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The Who bei Woodstock: "Es war die Hölle"

Zwei Interviews - zwei gegensätzliche Meinungen: Gitarrist Pete Townshend und Sänger Roger Daltrey von "The Who" erzählen Martin Scholz von ihren ganz persönlichen Erinnerungen an Woodstock.

Roger Daltrey, Szene aus dem Dokumentarfilm Woodstock - Three Days Of Love And Music
Roger Daltrey, Szene aus dem Dokumentarfilm "Woodstock - Three Days Of Love And Music"
Foto: Verleih

Der Gitarrist

Mr. Townshend, Sie waren einer der großen Stars von Woodstock und haben nie aufgehört, über das Festival zu lästern. Was genau hat Sie gestört?

Roger Daltrey (li.) und Pete Townsend im Jahr 2007.
Roger Daltrey (li.) und Pete Townsend im Jahr 2007.
Foto: dpa

Ich habe jede Minute von Woodstock gehasst, die ganze heuchlerische Veranstaltung. Ich mag ohnehin keine Mega-Musik-Events mehr. Warum sollten wir uns zu Hunderttausenden im Schlamm wälzen, außer, um uns darauf vorzubereiten, dass so etwas ein Dauerzustand sein könnte, wenn es mit der Überbevölkerung so weitergeht.

Warum haben Sie dann überhaupt mitgemacht?

Ich habe mich breitschlagen lassen. The Who hatten damals gerade eine sehr lange Tournee hinter sich, alle waren ausgelaugt. Ich wollte eigentlich nur zurück zu meiner Frau Karen, die gerade unser Baby, meine Tochter Emma, bekommen hatte. Dann haben mich die Woodstockorganisatoren stundenlang in einem New Yorker Hotelzimmer bequatscht und nicht eher rausgelassen, bis ich schließlich zusagte. Sie ließen meine Frau, unser Baby und mich im Hubschrauber auf das Festivalgelände einfliegen. Da standen wir dann mit unserem kleinen Baby im Korb - mitten in der Hölle.

Ist das jetzt nicht ein bisschen übertrieben?

Nein. Wir waren von absolutem Chaos umgeben. Alles schien auseinanderzufallen. Überall um uns herum nur Verrückte. Richie Havens war auf einem nicht endenden Trip - er schüttelte mir abwesend die Hand und wollte sie gar nicht mehr loslassen. Sly and the Family Stone fuhren wie die Mafia vor. In einer Limousine kam die Band, eine andere war bis unter das Dach vollgestopft mit Kokain, in riesigen Säcken. Und überall standen dumme amerikanische Kids herum und strahlten: "Davon haben wir die ganze Zeit geträumt. Peace and Love Man." Fuck them!

Das regt Sie noch immer ganz schön auf.

Ich habe mir nur die ganze Zeit um meine Frau und mein Baby Sorgen gemacht. Ich war in ständiger Alarmbereitschaft. Am Ende wollte ich das Ganze einfach nur noch durchziehen und dann wieder abhauen.

Dann mussten Sie sich auf der Bühne mit Abbie Hoffman, dem Kriegsgegner und Gründer der Jugendpartei der Yippies, herumschlagen. Der wollte mitten in Ihrem Set eine Rede halten - Sie haben das Ganze auf einer CD-Box dokumentiert.

Er war einfach so ans Mikro gegangen, als ich gerade "Acid Queen" singen wollte. Und dann hielt er eine Rede: "Das ist alles Scheiße hier. Ihr sitzt hier, redet von Love und Peace und zieht euch die Drogen rein, während John Sinclair wegen eines lausigen Joints im Gefängnis sitzt."

Der dichtende Aktivist und Mitbegründer der White Panther-Partei, der wegen zwei Joints zu einer zehn jährigen Haftstrafe verurteilt worden war...

Ja. Hoffman wollte die Zuschauer aufrütteln: "Wir müssen protestieren und kämpfen", sagte er.

Damit war er ja gar nicht so weit von Ihrer Haltung zu dem ganzen Spektakel entfernt, oder?

Nein, er hatte absolut Recht. Die Leute beim Woodstock-Festival waren ein Haufen Heuchler, Typen, die meinten, eine kosmische Revolution ausrufen zu können, nur weil sie ein großes Feld eingenommen hatten, dabei ein paar Zäune niedergerissen hatten, schlechtes Acid nahmen und dann versuchten wieder abzuhauen - ohne Geld für die Bands zu zahlen. Ich war an dem Tag sehr gereizt und als Hoffman da plötzlich vor meinem Mikro stand, hab ich ihn einfach nur angeschnauzt, dass er sich schleunigst verpissen sollte. Das war keine Glanzleistung von mir. Er saß dann die ganze Zeit beleidigt am Bühnenrand. Erst später habe ich mitbekommen, dass diese öffentliche Demütigung seiner politischen Glaubwürdigkeit sehr geschadet hat.

Sie hätten sich ja entschuldigen können.

Hab’ ich auch, gleich nachdem ich meinen Song beendet hatte. Als dann später noch ein Kameramann ständig um mich herumschwirrte, brannte mir die Sicherung durch - ich habe ihn in den Graben vor der Bühne gekickt.

Wir haben´s begriffen: Während der Rest der Welt Woodstock seit Jahren als Keimzelle der Festivalkultur feiert, fanden Sie es einfach entsetzlich.

Mit Love and Peace hatte all das jedenfalls gar nichts zu tun. Davon mal abgesehen hatten The Who mit Flower Power eh nie etwas am Hut.

In Ihrem Hörspiel "Psychoderelict" lassen Sie den Protagonisten, den alternden Rockstar Ray High, die große Frage stellen: "What happened to the dream to all that lovely hippie shit."

Ja, aber das sagt Ray High, er ist ein verdammter Idiot, ein alter Rockstar, der seinen Idealen nachtrauert. Es stimmt zwar, dass ich in dieser Figur viel aus meinem Leben verarbeitet habe - aber ich bin nicht Ray High. Nur haben das all die Journalisten mal wieder nicht verstanden. The Who haben nie den Hippieträumen nachgehangen.

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Datum:  13 | 8 | 2009
Seiten:  1 2
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