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Tempo 30 (Folge 97): Balkonkino

Unser Autor erlebt einen dieser Abende, die viel besser sind als fernsehen. Dazu braucht es lediglich einen Balkon, Decken, Glühwein und ein Nachbarnprogramm, von dem gewisse Privatsender nur träumen können.

Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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Habe abends mit Sophie auf dem Balkon gesessen und mich gefragt, wozu man in einer Stadt dieser Größe eigentlich noch einen Fernseher braucht. Zweiundvierzig Zoll, Full HD-Natural-Motion, LED-Display, TFT-Aktivmatrix, EasyLink, Super Resolution Technology, Remote Control Pass Through, Clear Sound, Net TV, Smart TV, zweimal SCART, dreimal USB, viermal HDMI, LAN-Schnittstelle und interaktiver Videotext, ein irres Teil, flach wie ein Pfannkuchen, aber im Prinzip völlig nutzlos. Ich sollte die letzte Mahnung der Gebühreneinzugszentrale einfach ungeöffnet in die Altpapiertonne werfen, dachte ich, bis mir einfiel, dass ich das bereits vor zwei Wochen getan hatte. Ist mittlerweile so eine Art Reflex. Ganz selbstverständlich. Funktioniert so ähnlich wie Atmen.

Früher habe ich die vermaledeiten Briefe zumindest noch geöffnet, bevor ich sie entsorgte. Noch davor habe ich sie sogar gelesen. Und noch noch davor auch hin und wieder die fälligen Gebühren beglichen. Mittlerweile aber reiße ich lediglich die Folie über dem Adressfeld ab, mit drei Fingern und geschlossenen Augen, und werfe die Folie in die Wertstofftonne und den Rest des Briefes ins Altpapier. Ich bin ein schlechter Mensch, aber nicht immer. Ich habe somit Stufe acht von zehn erreicht. Stufe neun wäre, wenn der Postbote das Mahnschreiben demnächst, anstatt in unseren Briefkasten, von sich aus gleich in die Altpapiertonne wirft. Bei Stufe zehn zieht er vorher die Folie über dem Adressfeld ab.

Ich finde, man sollte die Rundfunkgebühren nach Verbrauch berechnen, so wie beim Strom, sage ich zu Sophie. Man könnte dann auch seine Programmanbieter frei wählen und die Privaten weglassen. Da das Fernsehprogramm bei denen zu dreiundachtzigkommasiebenfünfacht Prozent aus so genannten Scripted Reality-Serien besteht, sitzen wir lieber auf dem Balkon. Ist besser, als sich von diesem Scripted Reality-Scheiß vorgaukeln zu lassen, er würde brühwarm Geschichten aus dem wahren Leben servieren, wo die Geschichten nicht einmal aufgetaut sind. Diese Möchtegerndokumentationen sind so echt wie die Hitler Tagebücher, was jedoch siebenundneunzigkommadreiviersechs Prozent aller Zuschauer nicht davon abschreckt, dieses Laienschauspiel für bare Münze zu nehmen. Vermutlich würden die auch alle Hitler wählen.

Dann doch lieber in Echtzeit und ohne Drehbuch, sage ich zu Sophie, schütte Glühwein in einen kleinen Topf und lege zwei Wolldecken auf die Heizung, um eine Viertelstunde später mit heißem Wein und vorgewärmten Decken neben ihr auf dem Balkon zu sitzen. Das tolle an diesen Großstädten ist doch, dass der Quadratmeterpreis so schwindelerregend hoch ist, dass sich niemand erlauben kann, jeden noch so winzigen Flecken Erde unbebaut zu lassen, weshalb sich die vielstöckigen Altbauten in den Straßen drängeln, als stünden sie für ein Justin Biber-Konzert an. Man kann bei uns im vierten Stock deshalb nicht nur den Nachbarn von nebenan zur Begrüßung die Hand reichen, sondern auch denen von gegenüber.

Ich lösche die Kerzen, die ich auf den kleinen Balkontisch gestellt habe, was in ungefähr den selben Effekt hat, wie wenn im Kino kurz vor dem Hauptfilm das Licht ausgeht. Die nächsten dreieinhalb Stunden lassen sich wie folgt zusammenfassen, wobei an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben sollte, dass wir die Fenster der gegenüberliegenden Häuser analog zu den Feldern auf einem Schachbrett aufgeteilt haben. Dritter Stock, fünftes Zimmer von links, heißt bei uns der Einfachheit halber C5. Erster Stock, Zimmer sieben, wäre A7. Ich schenke uns von dem Glühwein ein, dann prosten wir uns so geräuschlos wie möglich zu.

Das Baby in B7 leidet noch immer unter diesen schlimmen Darmkoliken. Ist offenbar eine langwierige Geschichte, weshalb es von seinem Vater abwechselnd von B5 zu B6 und wieder zurück geschleppt wird. In B8 steht seine Mutter, hält sich die Ohren zu und weint leise. Ich könnte mich über das Balkongeländer lehnen, an die ihr Fenster klopfen und sie in den Arm nehmen. Aber ich leide unter einer schrecklichen Höhenangst. In C4 gibt es Nudeln mit selbst gemachtem Pesto, so wie jeden Samstag. Das Basilikum steht vorne links auf der Fensterbank und könnte mal wieder gegossen werden. Außerdem würde ich besseres Öl nehmen, aber seitdem er arbeitslos ist und den ganzen Tag im Sessel hockt, wird dort an allen Ecken und Enden gespart.

In A3, C3, C4, A5, B6und A10 und läuft der Fernseher und ansonsten eher wenig bis gar nichts im zwischenmenschlichen Bereich. In A3 und A5 sehen sie vermutlich diesen Scripted Reality-Scheiß, in C3 und C4 ganz sicher. In B2, 3und 4 ist es dunkel, dabei hatte es zuletzt eher danach ausgesehen, als ob sich die beiden eher trennen als über die Feiertage verreisen würden. Wenn ich Sophie mit dem Kerl aus D7 erwischen würde, wäre die Sache jedenfalls nicht mit einem Tag Versöhnungssex erledigt. Und wenn, dann würde ich wenigstens die Socken ausziehen. In D4 steht jemand am Fenster, rührt sich nicht vom Fleck und starrt zu uns herüber. Der Weihnachtsbaum in C12 hatte auch mal mehr Lametta.

„Bei uns zuhause gab es früher keine Spanner“, sage ich zu Sophie und schlürfe an dem Glühwein.

„Wie kannst du das wissen“, fragt Sophie.

„Die Grundstücke waren zu groß und die Hecken zu hoch“, sage ich. „Nur Hannelore W. von gegenüber hockt bis heute am Fenster, die Ellbogen auf ein Kissen gestützt und glotzt. Ich sag‘ dir, die weiß alles über mich.“

„Wirklich alles?“

„Jede noch so peinliche Geschichte.“

Nächste Woche mehr.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Autor:  Sebastian Gehrmann
Datum:  28 | 12 | 2011
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