Er zieht ein Foto aus einer Sammelmappe, auf dem er in Uniform vor einem Schrank mit Glühbirnen steht. „Damit haben wir getestet, ob genug Strom durch die Anlage fließt.“ Leuchtete eine der 24 Glühbirnen nicht auf, musste die Anlage gewartet werden. Die Stromschläge konnten 3000 Volt erreichen, aber Givens passte ihre Stärke und Dauer mit Drehreglern an die Größe und das Gewicht des Todeskandidaten an. „Ich wollte ihn ja nicht kochen“, sagt er.
In den 80er und 90er Jahren geriet der elektrische Stuhl nach einer Reihe von Unfällen in Verruf. Die Giftspritze setzte sich in den meisten Staaten durch. Bevor Virginia 1995 umstieg, reiste Givens nach Texas, um das Verfahren zu erlernen, bei dem der Henker dem Verurteilten drei Mittel spritzt: eines gegen Schmerzen, eines, das die Muskeln lähmt, und eines, das zu Herzversagen führt. Bei der Hinrichtung, die Givens in Texas beobachtete, stimmte der Verurteilte das Kirchenlied „Amazing Grace“ an, als der Henker begann, ihm das Betäubungsmittel zu spritzen. Bevor er einnickte, hatte er alle sechs Strophen gesungen. „Das hat mir zu lange gedauert – beim elektrischen Stuhl ging das so“, sagt Givens und schnippst mit den Fingern.
Robert Johnson hat moderne Henker als „Meister der Verleugnung“ bezeichnet. Idealerweise blendet der Henker alle Gefühle aus und handelt als Werkzeug des Gesetzes: präzise und wirkungsvoll. „Der Ablauf einer modernen Hinrichtung“, schreibt Johnson, „ist unverwechselbar bürokratisch, mechanisch und entmenschlichend.“
Der Tonfall, in dem Givens über die Technik des Todes spricht, erinnert an diese Beschreibung. Manchmal klingt er wie ein Elektroinstallateur. Im Laufe des Gesprächs sammeln sich in seinen Augenwinkeln aber Tränen. In früheren Interviews hat er offen geweint. An jeden einzelnen Gefangenen, sagt er, erinnere er sich. Jedem habe er angeboten, mit ihm zu beten. Wenn sie sein Angebot ablehnten, betete er allein für sie und versuchte, sie mit der Hand zu berühren und zu segnen, wenn er sie zur letzten Dusche führte oder ihnen den Kopf schor.
Givens beschreibt die Vorbereitung einer Exekution als bewusst herbeigeführte Persönlichkeitsspaltung: „Als Wärter muss ich Leben bewahren. Als Henker muss ich Leben nehmen. Ich musste also aus dem Ich, das bewahrt, in ein Ich, das tötet, wechseln.“ Dazu zog er sich ins Gefängnis oder in ein Hotel zurück, dachte nach und baute eine Art Wut in sich auf – „aber nicht gegen den Gefangenen, sondern gegen die Tat“, sagt er. Nach der Hinrichtung suchte Givens wieder die Einsamkeit. Manchmal kämpfte er wochenlang mit seinen Erinnerungen, stritt sich mit seiner Frau und war gereizt und unausgeglichen.
Zeichen Gottes
Nicht alle Todeskandidaten hatten die Tat begangen, für die sie verurteilt worden waren. 1995 richtete Givens Dennis Stockton hin, einen Berufsverbrecher, der einen Auftragsmord begangen haben sollte. Ein Zeuge, der gegen ihn aussagte, gab später auf einer Party damit an, dass nicht Stockton, sondern er schuldig gewesen sei. Givens bedrückte die Vorstellung, dass er einen Unschuldigen ermordet hatte. Dann geschah etwas, das er heute als Zeichen Gottes versteht.
Es begann mit einer Belanglosigkeit. 1999 hatte Givens seiner Frau ein Auto mit Gangschaltung gekauft. Seine Frau aber wünschte sich eines mit Automatik. Givens wollte den Wagen umtauschen und fuhr zu einem Autohändler. Hier traf er einen alten Bekannten, der Givens’ Wagen übernahm und 5000 US-Dollar für ein neues Auto anzahlte, das Givens dort kaufte. Wie sich herausstellte, war der Bekannte ein Drogenhändler. Das Geld stammte aus dem Verkauf von Kokain.
Givens wurde wegen Geldwäsche angeklagt. Einige Tage vor der Verhandlung sprang sein Anwalt ab. Mehrere Drogenhändler sagten gegen ihn aus, während Givens schwieg. Er hatte in diesem Jahr 13 Menschen hingerichtet. Auf eine weitere Exekution bereitete er sich gerade innerlich vor. Teilnahmslos saß er im Gerichtssaal. Der Richter verurteilte ihn zu 57 Monaten Haft. Givens verzichtete darauf, Einspruch einzulegen. 2004 wurde er vorzeitig wegen guter Führung entlassen. Heute sagt er, dass er froh sei, dass ihm Gott diesen Ausweg geboten habe: „Ich wollte nicht mehr als Henker arbeiten, aber gekündigt hätte ich nie.“
Vor drei Jahren rief Givens Jon Sheldon an, einen Rechtsanwalt aus Arlington, Virginia, der sich auf die Verteidigung von Todeskandidaten spezialisiert hat. Sein Büro liegt in einem dreistöckigen Neubau mit historisierenden Fassaden und dünnen Wänden in der Nähe des örtlichen Gerichts. Sheldon hat ein schmales Gesicht und volle, graue Haare. „Ich habe mich mit Givens in einem McDonald’s in der Nähe der Autobahn getroffen“, sagt er. „Das Urteil war lächerlich, aber Jerry konnte es nicht mehr anfechten. Die Frist für die Berufung war abgelaufen.“
Heute tritt Givens gelegentlich im Fernsehen auf oder nimmt an Podiumsdiskussionen über die Todesstrafe teil. Im Februar sagte er vor einem Ausschuss des Senats von Virginia aus, der über einen Gesetzesentwurf zur Ausweitung der Todesstrafe abstimmte. Seine Aussage trug dazu bei, dass der Entwurf weitgehend abgelehnt wurde.
Sein Geld verdient er sich als Lastwagenfahrer. Seine Frau hat ihm verziehen, dass er ihr seinen Beruf so lange verschwiegen hat. „Sie war geschockt, als ich ihr zum ersten Mal davon erzählte“, sagt Givens, „aber sie ist bei mir geblieben.“ Jetzt will er ein Buch über seine Zeit als Henker schreiben. „Wenn der Richter die Verurteilten selbst hinrichten müsste, dann gäbe es keine Todesstrafe mehr“, sagt er. „Eigentlich habe ich doch nur die Drecksarbeit gemacht.“
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