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Tempo 30 (Folge 96): Rotmützentrauma

Unser Autor lässt sich dazu breit schlagen, für seine Tochter den Nikolaus zu geben, was nur ein einer Katastrophe enden konnte. Da kommt selbst die Hilfe vom Weihnachtsmann zu spät.

Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Habe gerade den Weihnachtsmann im Bus getroffen. Er kauerte hinten in der letzten Reihe, starrte traurig aus dem Fenster und winselte leise „Stille Nacht, heilige Nacht“, während sich draußen der erste Schnee in matschige Klumpen verwandelte. Ich setzte mich auf den Platz neben ihn und deutete mit dem Finger auf die halb leere Schnapsflasche, die er allenfalls notdürftig in altes Geschenkpapier gewickelt hatte, grünglänzend, mit roten Tannenbäumen und goldenen Rentieren drauf. Keine Schleife.

„Ach so, wie unhöflich von mir. Willst du auch einen Schluck?“, lallte er durch seinen weißen Bart. Ich machte eine verneinende Geste und hatte ganz vergessen, dass der Weihnachtsmann und ich uns duzen. „Wusstest du“, sagte der Weihnachtsmann und nahm einen kräftigen Schluck, „dass sich die Weihnachtsmänner in New York nicht mal mehr die Mühe machen, ihre scheiß Pullen anständig zu verpacken. Nehmen bloß noch diese beschissenen braunen Papiertüten. Denen ist mittlerweile alles scheißegal. Aber mir nicht. Mir ist nicht alles scheißegal, ganz gleich, wie beschissen die ganze Scheiße ist. Ich nehme wenigstens dieses scheiß Weihnachtspapier.“

Ich wendete den Blick von ihm ab und sah aus dem gegenüberliegenden Fenster, als der Bus gerade die nächste Haltestelle anfuhr. Auf einer beleuchteten Plakatwand war ein festlich geschmückter Tannenbaum zu sehen, Kugeln, Strohsterne, Wachskerzen, drei Kilogramm Lametta. Die Erwachsenen trugen Hemden mit kleinen Karos, die Kinder selbst gestrickte Pullover. Im Kamin brannte ein Feuer und an der Tür lächelte milde der Weihnachtsmann. Konnte das der selbe Kerl sein, der gerade in einem Atemzug siebenmal Scheiße gesagt hatte, und von dem ich mittlerweile halbwegs überzeugt war, dass es ihn nicht gibt?

„Ist doch alles scheiße, echt“, sagte der Weihnachtsmann, und ich drehte mich wieder zu ihm um. Acht Mal. Aus seinem Mundwinkel tropfte der Schnaps und fiel auf seinen mächtigen roten Bauch. Er rülpste. Eine ältere Frau vor uns stand auf, schüttelte den Kopf und setzte sich auf einen Platz in der Nähe der Fahrertür. Der Weihnachtsmann streckte ihr den Mittelfinger hinterher. „Scheiße, ist doch wahr“, schnaubte er. „Alle tun immer so, als würden sie sich das ganze Jahr wie wahnsinnig auf einen freuen, aber letztendlich interessiert sich doch keiner dafür, wie es einem geht. Ich hab‘ verdammte Scheiße keinen Bock mehr, nur noch auf meine scheiß Geschenke reduziert zu werden.“

„Das kann ich verstehen“, sagte ich.

„Scheiße, kannst du nicht“, sagte der Weihnachtsmann.

„Doch, kann ich“, sagte ich, nahm ihm die Flasche ab und genehmigte mir einen Schluck.

„Scheiße, lass das“, sagte der Weihnachtsmann.

Ich erzählte ihm, dass ich mich neulich, als der Wahnsinn für einen Moment Besitz von mir ergriff, hatte breitschlagen lassen, bei einem Kindergeburtstag, zu dem meine kleine Tochter Hannah eingeladen war, als Nikolaus zu erscheinen. Ich schlüpfte in ein rotes Kostüm, stopfte mir ein Kissen unter den Mantel, klebte den falschen Bart an, und als ich mit einem kräftigen „Ho, Ho, Ho“ das Kinderzimmer betrat, fingen alle auf der Stelle an zu weinen. Der kleine Rüdiger hechtete in sein Gitterbettchen und versteckte sich unter seiner Decke. Leila rannte wie ein aufgescheuchtes Huhn durch den Raum und dann ungebremst gegen die Wickelkommode. Und Lennart versuchte allen Ernstes sich aus dem Fenster stürzen.

Hannah starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an, als wäre ihr der Leibhaftige persönlich erschienen. Meine Tochter zitterte am ganzen Körper und schrie nach ihrem Papa, was Beweis genug dafür war, dass sie mich nicht erkannt hatte. Ich überlegte noch, wie ich die Situation retten könnte, als mich Rüdigers Mutter unsanft aus dem Zimmer zog. Sie belehrte mich streng, dass der Nikolaus ruhig etwas freundlicher „Ho, Ho, Ho“ hätte sagen könne, woraufhin ich erwiderte, dass ich es von Anfang an für eine Schnapsidee gehalten hatte, zweijährigen Kindern den Nikolaus auf den Hals zu hetzen. Ich wurde hinaus komplimentiert, und die Kinder bekamen zur Beruhigung einem Sack voll Geschenke.

„Schnapsidee, Ho, Ho, Ho, das ist gut“, sagte der Weihnachtsmann und riss die Flasche wieder an sich.

Seitdem leidet Hannah unter einem mittelschweren Trauma in Bezug auf fettleibige Männer mit roten Zipfelmützen, was Anfang Juli kein Problem sein mag, Mitte Dezember aber schon. Gleich am nächsten Morgen fiel ein Schokoladennikolaus aus ihrem Adventskalender, und es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Hannah wieder von meinem Arm wollte. Zwei Tage später bekam ich einen Anruf aus der Krabbelstube und wurde gebeten, mein hochgradig verstörtes Kind abzuholen. Als ich dort ankam, stellte sich heraus, dass zwei der anderen Kinder rote Wintermützen trugen, bevor es raus auf den Spielplatz gehen sollte, woraufhin Hannah in dem Bällebad abgetaucht war. In die Innenstadt kann man mit ihr schon gar nicht mehr gehen.

„Vielleicht sollte ich mal mit dem Kind reden“, säuselte der Weihnachtsmann, offensichtlich beschwingt von dem Schnaps und beschwichtigt von der Vorstellung, doch nicht die ärmste Sau auf Erden zu sein.

„Besser nicht“, sagte ich.

„Warum?“, fragte der Weihnachtsmann.

„Ich habe Hannah gerade erst hoch und heilig versprechen müssen, dass der Nikolaus sobald nicht wieder kommt“, sagte ich.

„Das ist doch gut“, sagte der Weihnachtsmann. „Der Kerl geht mir ohnehin auf die Nüsse.“

„Aber dann habe ich den dümmsten Satz gesagt, den ein Vater in so einer Situation nur sagen kann“, sagte ich.

„Und zwar?“, fragte der Weihnachtsmann.

„Ich habe gesagt: ,Keine Angst, Hannah, beim nächsten Mal kommt der Weihnachtsmann.‘“

„Scheiße“, sagte der Weihnachtsmann.

 

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Datum:  21 | 12 | 2011
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