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Tempo30 (Folge 101): Wurstgrenze

Unser Autor muss mit Erschrecken feststellen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen ihm beim Metzger eine Scheibe Wurst geschenkt wurde. Das kann kein gutes Zeichen sein.

Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Habe kürzlich geradezu tiefenentspannt vor einem Werbeplakat gestanden und mich gefragt, wann eigentlich der Augenblick gekommen ist, an dem man definitiv alt ist. Und damit meine ich unwiderruflich und für alle Zeiten alt. Nicht gefühlt alt, oder nur äußerlich alt, oder innerlich, nein, rundum alt, komplett, überall, von oben bis unten alt. Also alt im Sinne von nicht jung, von verbraucht, abgelaufen, verschlissen und verlebt. Im Sinne von abgenutzt, überholt, ausgelatscht, abgestanden, ausgelaugt. Alt wie im Arsch, total im Arsch.

Man macht sich mit dreißig eben so seine Gedanken, mit einunddreißig natürlich. Zweiunddreißig, um ehrlich zu sein, fast dreiunddreißig. Ich darf gar nicht daran denken.


Jedenfalls macht einen nicht die Wurst alt, so viel steht schon mal fest. Das ist viel zu früh. Viel, viel zu früh. Die Wurst ist kein Kriterium. Ich war mit meiner Tochter Hannah im Supermarkt einkaufen, was man sich in ungefähr so vorstellen muss. Von Hannahs Kinderzimmer bis zum Supermarkt sind es sechs Schritte durch den Flur, vier Stockwerke hinunter, zwölf Schritte Hausflur und noch einmal dreiundfünfzig Schritte die Straße entlang.

Auf dieser Strecke möchte die kleine Madame getragen werden, weil sie prinzipiell keine Lust hat, einkaufen zu gehen, also sagt sie: „Pupamakt, mag ich nicht.“ Dann wirft sie sich auf ihren Spielteppich und schreit, bis ich die Geduld verlieren und sie trage.

„Wurst habe?“

Sobald wir aber durch die automatische Eingangstür geschritten sind, die sich für Hannah noch immer auf unbegreifliche Art und Weise wie von Geisterhand öffnet, gleitet sie aus meinen Armen und zieht mich wie einen bockigen Hund geradewegs bis zur Metzgertheke.

Hannah braucht für gewöhnlich einen Moment, um Fremden gegenüber aufzutauen und eine gewissen Form von Zutraulichkeit an den Tag zu legen, doch gegenüber Fleischfachverkäuferinnen gebärdet sie sich, als würde man sich bereits seit einer halben Ewigkeit jeden Sonntag zum Tee treffen. Hannah baut sich also vor der Metzgertheke auf, so gut man sich mit rund neunzig Zentimetern Körpergröße eben aufbauen kann, und sagt nur: „Wurst habe?“

Sie könnte natürlich auch sagen: „Guten Tag, die Dame, ich wollte sie höflich fragen, ob sie nicht die Güte besäßen, mir eventuell eine Scheibe von ihrer köstlichen Wurst anzubieten, auch wenn mir eine entsprechende Vergütung derzeit nicht möglich ist“, aber auf die gängigen Konversationsrichtlinien verzichtet sie in so einem Fall. Wenn ich es recht bedenke, hält sie davon generell nicht viel und hält sich durchweg knapp. Ist vermutlich so ein Prinzipiending. Muss sie von ihrer Mutter haben.

Also beuge ich mich zu Hannah hinunter und flüstere: „Man sagt ,Bitte‘, Hannah“, worauf sie verständnislos zu mir hinauf schielt, als hätte ich gerade gesagt: „¡El cuento está listo! Pero ¿dónde está Hannah? Pincha el hueso para empezar a leer.“

„Wurst habe, Annah, Wurst habe!“, schreit Hannah und schlägt mit der flachen Hand gegen die Scheibe der Wurstauslage, auf der sich im Handumdrehen mindestens ein Dutzend fettiger Fingerabdrücke abzeichnen. Bevor sie auch noch anfängt zu weinen, denke ich, ziehe ich sie besser hinter das Regal mit den Obstkonserven.

Nicht, dass Hannahs Affentheater in einem veritablen Tobsuchtsanfall ausartet und das alles womöglich auf mich und meine augenscheinlich zweifelhaften Erziehungsmethoden zurückfällt. Auf die vorwurfsvollen und mitleidigen Blicke kann ich wirklich verzichten. „Na, du süße Maus, möchtest du eine Scheibe haben?“, flötet die Metzgerfrau mit sanfter Stimme, noch bevor ich nach dem Kind greifen kann. Süße Maus?

Zu alt für die Scheibe Gelbwurst

Neben mir steht weit und breit kein anderes Kind, außer Hannah mit hochrotem Kopf, die mit beiden Beinen auf den Boden trampelt, während ihr die Nase läuft. Ich würde jetzt gerne etwas sagen, das Kind nicht noch belohnen, meine Autorität unter Beweis stellen, aber da kaut meine Tochter bereits auf einer Scheibe Gelbwurst mit Gesicht und greift gierig nach der nächsten. „Hier, hast du noch eine, du niedlicher Spatz“, höre ich die Frau von hinter der Theke, während ich langsam meine Hand ausstrecke. „Nein, nicht für sie, für die Kleine natürlich“, kommt es patzig zurück. Ich versuche so niedlich wie möglich zu blicken, aber werde nicht weiter beachtet.

Irgendwann kommt im Leben zwangsläufig der Tag, an dem man zu alt ist für eine Scheibe Wurst. Aber man ist dann noch nicht alt. Wann also ist der Augenblick gekommen, an dem man es definitiv ist? Ich sah wieder auf das Plakat und wusste es.

Nächste Woche mehr.

Autor:  Sebastian Gehrmann
Datum:  25 | 1 | 2012
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