"Ich musste mir manchmal die Tränen aus den Augen wischen. Ich konnte einfach nicht mehr weiterlesen. Das ist ein erschütterndes Dokument", sagt die Historikerin Yfke Nijland. Sie war es, die zusammen mit ihrer Kollegin Suzanne Hendriks das Tagebuch der Klaartje de Zwarte-Walvisch während der Recherchen zu einer TV-Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg entdeckte. Das Tagebuch erscheint in dieser Woche in den Niederlanden im Buchhandel. Titel: "Alles flog in Fetzen".
Die Autorin, die 32-jährige Jüdin Klaartje de Zwarte-Walvisch, schrieb es während ihrer Gefangenschaft in verschiedenen Konzentrationslagern der Nazis, in Vught in den Niederlanden beispielsweise und in Sobibor, wo sie 1943 vergast wurde. Nun, 67 Jahre später, wurde ihr Tagebuch entdeckt.
"Das Tagebuch beginnt da, wo das von Anne Frank aufhört. Voller Wut beschreibt Klaartje die schmutzige und kriminelle Art und Weise, wie die Juden von den Nazis an der Hollandse Schouwburg behandelt worden sind. Wie die Kinder heulten, als man sie mit Gewalt von ihren Eltern trennte, oder wie im KZ der Todesmarsch von Chopin gespielt wurde. Das geht unter die Haut", sagt Yfke Nijland. Die Hollandse Schouwburg war die zentrale Sammelstelle in Amsterdam von wo aus niederländische Juden während der Besatzung der Niederlande durch Nazi-Deutschland 1940 bis 1945 in die KZs deportiert wurden.
Beim Aufräumen auf dem Speicher in Kanada gefunden
Dass das Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvisch entdeckt wurde und nun sogar publiziert werden kann, ist purer Zufall. Ihre heute 74-jährige Nichte Miep, die in Kanada lebt, hat die handschriftlichen Aufzeichnungen im Nachlass von Klaartjes Vater Simon de Zwarte beim Aufräumen auf ihrem Speicher in Kanada gefunden. Es war eine große Mappe mit der Aufschrift "Klaar". Klaar bedeutet im Niederländischen "fertig". In diesem Fall aber war Klaartje gemeint, was die Nichte nicht sofort begriff. Da sie die handschriftlichen Aufzeichnungen auch nicht gut lesen konnte, schickte Miep Koenig-de Zwarte den ganzen Schriftstapel einfach per Einschreiben an das Jüdisch Historische Museum in Amsterdam. Dort lagen die Tagebuchaufzeichnungen jahrelang, bis sie von Ifke Nijland und ihrer Kollegin Suzanne Hendriks bei deren Recherchen entdeckt wurden.
Die beiden Historikerinnen machten sich die Mühe, alles zu entziffern und zu lesen. Sie gingen auf die Suche nach der Identität der Autorin, die sie zunächst nicht kannten. "Wir wussten am Anfang nicht, wer das geschrieben hatte. Wir haben das Tagebuch mindestens zehnmal gelesen bis endlich der Moment der Erkenntnis kam. Es war die Stelle, an der die Autorin das Geburtsdatum ihrer Schwester nannte, die - wie der Mann von Klaartje - ebenfalls Opfer des Holocaust wurde. Aufgrund einer Deportationsliste konnten wir dann feststellen, wer die Schwester war. Da wussten wir: Die Autorin dieses erschütternden Tagebuchs ist Klaartje de Zwarte-Walvisch."
Die beiden Historikerinnen nahmen Kontakt mit der in Kanada lebenden Miep Koening-de Zwarte auf, die das Manuskript nach Amsterdam geschickt hatte, und das Rätsel war gelöst. Die Nichte Miep kann sich noch vage an ihre Tante erinnern. "Ich war etwa acht Jahre, als ich meine Tante Klaartje zum letzten Mal sah. Sie war eine sehr hübsche und sehr energische junge Frau", erinnert sich Miep.
Leider kann Miep aus gesundheitlichen Gründen nicht aus dem fernen Kanada zur Buchpräsentation nach Amsterdam fliegen. Sie ist sich aber sicher, dass mit der Publikation der größte Wunsch ihrer Tante nun in Erfüllung geht. Sie, Tante Klaartje, schrieb über die Deportationen der Juden in Amsterdam und das Leiden in den KZs: "So wie man Papier willkürlich zerreißt, so willkürlich zerreißt man hier Familien, so werden Herzen und Seelen von Menschen zerrissen und auseinander gerückt. Alles fliegt in Fetzen."
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