedorf. Sie freut sich, als am Flüsschen eine Entenfamilie vorbeizieht. Irgendwann schaut jeder Mensch mit Rührung auf Entenfamilien. Merian – kurze blonde Haare, helle Wimpern, gelassener Gesamteindruck –, bietet sich als Führerin durch ihren Stadtteil an und legt los mit Erklärungen. Erst wirkt sie ernst, dann zeigt sich, sie kann glucksend lachen, auch über sich selbst. Sie trägt nichts besonders Modisches, was im Hamburg von heute einer Verweigerung gleichkommt: Fleecejacke, Turnschuhe, an der Hand ein baumwollener Beutel. Es ist leicht vorstellbar, dass Svende Merian in Uni-Frauengruppen aktiv war und gegen Franz Josef Strauß demonstriert hat. Ihr Roman, der „Märchenprinz“, ist zum Fixstern ihres Lebens geworden, ob sie will oder nicht. „Mir ist nur wichtig, dass die Leute den Roman heute vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund lesen, dass sie für diesen Hintergrund Interesse aufbringen“, sagt sie.

„Der Tod des Märchenprinzen“ entstand zur Zeit der Anti-Atomkraft-Bewegung, der Bürgerinitiativen, der endlosen Diskussionen über Klassenkampf und Geschlechterfragen. Svende Merian, damals 24 Jahre alt, gab der Hauptfigur ihres Buches den eigenen Vornamen. Svende verliebt sich in Arne, den sie per Kontaktanzeige kennen gelernt hat. Arne, Autonomer und Taz-Leser, ist zärtlich im Bett, hat aber zur Frauenfrage „nur Scheiße im Kopf“. Svende bleibt trotzdem mit ihm zusammen, „dem Schwein“, wie sie ihn nennt. Arne ist nicht verliebt und will auch keine Beziehung. In der kurzen Phase ihrer Bekanntschaft zeigt er kaum Interesse an Svendes Verhütungs-Temperaturkurve und wenig Engagement bei Problemdiskussionen. Er erhält mehrere Tadel in Briefform und zuletzt das Manuskript des „Märchenprinzen“. Darin ist auch viel von der gemeinsamen Zeit im Bett die Rede, die zunächst schön war und dann naturgemäß nicht mehr so schön.

Als das Buch erscheint, wird Svende Merian nach und nach ziemlich berühmt. Es seien fast eine Dreiviertelmillion Exemplare verkauft worden, hat die Autorin errechnet. Nach dem ersten Roman schrieb sie weitere Bücher, mit weit geringerer Resonanz. Sie gab Märchen heraus, war ein, zwei Jahre in Florenz, sie las in Schulen aus dem „Märchenprinzen“, hat in den vergangenen Jahren unter anderem ein Literaturcafé für Kinder organisiert und engagiert sich auf kommunaler Ebene für Bildungsfragen. Seit Neuestem führt sie unter ihrem Namen auch ein Blog mit Best of Märchenprinz. Aus Bergedorf komme sie nicht oft heraus, sagt sie, sie fahre nicht gerne S-Bahn, sie habe hier alles, was sie brauche. Den Bäcker mit der bevorzugten Brotsorte, das Antiquariat, das Schloss und den Park, den Buchladen in der Alten Holstenstraße.

„Wollen wir in den Buchladen gehen?“, fragt Svende Merian. Dort erzählt die Buchhändlerin, wie groß der Wirbel um Svendes „Märchenprinzen“ gewesen sei. „Fast jeder, der hereinkam, schien das Buch zu kaufen, das war toll.“ An der Kasse liegt ein Stapel Bücher der TV-Moderatorin Sonya Kraus, Titel: „Baustelle Body“. Die Zeiten haben sich geändert. Die Buchhändlerin ist wunderbarerweise noch dieselbe. Svende Merian ist im Grunde auch noch dieselbe, nur dass sie seit mehr als zehn Jahren SPD-Mitglied ist – politische Basisarbeit statt Revolution.

Der Prinz flüchtet ins Kloster

Bereits seit den frühen 70er Jahren war in der Literatur eine neue Form weiblicher Selbstbehauptung entstanden. Stilbildend war Karin Strucks autobiografischer Bericht „Klassenliebe“ aus dem Jahr 1973. Die Autorinnen der neuen Innerlichkeit schilderten private Geschichten, in denen sich aber zugleich die gesellschaftlichen Verhältnisse spiegelten. Merian verstieß im „Märchenprinzen“ gegen verschiedene feministische Mode-Überzeugungen, vor allem, indem sie offenbar gerne Sex mit Männern hatte.

Folgt man dem etwas boshaften Impuls, Svende Merian zur Klage über die Jugend von heute anzustiften, bleibt die Wirkung aus. „Die Jungen hätten es gerade in der Frage der Geschlechtergerechtigkeit sehr viel leichter.“ Weiß sie denn, was die Jugend heute schreibt, hat sie Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ gelesen? „Nein, das Thema interessiert mich heute nicht mehr so“, sagt Svende Merian.

Möglicherweise sieht „Märchenprinz“ Arne das auch so. Svende Merian hat in der Zwischenzeit nur einmal von ihm gehört, über eine Bekannte. Er soll sich in der Vergangenheit häufiger in ein Kloster zurückgezogen haben.

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