Um 11 Uhr am Sonnabend hätte Jens Stoltenberg seinen Auftritt auf dem Ferienlager seiner Jungsozialisten auf der Insel Utøya haben sollen, gleich nach dem morgendlichen Fußballturnier. Unkompliziert sollte die Begegnung mit dem Parteinachwuchs werden. Der Sozialdemokrat Stoltenberg meidet die große Bühne nicht, aber er bevorzugt informelle Treffen, gibt sich gern leger, spielt mit seinem jugendlichen Charme.
Nach dem Bombenanschlag von Oslo und der Schießerei auf dem Juso-Camp muss der 52-jährige Ministerpräsident, der sich gegenwärtig an einem geheimen Ort aufhält, nun eine ganz andere Rolle ausfüllen: die des Landesvaters, der nach den Attentaten, die möglicherweise ihm galten, die Bevölkerung eint und mit klaren Beschlüssen und Worten einen Weg zur Normalität ermöglicht.
Druck von Rechts
Leicht dürfte Stoltenberg, Sohn eines Parteiveteranen, diese Aufgabe nicht fallen. Denn vom nordischen Konsensmodell hat sich Norwegen ähnlich wie Dänemark und jüngst Finnland längst entfernt. Zwar regiert die Arbeiterpartei das Land mit nur kurzen Unterbrechungen seit dem Zweiten Weltkrieg.
Aber seit den 80er-Jahren ist ihr im rechten Spektrum mit der populistischen Fortschrittspartei (FrP) eine Gegnerin gewachsen, die mit Lust und Erfolg gegen alle politischen Konventionen verstößt. Bei der letzten Wahl landete die FrP nur knapp hinter der Arbeiterpartei.
Der ewige Zankapfel in dem 5-Millionen-Einwohnerland sind die enormen Gewinne aus dem Ölgeschäft. Fast 300 Milliarden Euro haben die Norweger auf der hohen Kante. Um eine Spekulationsblase zu vermeiden, fließt das Geld in einen Fonds, später sollen damit die Renten bezahlt werden.
Für die etablierten Parteien ist das Konsens, für die Fortschrittpartei nicht. In Tea-Party-Manier wird sie nicht müde, Zugang zu den Milliarden zu fordern, um Schulen und Straßen zu sanieren, die Polizei besser auszurüsten und die Steuern zu senken. Wo gespart werden soll, weiß sie aber auch: in der Flüchtlingspolitik.
Seit 2005 ist Stoltenberg im Amt, ebenso lange hat er das Dauerfeuer von Rechts abgewehrt. Was er nicht verhindern konnte, ist die Polarisierung der Gesellschaft, die er jetzt durch die Krise führen muss.
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