Port au Prince. Er saß alleine vor der Ruine der Notre Dame des Victoires-Schule auf einem Steinblock, vertieft in das offene Buch in seinem Schoß. Bei einer Gruppe von Kindern erregte der fremd aussehende weiße Mann in den leuchtend-orangenen Shorts mit seiner Kamera große Neugierde, doch der Junge auf dem Steinblock saß nur da und las. Er war so in seinem Buch versunken, dass er nicht einmal den Krach mitbekam, den meine Anwesenheit auslöste.
Trotzdem war die Anspannung zu groß, um ein Foto von dem Jungen zu machen. Das einsame Kind, alleine auf dem Schulhof, auf dem Haufen aus Steinen sitzend, umgeben von Metallteilen, Schutt und dem zusammengestürzten Gebäude, glücklich lesend - es war ein Sinnbild für alles, warum ich nach Haiti gekommen war: ein Hoffnungsschimmer, wo nichts mehr möglich erscheint. Eine neue Chance. Ein Neubeginn. Über die Ausbildung dieser starken Kinder, die schon wenige Tage nach dem Beben wieder lachen können, Späße machen können - wenige Tage nach dem Beben, das ihnen alles genommen hat.
Für FR-online schreiben Mitarbeiter der dem "Bündnis Entwicklung hilft" angehörenden Entwicklungshilfeorganisationen über ihre Eindrücke aus Haiti.
Zum Bündnis gehören Brot für die Welt, Medico International, Misereor, Terre des Hommes und die Welthungerhilfe. Sie leisten gemeinsam akute und langfristige Hilfe bei Katastrophen und in Krisengebieten.
Spendenkonto: Stichwort "Haiti", Konto 5151, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00.
Weitere Berichte von Helfern vor Ort finden Sie im Haiti-Spezial der Frankfurter Rundschau
Ich gehe langsam auf den Jungen zu, meine Kamera fest umklammert. Ich drücke ab, aber er bleibt ernst, unberührt von der Gegenwart des Eindringlings, der versucht, seine Aufmerksamkeit von dem Buch zu lösen. Für mich schien es, als sei er sich sicher, mir niemals die Genugtuung zu geben, zu mir aufzuschauen. Als sei er sich sicher, dass sein Buch um Längen interessanter sei als ein einfaches Foto.
Ich bleibe dran, den Blick unerbittlich auf ihn gerichtet, um mein Ziel zu erreichen. Ich denke nach, ob ich es wirklich tun soll, doch dann rufe ich schließlich: "Hallo, monsieur le professeur, professeur, qui vous redardez moi". Und da ist es: sein hinreißendes Lächeln, gefolgt von einem wahrhaftigen, unschuldigen Lachen voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Der Junge heißt Ronald. Er ist zehn Jahre alt und eins von 500 Kindern, die zur Sister Veronique-Schule gehen. Seit dem Beben lebt er in dem Zeltlager neben dem Waisenhaus. Er hat alles verloren. Außer seine Hoffnung auf die Zukunft. Seine Hoffnung ist die Schule, die terre des hommes wieder aufbauen wird, schöner und solider als zuvor. Keine Sorge, Ronald, wir werden dich nicht enttäuschen.
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