Yulia hat endlich einen Termin bei Gusti bekommen, dem Star unter Indonesiens Tattookünstlern. Die 25 Jahre alte Frau will ihr altes Tattoo überarbeiten lassen. "Ich möchte stärkere Farben", sagt sie. Für Gusti ist das kein Problem.
Gusti tätowiert seit 1997 hauptberuflich, seit dem Jahr, in dem in Indonesien Diktator Suharto stürzte. "Das brachte viele Freiheiten und auch einen Tattoo-Boom. Der hohe Frauenanteil unter seinen Kunden ist ein jüngeres Phänomen, mehr Indonesierinnen werden selbstbewusst, und das Selbstbewusstsein wollen sie mit Tattoos demonstrieren. Außerdem sind Tattoos recht teuer und damit Statussymbol." 1500 Frauen waren schon bei Gusti.
In Jakarta gibt es viele Tattookünstler, die auch gut beschäftigt sind. Also dürften in der Zwölf-Millionen-Metropole geschätzt Zehntausende von Frauen Tattoos haben. Und das, obwohl knapp 90 Prozent der Bevölkerung Moslems und Tätowierungen "haram" sind, sprich tabu. "Religion spielt keine große Rolle in meinem Leben. Aber was ich mit meinem Körper anstelle, ist meine Sache", sagt Yulia knapp. Sie geht in die coolsten Klubs der Stadt und ist genervt von den vielen konservativen Männer mit all ihren Vorschriften.
Amidan, er trägt wie viele Indonesier nur einen Namen, ist konservativ und Vorsitzender des Rates der islamischen Gelehrten. Er findet Kopftücher gut, Miniröcke dagegen kriminell. Amidan sagt, dass Polygamie mit bis zu vier Ehefrauen gutes Recht eines jeden Mannes sei und dass Frauen keinen Nagellack tragen dürften. "Sie dürfen sich laut Hadith, überlieferten Anweisungen des Propheten Mohammed, auch nicht tätowieren lassen", ergänzt der Islamgelehrte. "Beim Tätowieren werden Hautporen mit Tinte verschlossen, sie lassen sich nicht mehr reinigen. Es darf nur beten, wer sauber ist. Wer Tattoos hat, darf auch nicht zur Pilgerfahrt nach Mekka", erklärt Amidan.
Yulia ließ sich erstmals als Teenager tätowieren. "Ich wusste, dass meine Eltern aus Religionsgründen ausflippen, und ich tat es trotzdem. Es war Rebellion gegen die Heuchelei in meiner Familie." Nur die Mutter, eine gute Seele, lebte als gläubige Muslima. Vater und Onkel taten öffentlich so, sie pilgerten nach Mekka, beteten daheim in der Moschee, trugen Gebetskappen, ließen ihre Kinder - Söhne wie Töchter - beschneiden. "Nachts gingen die beiden dann saufen und zocken. Und sie gingen fremd. Warum sollte ich von so einem Vater Religionslektionen annehmen und mir sagen lassen, was sich gehört und was nicht?", fragt Yulia. Ihre Schwester Nanie hat fünf Tattoos. Die Mutter fragte einmal: "Wer wird dich jetzt noch heiraten?" Nanie antwortete: "Ich kriege einen Ehemann mit Tattoo."
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