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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

27. Mai 2014

Todesstrafe: Briefe bis zum bitteren Ende

 Von 
Texas Death Row: Der Todestrakt im Gefängnis von Livingston.  Foto: X80002

Für Menschen im US-Todestrakt sind Briefe oft der einzige Kontakt nach draußen. Doch warum schreibt jemand einem verurteilten Mörder? Drei deutsche Brieffreunde erzählen.

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Warum schickt man einem verurteilten Mörder Briefe in die Zelle? Einem wildfremden Menschen, der tausende Kilometer weit weg auf seine Hinrichtung wartet. Drei Deutsche berichten.

Der Familienvater

Alexander Hügerich mit einem Gemälde seines Brieffreundes.  Foto: Monika Müller

Im Herbst 2013 hat sich Alexander Hügerich aus Nürnberg einige Tage Urlaub genommen. Er hat einen Flug nach Houston, Texas, gebucht, mittwochs hin, sonntags zurück, um einen Freund zu besuchen, den er noch nie zuvor gesehen hat. Einen Freund, den sie an dessen momentanem Wohnort nur „the artist“ nennen, den Künstler, weil Angel Rivera farbenprächtige Bilder malt von glücklichen Paaren zwischen Schilfrohr und Birkenwäldchen. Alexander Hügerich hat er einige davon geschickt.

Seinem 11-jährigen Sohn hat Hügerich seinen texanischen Freund so beschrieben: „Das ist Angel, der sitzt im Gefängnis und hat keinen Computer, kein Internet. Deswegen schreibe ich ihm Briefe. Das ist ein besonderes Gefängnis, Angel wartet dort auf den Tod.“ Denn Angel Rivera ist ein zum Tode verurteilter Mörder. Das besondere Gefängnis liegt in Livingston und heißt Allan B. Polunsky Unit, aber man könnte es auch einfach Texas‘ härtesten Knast nennen: Isolationshaft auf knapp 6 Quadratmetern ohne Aussicht auf Entlassung; Texas Death Row: Der Todestrakt in jenem US-Bundesstaat, der Jahr für Jahr die meisten Menschen hinrichtet. Was das genau bedeutet, habe sein Sohn nicht gleich begreifen können, sagt Hügerich. Aber dass es falsch ist, einen Menschen zu töten, das habe er verstanden.

Alexander Hügerich hatte sich schon „latent“ mit der Todesstrafe beschäftigt, als er auf einen Artikel über die Schweizer Organisation Lifespark stieß, die Briefkontakte zu Todestrakt-Insassen vermittelt. „Das hat mich gefesselt“, sagt er, bei einem Lifespark-Treffen in Frankfurt. Lange habe er über eine Brieffreundschaft nachgedacht, sich mit seiner Frau besprochen – „Sie hat mich in dem Gedanken bestärkt“ – und dann beschlossen, es zu wagen. Aus humanitären Gründen, wie er sagt, um einem Inhaftierten einen Funken Lebenshoffnung zu bieten. „Ich heiße keine Verbrechen gut. Ein Fakt ist, dass jeder, der im Todestrakt sitzt, mindestens einen Menschen getötet hat. Aber kein Staat der Welt hat das Recht, Unrecht mit Unrecht zu vergelten.“ Jeder Mensch, sagt Hügerich, habe eine zweite Chance verdient, und dass ihn die Rache-geleitete Justiz in Texas abstoße. Nach einem ersten Gespräch vermittelte Lifespark ihm die Adresse von Angel Rivera. Im Februar 2012 schrieb Alexander Hügerich seinen ersten Brief.

Wie lange sein Briefkontakt währen, wie lange sein Brieffreund überhaupt noch leben würde, konnte Hügerich da nicht absehen. Angel Rivera ist heute 56 Jahre alt, 1986 wurde der Mann aus El Paso in den Todestrakt eingewiesen. Doch ein Berufungsverfahren hob kürzlich überraschend Riveras Todesstrafe auf. Nicht weil er erwiesenermaßen unschuldig wäre, sondern weil sein erster Strafprozess unfair verlief. „Seit Januar hatte ich deswegen keinen Kontakt zu Angel“, sagt Hügerich, er sei in ein anderes Gefängnis verlegt und seine Strafe in lebenslänglich umgewandelt worden. „Vielleicht kommt er sogar bald frei, die knapp 30 Jahre im Todestrakt werden angerechnet.“

In Livingston, jenem kleinen Ort außerhalb Houstons, der umgeben ist von Wäldern und Pferdeweiden, von schnurgeraden Landstraßen, von denen es sich abbiegen lässt, zu anderen „Units“, der Walls Unit in Huntsville etwa, in der die Hinrichtungen ausgeführt werden oder dem dortigen Gefängnismuseum, wo sie „Old Sparkey“ zeigen, den elektronischen Stuhl, in Livingston also konnte Alexander Hügerich Angel Rivera nur zweimal vier Stunden sehen, nach strengen Sicherheitschecks und durch eine Glasscheibe hindurch.

Es sei eine Fahrt ins Ungewisse gewesen, sagt Hügerich, der sich im Vorfeld gefragt hatte: „Wie fängt man so ein Gespräch an?“ Rivera aber habe schnell das Eis gebrochen mit der Frage, ob Deutschland – einige Wochen nach der Bundestagswahl – eigentlich mittlerweile eine Regierung habe. „Plötzlich war es so, als hätten wir uns erst gestern das letzte Mal gesehen.“ Und als der zweite Besuchstag um war, habe die Frage im Raum gestanden, wann das nächste Mal sein würde. Beantworten kann Hügerich das nicht. „Aber ich denke, wir sehen uns wieder. Wenn er irgendwann reisen darf, vielleicht sogar in Deutschland.“

Die Studentin

Charline Groening.  Foto: Monika Müller

Charline Groening hat gerade erst angefangen. Seit einem Jahr erhält sie etwa zweimal im Monat Post von Kevin Foster aus Florida. „Ich habe Glück gehabt“, sagt die 19-jährige Studentin aus der Nähe von Fulda über den 36-jährigen Mann, den die Organisation Lifespark ihr als Briefkontakt zugeteilt hat. Er sei kein Psychopath, wie man sie in der TV-Serie „Criminal Minds“ häufig sehe, sondern „ein vernünftiger Mensch, ein anderer Mensch als damals. Ich schreibe nicht dem Mörder, sondern dem Kevin Foster von heute“, sagt sie und dass er „sehr offen und interessiert“ an ihrem Leben sei. Sie schreibe ihm von ihrem Alltag, ihrem BWL-Studium in Thüringen, ihrem Pflegepferd. Foster wiederum zeige sich sehr politisch interessiert, überrasche sie immer wieder mit seinem Wissen, etwa zum deutschen Sozialsystem oder der Ukraine-Krise. „Es ist von Anfang an eine schöne Freundschaft gewesen.“

Groening weiß, was Foster getan hat, sie habe es im Internet recherchiert. Amerikanische Gefängnisse stellen umfangreiche Profile zur Person der Inhaftierten und zum jeweiligen Tathergang offen ins Netz. Foster war so alt wie Groening heute, als er mit weiteren Mitgliedern einer Jugendgang einen Lehrer ermordete.“Es interessiert mich natürlich, was er getan hat“, sagt Groening. „Aber wenn er nicht darüber sprechen will, dann finde ich das auch okay.“ Sie werde ihn nicht dazu drängen. Aus der Entfernung könne sie ohnehin nicht einschätzen, was damals genau vorgefallen sei.

Auch an einem breiter gelegenen Engagement gegen die Todesstrafe, wie Gabriele Uhl es praktiziert, ist Groening nicht gelegen. „Alleine kann ich die Todesstrafe nicht abschaffen“, sagt sie, die sich weniger für die rechtlichen Details als für die menschlichen Auswirkungen der amerikanischen Justiz interessiert. „Den ganzen Tag in einer kleinen Zelle zu sitzen und nichts zu tun zu haben, das finde ich ganz schlimm“, sagt Groening, die vor einigen Jahren aus einer ähnlichen Motivation heraus mit einer Schul-AG regelmäßig alte Menschen in einem Seniorenheim besuchte. „Es geht mir darum, jemandem das Leben für einen kleinen Moment ein wenig schöner zu machen, die Langeweile zu durchbrechen“, sagt sie.

Romantische Motive, die ihr und vielen anderen Briefeschreiberinnen oft unterstellt würden und die in Extremfällen zu Eheschließungen zwischen Gefangenen und ihren Brieffreundinnen führen, weist sie entschieden von sich. „Ich habe einen Freund, wir sind seit vielen Jahren zusammen und bleiben es auch.“ Er, wie auch ihre Familie und engsten Freunden wüssten über ihren Briefkontakt Bescheid. Ersterer sei davon zwar nicht begeistert, „aber er akzeptiert es“, sagt sie, die Kevin Foster eines Tages auch gerne in Florida besuchen würde. Das gehöre einfach dazu, findet Groening. Und: „Ich schreibe weiter. Nötigenfalls bis zum bitteren Ende.“

Die Aktivistin

Gabi Uhl mit einem Kunstwerk eines ihrer Adressaten.  Foto: Monika Müller

Am 11. Juni 1998 trinkt Clifford Boggess in Huntsville, Texas, einen Liter eisgekühlte Pepsi, isst zwei doppelte Cheeseburger mit Salat und Pommes Frites, zum Dessert Schokoladen-Brownies, einen Becher Blue-Bell-Ice-Cream – und ein Stück Geburtstagskuchen. Es ist Boggess‘ 33. Geburtstag. Und der letzte Tag seines Lebens. Nach seiner selbstgewählten letzten Mahlzeit (ein Privileg das für texanische Todeskandidaten im Jahr 2011 abgeschafft wurde) wird Boggess in der Hinrichtungskammer der Walls Unit in Huntsville per Giftspritze getötet. Durch eine Glasscheibe sehen ihm zwei Freundinnen aus Deutschland dabei zu – eine davon ist Gabriele Uhl aus Taunusstein bei Wiesbaden.

Die ungewöhnliche Freundschaft von Gabriele Uhl und Clifford Boggess entstand eher zufällig, erzählt die 52-Jährige. Eine junge Freundin von ihr habe sich schon seit einigen Jahren Briefe mit Boggess geschrieben und ihn 1997 erstmals besuchen wollen. Uhl, die sich bis dahin kaum mit der Todesstrafe beschäftigt hatte, begleitete die damals erst 18-Jährige. Und fing nach dem Besuch selber an, Cliff, wie sie ihn nennt, zu schreiben. „Ich hatte sehr schnell das Gefühl, dass er mich wahnsinnig gut versteht“, erzählt die Musik- und Religionslehrerin. „Wir waren irgendwie auf einer Wellenlänge.“ Der zweifache Raubmörder habe seine Taten zutiefst bereut. . Im April 1998 besucht sie ihn ein zweites Mal. Und entspricht schließlich seinem Wunsch, ihn in den letzten Momenten seines Lebens zu begleiten.

Gabriele Uhl spricht erstaunlich nüchtern über jenen Tag, als sie zusah, wie ihrem Brieffreund per Spritze ein tödlicher Giftmix verabreicht wurde, wie er festgeschnallt auf einer Pritsche erst seine letzten Worte sprach und wenig später die Augen schloss und ein letztes Mal ausatmete. „Im Vorfeld hat man uns gewarnt, dass diese Erfahrung unser Leben für immer verändern wird. Aber Cliff hat versucht, es uns so einfach wie möglich zu machen“, sagt sie. „Er war ein sehr religiöser Mensch und hat den Tod als Weg in ein besseres Leben gesehen.“ Gleichwohl, erinnert sie sich, habe sie den ganzen Nachmittag über sehr ambivalente Gefühle verspürt. „Das war völlig irreal, wie im Film, obwohl ich doch im Kopf wusste, das passiert wirklich. Das war so absolut überheblich, dass da vor unseren Augen jemand einen anderen Menschen im vollen Bewusstsein in den Tod befördert - und das im Namen von Recht und Gesetz.“

Sobald sie ihren Brieffreund durch die absehbare Hinrichtung verlören, sagt Uhl, suchten die meisten Briefeschreiber keinen neuen Kontakt mehr. Bei ihr aber war das anders. „Ich habe schon als Kind gelernt, meine Gefühle zu kontrollieren. Wenn ich weiß, was auf mich zukommt, kann ich damit umgehen.“ Zudem sei sie sehr beständig. „Ich leite auch seit fast 30 Jahren einen Frauenchor. Ich höre nicht so einfach mit Dingen auf, die ich einmal angefangen habe.“

Also macht Gabriele Uhl nach Cliff Boggess‘ Tod weiter. Sie richtet verschiedene Websites ein, auf der sie Fakten und Nachrichten zur Todesstrafe sammelt, von ihrer Geschichte mit Cliff erzählt oder Besucher der Polunsky Unit über die Gefängnisregularien informiert. Sie fängt an, CDs aufzunehmen und Konzerte gegen die Todesstrafe zu geben. Sie hält regelmäßig Vorträge vor Schulklassen. Und sie schreibt weiteren Todestrakt-Insassen, manchmal zwei, drei Männern parallel. Etwa zweimal jährlich fliegt sie für Besuche nach Texas. 2006 sieht sie zum zweiten Mal einen Brieffreund sterben, Kevin Kincy.

„Das Thema ist schon sehr präsent in meinem Alltag“, sagt Uhl, die auch 1. Vorsitzende der deutschen „Initiative gegen die Todesstrafe“ ist. In ihrer Wohnung seien vier Regale mit Büchern und Filmen zum Thema gefüllt. Selbst ihre Kleidung zeugt davon: „Why do we kill people to show people that killing is wrong?“, steht auf ihrer Jacke. „Die Todesstrafe bringt niemandem irgendeinen Nutzen, sie schafft nur neues Leid, weil ja auch der Täter Angehörige hat“, ist Uhl überzeugt, der aber auch das Schicksal von Verbrechensopfern nicht egal ist. Regelmäßig spende sie für die Opferschutz-Organisation „Weißer Ring“.

Uhl weiß, dass ihr Engagement zuweilen Befremden hervorruft. „Für arme Robbenbabys oder hungernde Kinder findet man leichter Mitstreiter“, sagt sie und fügt hinzu: „Es gibt viele Themen, bei denen Engagement wichtig ist, aber niemand kann alles machen. Niemand kann alleine die ganze Welt retten.“ Und sie sei nun einmal Expertin für die Todesstrafe. Aber manchmal überlege sie, sagt Uhl, ob sie irgendwann „ein Päuschen“ beim Briefe-Schreiben einlegen werde, wenn ihr momentaner Brieffreund Willie Trottie hingerichtet würde, etwa. Soeben wurde ein Termin dafür festgesetzt: der 10. September.

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