(Gespräch: Martin Scholz, erschienen in der Frankfurter Rundschau am 6. September 2003)
Die Sonne ist nicht sein Freund, so viel steht fest. In seinen Romanen brennt sie durch die Bäume "wie eine Feuersbrunst" (Grün ist die Hoffnung). Sie strahlt erbarmungslos, "als wäre sie frisch erschaffen und probiere nun ihre Muskeln aus, sie hämmert das erste Glied einer Kette von Megatonnen aus Nuklearenergie los, braust auf mit dem ganzen Selbstvertrauen der Jugend und der erhebenden Aussicht auf das eigene, nie verlöschende Feuer" (Wassermusik). Oder sie brennt, wie in seinem neuen Buch Drop City "Statements in den Staub und zeigt den Nebengebäuden und den Bäumen zehn oder halb elf an".
An diesem Morgen zeigt sie erst halb zehn an, und dem Autor ist noch nicht nach neuen Metaphern zumute. T.C. Boyle steht vor seinen fünf Autos auf seinem Anwesen im kalifornischen Montecito und ist ernsthaft besorgt, dass ihm die Sonne während der Cabrio-Fahrt die Haut verbrennen könnte. Der Schriftsteller hat sich zentimeterdick mit Sun Blocker eingeschmiert - eine Kriegsbemalung, die ihn noch blasser wirken lässt.
Aber seine Sonnen-Paranoia hat einen Grund: Der große, dünne Mann mit den hochtoupierten Haaren zupft sein T-Shirt aus der Jeans und zeigt auf eine Narbe an seiner Hüfte. "Sehen Sie? Da haben sie mir ein Stück Haut herausgeschnitten und hier oben" - er deutet auf sein linkes Ohr - "wieder eingesetzt: Hautkrebs." Er lacht, als habe er einen Witz erzählt. Ein typischer Anflug der ihm eigenen bösen Heiterkeit, die vor nichts zurückschreckt - auch nicht vor ihm selbst. Es ist dieser rabenschwarze Humor, der seine von Pessimismus durchtränkten Geschichten erst erträglich macht.
Wären wir Personen seines letzten Romans, müssten wir jetzt zu seinen Autos schwimmen. Denn in dem Öko-Thriller Ein Freund der Erde hatte er den Platz, auf dem wir gerade stehen, unter Wasser gesetzt. Im Kalifornien nach der Klima-Katastrophe sind die Highways überflutet, die Autos vom sauren Regen verätzt. Boyle zieht über Umweltsünder her, aber auch über jene verbiesterten Öko-Apostel, die so verrückt geworden sind wie die kaputte Welt um sie herum. In seinem Roman Drop City beschreibt er, wie der naturverbundene Lebensstil der Hippies in den 70ern den Bach runter geht. Als immer mehr nach freier Liebe gierende Freaks das Gelände einer Kommune mit ihren Fäkalien verseuchen, bekommen sie Ärger mit der Polizei und müssen nach Alaska flüchten. Boyle weiß, wovon er redet.
Er war selbst ein Freak, der den Sex n-Drugs and RocknRoll-Lifestyle bis zum Exzess durchlebt hat. Heute sagt er: "Meine Generation hat im Prinzip nichts erreicht - unser Vermächtnis sind Waffen, Gangs und Familien, in denen niemand mehr die Verantwortung übernimmt." Für ihn zumindest stimmt das so nicht. Seit sich der Uni-Dozent und Gelegenheitsmusiker Anfang der 80er mit seinem prallen Abenteuerschmöker Wassermusik in die Liga der Top Belletristen schrieb, konnte er sich ein von dem Star-Architekten Frank-Lloyd Wright entworfenes Haus leisten - und eben seine fünf Autos. Hier ist der harsche Kritiker der amerikanischen Zügellosigkeit nicht anders als seine Landsleute, für die es naturgegeben ist, viele Autos zu besitzen.
Amerika ohne Autos wäre wie Afghanistan ohne den Dreck", grinst Boyle, pflanzt sein Baseball-Käppi auf seine Vogelnest-Frisur und besteigt den Wagen wie ein Pirat, der gerade ein Schiff entert. Die rechte Hand greift sofort zur Schaltung. Schalten! Ja Schalten ist ihm ganz wichtig. Da ist er dann doch ganz anders als die verweichlichten Landsleute, die alles der Automatik überlassen. Boyle will schalten, Schalten gibt ihm ein besseres Gefühl für den Wagen. Er fährt aus der Einfahrt hinaus, hinunter zum Shoreline Drive, der an dem kilometerlangen Strand von Santa Barbara entlang führt.
1. Gang
Wie würden Sie reagieren, wenn ein Öko-Fundi Sie von Ihrem konsumistischen Ballast befreite und all Ihre fünf Wagen beschlagnahmte?
Ich würde zuerst meinen Dozenten-Job an der Uni in Los Angeles schmeißen. Denn das ist der einzige Ort, zu dem ich wirklich nur im Auto gelangen kann. Und dann würde ich hier in Montecito nur noch zu Fuß gehen.
Sie sehen nicht wie ein Fußgänger aus.
Natürlich würde ich meine Wagen vermissen. Wie alle Amerikaner bin ich mit Autos auf die Welt gekommen. Ich fahre seit ich 16 bin. Das scheint mir die natürlichste Sache der Welt. Die Autos erscheinen wie eine Verlängerung unserer selbst und es würde mich schon quälen, nicht ab und zu auf dem Freeway die Reifen zum Glühen zu bringen.
Brauchen Sie für dieses Vergnügen gleich fünf Autos?
Nein, aber in meiner Familie sind wir zu fünft. Ein Auto für mich, eins für meine Frau und je eins für meine drei Kinder - die sind 22, 20 und 17 Jahre alt. Wenn die drei aus dem Haus gehen, werden sie ihre Wagen mitnehmen. Und wenn dann irgendwann meine Frau stirbt, werde ich auch ihren Wagen sofort weggeben - versprochen. Dann habe ich nur noch einen. Mein Fuhrpark zeigt: Ich bin kein schneller Konsument, sondern ein sehr treuer.
Aha.
Mein erster toller Wagen, der nicht wie all die anderen ständig drohte, unter meinem Hintern zu explodieren, war der BMW 320 S , Baujahr 1982. Ich habe ihn immer in die Werkstatt gebracht und so gut erhalten, dass ich ihn jetzt an meinen jüngsten Sohn Spencer weitergeben konnte. Zuvor hatten ihn meine beiden anderen Kinder gefahren.
Das klingt nach abgelegten Klamotten für den jüngeren Bruder. Ihr Sohn wird sich bedankt haben.
Zugegeben, der Wagen sah zum Schluss ziemlich mitgenommen aus. Also habe ich ihn eigens für meinen Sohn neu streichen lassen. Ein Freund von mir holte den Wagen aus der Werkstatt und übergab ihn meinem Sohn mit den Worten: "Junge, dein Vater liebt diesen Wagen sehr. Du musst ihn immer in Top-Zustand halten, um deinen Vater zu ehren."
Klingt sakral.
Diese religiöse Dimension hat mein Sohn aber nicht annehmen wollen. Er starrte uns nur fassungslos und fragte: "Hä, wovon redet ihr?"
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