Abo | ePaper | App | Newsletter | Facebook | Anzeigen | Trauer

Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

27. November 2012

The Artist is Present Marina Abramovic : Fremde Frau

 Von Christina Bylow
2010 saß Marina Abramovic drei Monate auf einem Stuhl – im Museum of Modern Art in New York. Besucher konnten sich zu ihr setzen. Manche weinten. Foto: dapd

Die Performance-Künstlerin Marina Abramovic peitscht sich aus, ritzt sich einen Stern in die Bauchdecke oder setzt sich nackt auf einen Fahrradsattel. Sie gilt vielen als Popstar und einigen als Therapeutin. Jetzt kommt ein Film über Abramovic in die Kinos.

Drucken per Mail

WIEN. Wie eine Hohepriesterin der Kunst betritt sie die Bühne. Eine hochgewachsene Frau in einer bodenlangen schwarzen Robe, die sich eng an ihren Körper schmiegt. Marina Abramovic senkt den Kopf und kreuzt die Arme vor der Brust. Sie verbeugt sich, als hätte sie gerade eine Arie gesungen. Ihre Ähnlichkeit mit Maria Callas fällt auf. Es ist dieselbe statuarische Schönheit, die Bewunderer anzieht und gleichzeitig auf Distanz hält. Das Publikum des Premierenkinos in der Wiener Innenstadt applaudiert begeistert. Dabei hat es den Film noch gar nicht gesehen.

Die Performance-Künstlerin Marina Abramovic ist in Wien, um einen Film vorzustellen, dessen Hauptfigur sie selbst ist und der diese Woche in Deutschland ins Kino kommt. Auf der Berlinale wurde er in der Reihe „Panorama“ gezeigt – und bekam den Publikumspreis. „The Artist is present“ heißt er – die Künstlerin ist anwesend –, wie die Performance, die sie 2010 im New Yorker Museum of Modern Art zeigte.

Drei Monate lang saß Abramovic damals auf einem Holzstuhl im Atrium. Sechs Tage in der Woche, jeden Tag sieben Stunden lang. Schweigend, bewegungslos. Eingehüllt in ein langes Kleid, das Gesicht ungeschminkt. Jeder, der wollte, konnte auf einem Stuhl ihr gegenüber Platz nehmen. 750 000 Menschen sah sie während dieser Zeit in die Augen. Gegen Ende kampierten Besucher nachts vor dem Museum, um öffentlich mit „Marina zu sitzen“. Viele begannen vor ihr zu weinen, manche lächelten verklärt, niemals kam es zu Übergriffen.

Dem Charme erlegen

Der junge New Yorker Regisseur Matthew Akers hat Marina Abramovic vor und während der Performance im MoMA begleitet. Nun steht er ein wenig hölzern neben Abramovic auf der Bühne. Einfluss auf den Schnitt hatte sie keinen. Akers ließ sich nicht in die Karten schauen. Aber schon nach vier Wochen hatte er den Schlüssel zu ihrer Wohnung in Manhattan. Er sei der Performance-Kunst gegenüber skeptisch gewesen, sagt er. Bis er Marina traf – und ihrem Charme erlag. „Wie wir alle“, fügt Francesca von Habsburg hinzu, die Koproduzentin des Films.

Am Abend zuvor hatte die Kunstmäzenin ihrem Star einen Strauß zur Eröffnung ihrer Ausstellung in einer Wiener Galerie mitgebracht. Die Blumen schützend, musste sie sich durch eine Traube von Schaulustigen im feudalen Treppenhaus hindurchzwängen. Oben stand Marina Abramovic, umringt von jungen Leuten. Eine Frau reichte ihr ein Tagebuch. Abramovic schrieb ihr eine seitenlange Botschaft hinein.

Marina Abramovic ist inzwischen eine Künstlerin mit dem Status eines Popstars. Allerdings ohne Allüren. Kaum hat sie die Bühne verlassen, strahlt sie die Handfestigkeit einer Bäuerin aus, die nur zufällig ein Haute-Couture-Kleid übergeworfen hat. Fassen Sie mal an, sagt sie, und lässt den Stoff betasten. „It’s Givenchy.“ Der Kellner in der Bar im Foyer des Kinos bringt ihr ein Glas Orangensaft. Kaffee meidet sie, sogar in Wien. Eine Art Heldenkreuz in den österreichischen Nationalfarben liegt in ihrer Halsgrube. „Das ist kein Schmuck“, sagt sie, „das ist echt!“

Im Jahr 2008 verlieh ihr der österreichische Bundespräsident das österreichische Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft. „Die Leute, die das kriegen, sind meist achtzig Jahre alt, und ich bin erst 66.“ Ihr Gesicht mit der markanten Nase und den weit geöffneten grau-grünen Augen erzählt nichts von ihrem Alter. Seit sieben Jahren lebt sie in New York, ihr Englisch hat noch immer einen schweren serbischen Akzent Sie lacht ihr gutturales Lachen und will am liebsten über Mode sprechen, die macht ihr zur Zeit großen Spaß.

Theatralisch posiert sie für Modefotografen wie Mario Testino. „Look“, sagt sie , und zückt ihr iPad. Unzählige Fotos hat sie darauf gespeichert, fast immer ist sie selbst darauf zu sehen. Look, hier das Foto mit dem Givenchy-Chefdesigner Ricardo Tichy. Er an ihrer entblößten Brust. „Heißt es nicht, die Mode nährt sich von der Kunst? Na dann: Suck my tit.“ Sie kichert wie ein Mädchen und tippt das nächste Bild an. Look. Sie in einem taubenblauen Haute-Couture-Abendkleid, umschmeichelt von Seide. Und was macht sie damit? Stellt sich unter einen Wasserfall. „Das Kleid existiert jetzt nicht mehr. Aber sehe ich nicht aus wie Anna Magnani, die ihren ganzen Schmerz herauswäscht?“

Der Schmerz. Ihr Lebensthema. Die Kunst der Marina Abramovic kommt ohne Schmerz nicht aus. Man wisse nicht, was genug ist, wenn man nicht weiß, was mehr als genug ist, zitiert sie den englischen Dichter William Blake. Ihre Schmerzensszenarien, meint sie, zeigten dem Betrachter, wovor er am meisten Angst habe – vor Schmerz und Tod. „Ich sage dem Publikum damit: Wenn ich durch diese Schmerzen gehen kann, könnt ihr es auch.“ In den 70er-Jahren lag sie bei einer Performance in ihrer Geburtsstadt Belgrad in einem brennenden fünfzackigen Stern. Sie experimentierte mit Medikamenten, um gegen die Psychiatrie zu protestieren. Sie peitschte sich aus, ritzte sich einen Stern in die Bauchdecke, schrubbte auf der Biennale von Venedig 1997 blutige Rinderknochen. Mit dieser Performance, die sie „Balkan Baroque“ nannte, wurde sie international bekannt.

Später saß sie in den Berliner Kunst-Werken stundenlang auf einem Fahrradsattel nackt an der Wand, die Arme ausgebreitet wie eine Gekreuzigte. Klaus Biesenbach, Gründer der Kunst-Werke in der Auguststraße in Mitte, hatte Marina Abramovic damals geholt. Noch war sie ein Insider-Tipp. Es gab Tage, da konnte man als Besucher ganz allein mit ihr in der weiß getünchten Halle sein, umnebelt von Salbei-Dämpfen, die das Kirchen-Gefühl verstärkten. Biesenbach, inzwischen Chefkurator am MoMA, initiierte 2010 auch die große Abramovic-Retrospektive in New York. Ihre Performance war ein Teil davon. Im Film spielt Biesenbach eine Nebenrolle als Beschützer, Seelenfreund und Verehrer einer Künstlerin, von der er sagt, sie würde „niemals nicht performen“.

Eltern waren Nationalhelden

„Das ist nicht wahr“, widerspricht Marina Abramovic und legt ihr iPad aus der Hand. „Eine Performance verlangt so viel Entschiedenheit und Energie. Ich muss mich mental in eine komplett andere Dimension versetzen – ich nenne es ‚mich selbst auf einen höheren Level bringen‘ – und dann erst erschafft man das Beste vom Besten von sich selbst. Das kann man nicht lange aufrecht erhalten.“ Kunst und Leben sind für sie niemals ein- und dasselbe Spielfeld. Überhaupt: Kunst. Das Wort Arbeit verwendet sie häufiger. Wenn ihr Leben Performance wäre, was wäre dann die Performance? Bloße Selbstdarstellung ohne Bedeutung?

Performance in Italien, März 2012. Foto: Getty Images

Die Frage, ob das, was sie tut, Kunst ist, wird ihr seit ein paar Jahren nicht mehr gestellt. „Ich bin jetzt Mainstream“, sagt sie, und was andere in der Kunstszene für das schlimmste Etikett halten, ist für sie ein Beweis dafür, dass ihr etwas Wesentliches gelungen ist: den Betrachter zum Mitspieler, zum Komplizen zu machen. Immaterielle Kunst ist darin am stärksten, sagt sie. „Es gibt kein Hindernis zwischen Zuschauer und Performer.“

Im Film kann man das sehen. Zwei Menschen sitzen einander gegenüber, und weil sonst nichts geschieht, passiert etwas, das Abramovic „Energie-Transfer“ nennt. Ihr Gegenüber empfing im Museum etwas, woran es ihm im Leben mangelt: ungeteilte Aufmerksamkeit. Einen Blick, der allein ihm gilt. „Bedingungslose Liebe“, sagt Abramovic. Das Innehalten ohne jede Möglichkeit der Ablenkung lässt die Alltagsfassaden in sich zusammenbrechen. Deshalb rinnen so viele Tränen über die Gesichter. Alte Frauen weinen, halbwüchsige Jungs, Männer in Anzügen, junge Mädchen. „Ich sah so viel Schmerz, so viel Leiden. Sie leiden am Mangel an Liebe. Am Mangel an menschlicher Berührung. Die Gesellschaft in New York ist extrem brutal. Man lebt nur ein paar Blocks voneinander entfernt, man kennt sich, aber man trifft sich nicht mehr. Alle senden nur noch Messages.“

Erspart eine Sitzung bei ihr die Psychoanalyse? „Nein, ich arbeite im Kontext der Kunst, nicht in dem der Therapie. Wenn ein Bäcker in der Bäckerei Brot bäckt, ist es auch keine Kunst. Wenn er es im Museum tut, vielleicht schon.“
Manche waren so bedürftig nach ihrer Aufmerksamkeit, dass sie bis zu sieben Stunden bei ihr saßen, ein junger Mann besuchte sie 21 Mal und tätowierte sich die Zahl 21 auf die Hand. Ist sie ein Guru, der Ungeliebte anzieht? Sie, die von sich sagt, ihr Leiden als ungeliebtes Kind erst habe ihre Kunst hervorgebracht?

Als sie nach dem Tod ihrer Mutter in Belgrad das Haus aufräumte, fand sie Dutzende ihrer Bücher und Kunstkataloge. Sie waren auf 20, 30 Seiten geschrumpft, bündelweise hatte die Mutter Seiten herausgerissen, auf denen ihre Tochter so zu sehen war, wie es die Mutter nicht ertragen konnte. Wie auch.

Beide Eltern waren Nationalhelden, die im Zweiten Weltkrieg als Partisanen gegen die Deutschen gekämpft hatten. Der Vater war später General, die Mutter Majorin. Voriges Jahr hat Marina Abramovic dem Theaterregisseur Bob Wilson ihre Kindheitserinnerungen als Material für ein Stück zur Verfügung gestellt. „Life and death of Marina Abramovic“ hieß es. Die schrecklichste Episode darin: Das kleine Mädchen gerät mit seinem Arm in die Trommel der laufenden Waschmaschine. Die Großmutter rettet sie. Doch als die Mutter nach Hause kommt, schlägt sie dem Kind ins Gesicht, bevor sie es ins Krankenhaus bringt.

Obwohl sie leidet, verharrt Abramovic bei der Mutter, bis sie fast dreißig ist. Tagsüber studiert sie an der Kunstakademie, versengt sie sich die Haut in ihren Performances, doch abends um zehn ist sie pünktlich zu Hause. Sie bleibt lange die ewige Tochter, erst als sie den deutschen Künstlers Ulay kennenlernt, kann sie Belgrad verlassen. Mitte der 70er-Jahre zieht sie mit ihm nach Amsterdam, das Paar tritt nun gemeinsam auf, fünf Jahre lang führen sie ein Nomadenleben, das sie bis nach Australien, zu den Aborigines führt.

Die Künstlerin hat eine bewegende Lebensgeschichte. Foto: Getty Images

Ihre letzte gemeinsame Performance hieß „The great wall walk“. Von entgegengesetzten Enden der chinesischen Mauer aus wanderten sie aufeinander zu. Bei der Begegnung trennten sie sich.
Abramovic war damals vierzig geworden und fühlte sich am Ende. „Fett, hässlich, ungewollt.“ Sie flog nach Brasilien und ließ sich die Brüste vergrößern. Aus der alternativen Performerin, die bis Mitte vierzig „ein einfaches Leben“ führte, wurde eine elegante Erscheinung und eine erfolgreiche Künstlerin, deren Existenz bald auch durch diverse Professuren gesichert war.

Ulay gehörte zu ihren Ehrengästen im MoMA. Völlig unerwartet nahm er eines Tages ihr gegenüber auf dem Holzstuhl Platz. Nach ein paar Minuten reichten sie sich die Hände und weinten. Es war ein Hollywood-Moment, und das Publikum im Atrium klatschte. „Ich kann diesen Film nicht sehen“, sagt Marina Abramovic, „es ist so emotional.“

Der Neid der Männer

Nach Ulay war sie noch einmal zwölf Jahre lang mit einem Mann zusammen, vor Kurzem wurde ihre Ehe mit dem italienischen Bildhauer geschieden. „Ich bin noch nicht darüber hinweg“ , sagt sie. Kann es sein, dass Männer ihren Erfolg schwer aushalten? „Nicht ‚kann sein‘ – so ist es. Jedes Mal, wenn ich fotografiert wurde, ist das wie eine Ohrfeige für sie. Ich müsste jemanden finden, der in seiner Arbeit so glücklich ist wie ich. Privat bin ich völlig allein. Kein Sex, keine Beziehung, ein Leben in Flugzeugen und Hotelzimmern.“ Allerdings sei sie auch gar nicht mehr so an einer Beziehung interessiert. „Ich frage mich, wie ich die Zeit nutze, die mir bleibt.“

Jetzt geht es darum, ein Erbe zu hinterlassen, für die junge Generation da zu sein. Sie nicht mit Eifersucht und Verachtung zu strafen, sondern ihnen zu helfen, ihren Weg als Künstler zu gehen. „Das lernt man nicht an Akademien.“ Eine junge türkische Künstlerin habe sie davor bewahrt, ihr gesamtes Werk an einen Galeristen zu verscherbeln, immer sei sie „zugänglich und verfügbar für die Kids“. Allerdings steckt auch eine Zuchtmeisterin mit pädagogischem Furor in ihr.

Am Hudson will sie ein „Art Institute“ eröffnen, das zum Zentrum immaterieller Kunst werden soll. Nicht ihrer eigenen, diese „Selbst-Glorifizierung älterer Künstler, die Stiftungen für ihr eigenes Werk gründen“, lehnt sie ab. Nein, bei ihr soll es um die anderen gehen. Oper, Musik, Performance – alles soll seinen Platz finden in einem Gebäude, das der Architekt Rem Koolhaas bauen wird. Besucher müssen sich mindestens sechs Stunden lang auf das einlassen, was sie dort vorfinden. Ausgestattet mit Laborkitteln, ihrer Handys entledigt, tauchen sie in eine Zeitkapsel ein.

Sie hat die Zeit nicht vergessen. Zum Ende des Films geht sie in den Saal hinunter. Großer Applaus. Viele haben Taschentücher in der Hand. Sie steht auf der Bühne und verneigt sich vor dem Publikum.

Infos zum Film unter marinafilm.com

Jetzt kommentieren

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft.

Kalenderblatt 2014: 2. August

Das aktuelle Kalenderblatt für den 2. August 2014: Mehr...

Videonachrichten Panorama
Fotostrecke
Costa Concordia

Das Wrack der Costa Concordia fasziniert - möglicherweise wegen des starken Kontrasts, der ihm innewohnt. Hier der verbogene und angerostete Teil, der eineinhalb Jahre unter Wasser lag. Dort jene farbenfrohen Flächen, die den Eindruck vermitteln, es sei nichts passiert. Wir haben einige Motive im Großformat zusammengestellt: Zur Premium-Galerie.

Videonachrichten Leute
Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.