Herr Sonneborn, die Deutsche Einheit wird volljährig. Wie geht es ihr?
Nachdem ich nun wochenlang durch Ostdeutschland gepilgert bin, muss ich sagen: Sie ist gescheitert. Für unseren Film haben wir im Zonenrandgebiet um Berlin nach Kohls "blühenden Landschaften" gesucht. Als wir jetzt in München das Ergebnis vorführten, fragte uns das Publikum, ob es nicht wahnsinnig aufwändig gewesen sei, so viele kaputte Häuser und dahinsiechende Ecken zu finden. Dabei sieht es dort überall so aus, das ist der Unterschied zu den Münchner Vororten.
Martin Sonneborn, 43, ist Mit-Herausgeber der Satire-Zeitschrift Titanic und leitet SPAM, die Humor-Ecke bei Spiegel Online.
Der Film: Sonneborns Dokumentation "Heimatkunde" kommt am 2. Oktober ins Kino (Website)
Und das Volk, das Sie trafen, will die DDR zurück?
Meine Bilanz als Zonenforscher kann ich in einem Satz zusammenfassen: "Die DDR hat es nie gegeben, aber sie war besser." So sehen es jedenfalls viele Bürger im Osten: Die jungen Leute, die wir trafen, wussten gar nicht mehr, was die DDR war. Im Film erinnert sich eine 16-Jährige: "Ja, DDR, das hatten wir in der Schule, äh, das war sowas wie Krieg." Gleichzeitig finden sie, "als Ossis sind wir besser, und Wessis können sich verpissen".
Wie erklären Sie sich das?
Viele Ältere sind nach ihrer Entwurzelung und all den Unbill im Westen heute der Meinung, sie lebten früher im besseren System. Eine 60-jährige Reisebüro-Chefin sagte mir, nicht mal mehr der Westkaffee schmecke noch so gut wie früher. Man bekommt offenbar einen anderen Blick, wenn man all das Ersehnte haben kann, es aber mit dem Verlust ganz anderer Dinge bezahlt.
Welche Dinge?
Beruf, Geld, Zukunftssicherheit, Selbstwertgefühl, einen Platz in der Gesellschaft... Stellvertretend kann ich einen Straßenbahnfahrer zitieren. Er hat sich am Abend des Mauerfalls ganz normal schlafen gelegt, weil er am nächsten Tag Frühschicht hatte, und ist bis heute enttäuscht, dass am Morgen des 10. November 89 nur 40 Prozent seiner Kollegen ordnungsgemäß zum Dienst angetreten sind. Bis heute kann er mit dem neuen Staat nichts anfangen. "Ich bin DDR, und ich bleibe DDR", sagt er.
Umfragen zufolge wollen auch im Westen bis zu 20 Prozent der Befragten die Mauer zurück...
Ja, viele Ältere aus West-Berlin wundert es immer noch, dass ich als Wessi mein Büro im ehemaligen Ostteil habe. Die lehnen es ab, überhaupt in den Osten zu fahren, außer mal zum Einkaufen in die Friedrichstraße. Das ist ein dialektisches Phänomen: Im Wunsch nach Teilung finden Ost und West zusammen. Deshalb haben wir 2004 "Die Partei" gegründet, den politischen Arm des Faktenmagazins Titanic. Wir fordern den Wiederaufbau der Mauer und dürften damit drittstärkste Kraft im Parteiensystem werden.
Wieso wollen auch die Wessis die Mauer zurück? Die wurden doch gar nicht entwurzelt.
Gerade in den ruinierten westdeutschen Randgebieten regt sich massiver Widerstand gegen die Soli-Zahlungen für den Osten. Früher hat uns der CDU-Bürgermeister in Gelsenkirchen vorgeworfen, mit dem Thema betrieben nur "politische Rattenfänger" Wahlkampf. Dem Politikverständnis von "Die Partei" widerstrebt es natürlich, mündige Bürger "Ratten" zu nennen. Aber heute fordern auch die etablierten Parteien den Soli für die kaputten Weststädte.
Ihr Satireblatt Titanic verhöhnte die Ossis einst mit Titeln über Zonen-Gabi, die eine Gurke für eine Banane hielt. Im Vergleich dazu arbeitet Ihr Film mit sehr stillem Humor...
"Heimatkunde" ist ja gar nicht als Satire gedacht. Mich hat überrascht, dass das Publikum bei den Vorpremieren so viel lachte! Wir wollten die Leute im Film nie vorführen, ich habe einfach nur das Gespräch gesucht. Natürlich war ich froh, wie skurril die Lebenssituationen und Weltbilder wirken, die sie ausbreiten: die Rentner, die vier Jahre lang das teure Poolwasser nicht austauschen, sondern mit alter DDR-Chemie reinhalten, der FKK-Anhänger auf einer bröckelnden Havelbrücke - oder die Imbissbetreiberin, neben deren Pommesbude während des Interviews sechs Jauchelaster eine zwei Meter entfernte Güllegrube entleerten, weil es noch keine Kanalisation gibt. Auf die Frage nach dem Aufschwung Ost sagte die Dame, sie freue sich auf den Yachthafen, der hier am Kanal gebaut werden soll. Dann bekomme sie sicher ein anderes Klientel an ihre Pommesbude. Das ist ja nicht nur komisch, sondern auch anrührend.
Werden Sie nun Skrupel bei Ihrer künftigen Ossi-Hetze in der Titanic haben?
Nein! Es ist doch auch nur die erste Lesart, dass wir ständig gegen den Osten schießen. Die subtile Botschaft hinter der Satire ist ja: Es ist falsch zu sagen, wir sind schon vereint, wenn man ein paar Gesetze ändert und einen Haufen abgehalfterter Westpolitiker rüberschickt.
Jetzt klingen Sie ja selbst schon wie ein Ossi.
Unter uns: Einige meiner besten Freunde sind Ossis. Bei dem von mir geschätzten Drecksblatt Berliner Kurier, das unseren Film auf der Titelseite als "üble Ossi-Hetze im Kino" anprangerte, hatte den Streifen ja noch gar keiner gesehen, sonst hätten die nie so eine Schlagzeile erfunden. Ich finde auch alarmierend, dass die zuständige West-Redakteurin mit ihrer Überschrift "Wie kann ein Mensch die Ossis nur so hassen?" den Graben zwischen Menschen und Ossis wieder aufreißt.
Wieso sind die Ostler so empfindlich bei Witzen auf ihre Kosten?
Sind sie gar nicht. Das klappt zwar bei der Unterschicht, die den Kurier liest, wie man an den Leserbriefen sah, die uns "Prügel zur Premiere" androhten. Aber, und das muss unter den Rundschau- und Titanic-Lesern bleiben, im Grunde läuft die von uns geforderte Teilung Deutschlands gar nicht auf Ost gegen West hinaus. Die Grenze verläuft zwischen Leuten, die unser Humorverständnis teilen und denen, die das nicht tun. Insofern muss nach dem Neuaufbau der Mauer über Zwangsumsiedlungen nachgedacht werden: Die meisten Ostler außerhalb der drei, vier erhaltenswerten Städte sind längst auf dem Sprung gen Westen, der Rest stirbt aus. Im Osten ist genug Raum für das Volk, das unsere Witze nicht versteht.
Interview: Steven Geyer
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