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06. November 2012

Taxis in London: Black Cab - der bedrohte Kurvenstar

 Von Barbara Klimke
Mehr London geht nicht: Black Cabs, Untergrundbahn und Doppeldeckerbusse prägen das Straßenbild. Foto: imago

Sie gehören zu London wie Nieselregen und Big Ben: Die schwarzen Taxis. Doch nun ist ihr Hersteller pleite und die Londoner müssen sich an ein Leben ohne die kastenförmigen Kultkarossen gewöhnen. Ein Jammer, sagen die Nostalgiker - einige Taxifahrer wären darüber weniger traurig.

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Ein nagelnder Dieselmotor, ein gelbes Schild und die vertraute, dunkle Silhouette, die im Nieselwetter um die Ecke biegt. Nichts ist typischer für London – sieht man einmal von Big Ben, roten Doppeldeckerbussen und Regenschirmen ab– wie die Black Cabs. 22 000 schwarze Taxis kurven durch die Metropole von Tower Bridge bis Hyde Park Corner, sie kutschieren Kunden zu Terminen, Touristen in Hotels und sammeln nachts im West End die Theaterbesucher wieder ein. Aus dem Stadtbild sind die kastenartigen Kultkarossen bisher nicht wegzudenken. Aber an den Gedanken muss sich London künftig wohl gewöhnen.

Rückblick

1634 Kapitän John Baily stellt am Londoner Strand vier Pferdekutschen auf: Londons erster Taxistand.

1662 Die ersten Lizenzen für die so genannten Hackney Coaches, Passagierkutschen, werden ausgegeben. Seit 1694 sind Londoner Taxis lizenziert.

1823 Aus Frankreich wird ein Zweisitzer, ein sogenanntes Cabriolet, eingeführt, der äußerst populär wird. Daher der Londoner Name für Taxi: Cab.

1843 Für Londoner Taxifahrer wird es Vorschrift, jederzeit eine Metallplakette mit ihrer Lizenznummer zu tragen.

1903 Walter C. Bersey entwickelt die ersten motorisierten Taxis mit Elektromotor. Wegen ihres Geräuschs werden sie „Kolibri“ genannt.

1948 Der Austin FX3 wird als Taxi eingeführt, gebaut von Carbodies. Seine Form wirkt bis heute stilbildend.

1973 Manganese Bronze übernimmt die Firma Carbodies in Coventry, Mittelengland.

Der Hersteller der Londoner Taxis steht nach 64 Jahren vor dem Aus. Die Muttergesellschaft, Manganese Bronze, hat in der vergangenen Woche den Insolvenzverwalter bestellt. In Coventry, einst Zentrum der britischen Automobilindustrie, wurden 99 von 176 Angestellten entlassen; die Hälfte des Personals in den Verkaufsvertretungen auf der Insel hat ebenfalls die Papiere erhalten. Die Produktion wurde zwischenzeitlich bereits eingestellt.

„Es ist ein Jammer“, sagt Brian Rice, der Vorsitzende des Taxiunternehmens Dial-a-Cab. „Es wäre traurig, würde eine weitere britische Traditionsmarke untergehen.“ Von den 2 500 selbstständigen Taxifahrern seiner Firma fahren fast alle die traditionellen, oft hochbetagten Black Cabs. Nur zehn Prozent sind bisher auf die neuen Mercedes-Taxis vom Typ Vito umgestiegen, die ebenfalls eine Lizenz der Londoner Verkehrsbetriebe haben.

Denn beileibe nicht jedes Gefährt erfüllt die Anforderungen an Londoner Taxis, die im Grunde kleine Wunderwerke der Ingenieurskunst sind: erstaunlich geräumig, rollstuhlgerecht und mit einem Wendekreis, der jeden Smart-Fahrer vor Neid erblassen lässt. Acht Meter nur braucht ein Black Cab – der Wendekreis des Smarts beträgt 9,1 Meter: Taxifahrer erklären gern voller Stolz, dass sie zur Not auch auf einem Six-Pence-Stück wenden könnten. Der Legende nach war es das berühmte Savoy-Hotel am Londoner Strand, das einst die Vorgabe machte: Die Auffahrt vor der Luxusherberge war so eng, dass kaum eine Kutsche vor dem Portal die Kurve kriegte.

Technische Probleme sorgen für Schlagzeilen

Zuletzt aber waren es technische Probleme, mit denen Manganese Bronze in die Schlagzeilen kam. 400 Neuwagen mussten vor kurzem wegen eines Defekts an der Servolenkung zurückgerufen werden. Die finanzielle Situation wurde, wie das Unternehmen einräumte, Anfang des Jahres durch erhebliche Buchhaltungsfehler erschwert. Die Firma hat seit vier Jahren keinen Gewinn mehr geschrieben, und statt 3 250 Taxis, wie noch 2007, wurden in diesem Jahr bisher nur 1 500 Fahrzeuge für den Nischenmarkt geliefert. Zuletzt sind Verhandlungen mit dem chinesischen Anteilseigner Geely, der 20 Prozent am Unternehmen hält, über eine Finanzspritze gescheitert. Einige Autoteile werden heutzutage bereits in Shanghai hergestellt. Der Insolvenzverwalter, PwC, hat nun angekündigt, dass die verbliebenen Angestellten in Coventry zunächst einmal die Probleme mit der Servolenkung lösen sollen.

Das klassische London-Taxi ist heute der Austin FX4.   Sein Nachfolger TX1  fährt seit 1998 durch London.
Das klassische London-Taxi ist heute der Austin FX4. Sein Nachfolger TX1 fährt seit 1998 durch London.
Foto: dpa

Dass die Kultkarosse, der sogar ein Auftritt bei der Abschlussfeier der Olympischen Sommerspiele vergönnt war, ganz aus dem Straßenbild verschwindet, ist nicht sicher. Einige Interessenten haben sich bereits gemeldet. Zudem spekulieren manche Fachleute, dass der chinesische Anteilseigner möglicherweise abwartet, bis er das Unternehmen ganz aufkaufen kann.

Nicht alle Londoner Taxifahrer würden übrigens Tränen vergießen: Der Spritverbrauch sei zu hoch, die Qualität gesunken, hören Fahrgäste oft auf Nachfrage. Und außerdem gibt es seit fast 400 Jahren Taxis aller Art, pferde- oder motorgetrieben, auf Londons Straßen. Nächstes Jahr will Nissan ein neues Modell herausbringen.

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