Auf dem Rückweg zischt ein Polizeiwagen mit Blaulicht an uns vorbei. Boyle duckt sich weg. Normalerweise sind es hoch motorisierte Europäer, vorzugsweise deutsche, die den US-Polizisten in die Radarfallen tappen, weil sie sich nur schwer an das Tempo-Limit von 55 oder 65 Meilen pro Stunde gewöhnen können. Aber Boyle ist auch kein Unschuldslamm.
5. Gang
Sind Sie je von der Highway Patrol wegen zu hoher Geschwindigkeit erwischt worden?
Yep. Vor ein paar Jahren bin ich auf dem Highway 1 nach Los Angeles zu schnell gefahren. Es war ein wunderschöner, sonniger Tag, kaum Autos um mich herum, die die Straße verstopften. Die Landschaft flog an mir vorbei, ich sang zur Musik, habe nicht aufgepasst. 55 waren erlaubt, und ich fuhr 81.
Ein Raser also?
Radarfallen sind furchtbar. Wenn du da rein tappst, kannst du nicht darüber diskutieren. Ich habs leider trotzdem gemacht. "Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, wer eigentlich dafür bezahlt, dass Ihr in diesen gottverdammten Wehrmacht-Stiefeln herumlaufen könnt? Wer euch eure Waffen und das Benzin bezahlt? Ich helfe euch gerne auf die Sprünge: Ich bin das."
Das hat die Verständigung vermutlich nicht erleichtert.
Nein, zumal sie für die Highway Patroller nur die größten, kräftigsten Typen aussuchen. Sie stecken immer in diesen riesigen Stiefeln und diesen lächerlichen Uniformen. Irgendwie mögen wir uns nicht.
Die Highway Patrol hat uns nicht gestoppt, wir erreichen sein schattiges Haus ohne weiteren Stau. Der Autor wirkt etwas erschöpft. Per Fernbedienung öffnet Boyle die Einfahrt zu seinem Anwesen, fährt vor dem Meisterbau im japanischen Teehaus-Stil vor, das an vielen Seiten von Eukalyptusbäumen umrankt ist. Montecito ist wie auch Santa Barbara und Malibu das Refugium für die Schönen und Reichen aus Hollywood, die genug haben vom Smog und von den Staus in der Mega-City. Die millionenschwere Talk Masterin Oprah Winfrey lebt hier, Brad Pitt und Gattin sollen sich ebenfalls einen schönen Flecken ausgesucht haben. Doch das sind nicht die Leute, mit denen sich Boyle zum Cocktail trifft. "Ich kenne kaum berühmte Leute hier, die meist schon etwas älteren Typen, die mit mir in den Bars abhängen, sind waschechte Kalifornier, die immer noch Surfen gehen." Boyle stellt den roten Wagen zurück in seinen Fuhrpark.
Ende einer Dienstfahrt. Jetzt stehen wieder alle seine fünf Sammlerstücke in einer Reihe - vier BMWs, alle rot und ein Vierrad-angetrieber Chevy. Das ist eine Obsession. Und wie ein Mann, der seine Leidenschaft ausgetobt hat und davon müde geworden ist, wendet er sich nun seiner heimlichen stillen Liebe zu. Noch ganz zersaust vom Fahrtwind, schlägt er sich zu Fuß eine Schneise durch seinen riesigen, wild verwucherten Garten. Über den Zaun hinweg grüßt er kurz den Nachbarn, der gerade seinen Swimming-Pool säubert. Nein, so was käme ihm nicht aufs Grundstück. Boyle hat etwas besseres zu bieten. Wir bahnen uns den Weg durch Dickicht, eine Machete wäre in diesem Gestrüpp ganz hilfreich. Plötzlich bleibt Boyle stehen, zeigt auf seinen Teich, wie Old Shatterhand, als er das erstmal den Silbersee entdeckt. Ein Kleinstbiotop mit fünf Meter Durchmesser. "Ich habe zwei Jahre lang dran gebuddelt, das Wasser aufgefüllt, die Pflanzen ausgesucht und auch die Fische selbst eingesetzt", sagt er stolz.
Er sitzt auf einem Stein im Schatten, der Highway scheint Meilen weit weg zu sein. Der Jäger des Spotts, der sonst alles und jeden, auch selbstvergessene Do-it-yourself-Biotopen, mit seinem herben Zynismus überzieht, nimmt eine Auszeit. Mit kindlicher Freude fingert er nach dem Fischfutter und füttert seine Moskito-Fische und Katzenwelse, die sich gierig an der Wasseroberfläche tummeln. "Ist es nicht erstaunlich, sie erkennen mich", sagt er - aber weil das zu rührselig klingt, schiebt er noch einen Satz nach: "Sie kommen und danken mir, Ihrem Schöpfer, der dieses Öko-System geschaffen hat."
Rückwärtsgang
Sie sagen, es gibt keinen Ausweg zu dem großen Umwelt-Gau auf den wir zusteuern. Haben Sie keine bessere Nachricht?
Tut mir leid, aber ich habe auch keine Lösung. Ich kann die Leute nicht dazu bringen, irgendwas zu machen. Ich bin nur ein Künstler, der beschreibt, wie unser Universum den Bach runter geht. Das Schreiben ist sozusagen eine Form von Voodoo für mich. Ich bin ein Umweltschützer, weil ich die Natur liebe. Ich gehe öfter und länger in Wäldern spazieren als sonst jemand auf diesem Planeten. Wenn ich durch den Wald gehe, spüre ich meine eigene Seele. Im Wald werde ich wie ein Kind. Das ist ja die große Utopie, dass jeder sein eigenes Refugium hat. Sowas können sich nur wenige leisten - die anderen treffen Sie jeden Tag auf dem Highway.
Nach uns die Sintflut?
Sehen Sie: Bush hat als erstes alle Umweltschutz-Vereinbarungen der letzten 30 Jahre abgeschafft. Warum? Weil er böse ist, weil er keine Ahnung hat, was die Welt braucht und will. Kapitalismus und Gier bestimmen sein Handeln. Und jetzt zahlt er jene Leute aus, die viel Geld ausgegeben haben, um ihn wählen zu lassen. Ich hoffe, die Amerikaner jagen ihn aus dem Amt. Denn er hat gelogen, was den Bericht über die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak betraf. Es war nur ein Vorwand, um in den Krieg zu ziehen. Aber ein bisschen Hoffnung gibt es doch. Die Grünen in Deutschland haben den Krieg in Irak nicht unterstützt. Dafür danke ich ihnen, ganz egal, aus welchen Gründen sie es gemacht haben.
Was ist heute noch grün an T.C. Boyle?
Ich bin ein fanatischer Recycler. Ich räume ständig irgendwelchen Dreck aus der Nachbarschaft weg. Ich werfe nichts weg, ich kompostiere. Ich bin mir bewusst, dass ich in einer konsumistischen Welt lebe, dass meine Frau ständig Sachen kauft, die wir nicht brauchen.
Gibt es deshalb Zoff im Hause Boyle?
Nein, ich schreibe dann Geschichten wie "Filthy With Things".
In der eine hoch bezahlte professionelle Aufräumerin ein saturiertes Mittelstandspaar von seiner Konsumsucht befreit und all den Luxus-Krempel abholt.
Genau. Sehr wirksam, diese Therapie. Wenn ich mich irgendwann doch noch entschließen sollte, ein Heiliger zu werden, würde ich alles verkaufen, mein Haus niederreißen und den Grizzlybär wieder einführen. Das ist meine große Utopie.
Dann würden wir hier aber nicht mehr so ruhig sitzen und die Fische füttern.
Aber das Leben wäre wieder ein bisschen aufregender.
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