Habe gestern Abend den richtigen Zeitpunkt verpasst. Womöglich war es nur ganz knapp, aber sehr wahrscheinlich ist das nicht. Es fühlt sich eher wie voll daneben an. Jetzt geht es mir schlecht. Liegen geht. Sitzen geht einigermaßen. Stehen geht gar nicht. Sobald ich aufstehe, verabschiedet sich mein Kreislauf auf der Stelle, sagt leise „tschüss“, und „mach es gut“, und „sieh zu, wie du alleine klar kommst, aber ich bin dann mal weg“. Mir wird schwarz vor Augen und schwindelig, wie Achterbahn fahren ohne Achterbahn. Sollte ich mich jemals gefragt haben, wozu man diesen dämlichen Kreislauf überhaupt braucht, muss ich zugeben, dass es ungemein praktisch ist, ihn zu haben.
Linkskurve. Rechtskurve. Steilkurve. Looping. Man glaubt doch nicht, wie viel an so einem Körper dran ist, von dem man meint, dieses oder jenes Teil sei im höchsten Maße überschätzt, wenn nicht absolut überflüssig. Und dann hobelt man sich versehentlich einen Teil vom kleinen Finger ab, wickelt den Finger in einen dicken Verband und ist dermaßen gehandicapt, dass man im Bus wehleidig den Platz direkt hinter dem Fahrer für sich beansprucht und vor dem Baumarkt in der ersten Reihe parkt. Auch ist es ein Irrglaube, der Verlust eines Teils des kleinen Finger der linken Hand sei eher zu verkraften, wenn man selbst Rechtshänder ist. Vollbremsung. Beschleunigung.
Mein Gleichgewichtsinn lässt mich im Stich. Vermutlich hat er sich zusammen mit dem Kreislauf aus dem Staub gemacht. Würde nicht die kleine Hannah neben mir stehen und mich interessiert von Kopf bis Fuß begutachten, würde ich so etwas sagen, wie: „Komm‘ auf der Stelle zurück, du verkackter Kreislauf. Ist doch hinterfotzig, sich so mir nichts, dir nichts zu verpissen“. Aber weil das Kind schon „Scheiße“ sagen kann, was mir nicht gerade hoch angerechnet wird, sage ich nur gequält „Ahhhh“ und „Ohhhh“. Hannah legt den Kopf schief und scheint zu spüren, wie sehr ich leide. „Papa scheiße?“, fragt sie mitleidig, und ich streiche ihr durch das bisschen Haar auf ihrem Kopf. Kluges Kind.
Hannah mag das. In meinem Kopf hingegen fühlt es sich an wie in einem Braunkohlestollen, überall wird gebohrt und gehämmert, wobei ich das, was die kleinen eifrigen Männchen dort oben suchen, doch gestern Abend erfolgreich vernichtet habe. Vermutlich bohren und hämmern sie deshalb nur um so wütender, während ich versuche mir vorzustellen, was Hannah für ein Gesicht machen wird, wenn der erste Presslufthammer direkt durch meine Stirn bricht. Mir ist gleichzeitig warm und kalt, weshalb ich mir panisch die Decke vom Leib reiße, um sie im gleichen Moment wieder um meinen geschundenen Körper zu wickeln. Und schlecht ist mir auch. Die blubbernden Geräusche, die aus meinem Magen kommen, machen es nicht gerade besser.
Mein Magen ist ein Sadist. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte sich vom Acker gemacht, und der Kreislauf wäre geblieben. Eigentlich dürfte in dem Magen nichts mehr sein, was er verdauen könnte, weil das alles hübsch verteilt vor dem Haus auf dem Bürgersteig liegt und über Nacht vermutlich gefroren ist. Mein Magen mag den Gedanken überhaupt nicht. Stattdessen tut er lautstark so, als würde er alle Hände voll damit zutun haben, ein tischtuchgroßes Schnitzel zu verdauen. Vermutlich will er sich rächen, weil ich ihm nicht zugetraut habe, dass er alleine mit dem panierten Ungeheuer fertig wird, und ich deshalb die Kavallerie in Form eines halben Liters Magenbitters hinterher geschickt habe, während das Schnitzel bereits damit begonnen hatte, sich in fünf Flaschen Bier und zwei Long Island Ice Tea aufzulösen.
Ob ich so scheiße aussehen würde, wie ich mich fühle, will ich von Sophie wissen, aber meine Freundin macht sich gar nicht erst die Mühe, sich eine einigermaßen versöhnliche Umschreibung für meinen jämmerlichen Anblick zu überlegen. Stattdessen sagt sie, ich würde auch so riechen, wie ich mich fühle. „Papa stinkt?“, fragt Hannah und äfft gleichzeitig Sophies angewidertes Nasenrümpfen nach. „Papa Stinkbombe, bääääääääh“, ruft Hannah und wendet sich in theatralischer Geste von mir ab. Das wiederum hat sie von mir. So reagiere ich, wenn ich Hannah von einer vollgekackten Windel befreie. Warum musst du ausgerechnet jetzt an die Windel denken, scheint sich mein Magen zu fragen und zieht sich zusammen.
Ist doch gemein, denke ich, so laut ich gegen den Bohrlärm in meinem Schädel andenken kann, dass einem niemand sagt, wann der richtige Zeitpunkt ist. Vielleicht wäre nach dem vierten Bier der richtige Zeitpunkt gewesen. Oder nach dem ersten Long Island Ice Tea. Oder dem dritten Magenbitter. Vermutlich wäre ich danach genau so wohlig betrunken gewesen, wie ich es war, hätte aber nicht am nächsten Tag die Zeche dafür zahlen müssen. Hin und wieder gelingt mir das, also, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Aber dabei handelt ich sich augenscheinlich allenfalls um Zufallstreffer.
Auch Hannah kennt den richtigen Zeitpunkt offensichtlich nicht. Sie ist zwei Jahre alt. Sie hat einmal an dem Flaschenhals einer leeren Bierpulle genuckelt und ein halbe Weinbrandpraline verschluckt, aber ansonsten keine weiteren Erfahrungen mit Alkohol gemacht. Aber diesen Zeitpunkt meine ich auch nicht. Hannah weiß nicht, wann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem Kinder in ihrem Alter in ihr Zimmer gehen und einen Turm aus bunten Holzklötzchen bauen, statt auf die Sofalehne zu klettern, als wäre es das Fünfmeterbrett im Schwimmbad und laut bis drei zu zählen. „Achtung, Achtung, Papa! Hannah kommt!“ Dann hebt sie die Arme, geht in die Knie und springt. Das alles geht mir viel zu schnell. Ich bin nicht in der Lage zu reagieren.
Hannah landet auf meinem Bauch wie auf einem Wasserbett.
Mein Magen rennt dem Kreislauf und dem Gleichgewichtssinn hinterher.
Auch ich muss ganz dringend weg.
Und übrigens. Alkohol trinke ich erst wieder, wenn Hannah ausgezogen ist.
Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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