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07. Januar 2016

Todesstrafe in den USA: Ein Staatsanwalt, den das Gewissen plagt

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In einem Raum wie diesen bekommen in den USA zum Tode Verurteilte die Giftspritze.  Foto: dpa

Der frühere Staatsanwalt Marty Stroud aus dem US-Staat Louisiana schickt vor mehr als 30 Jahren einen Unschuldigen in die Todeszelle. Heute plagt ihn sein Gewissen. Eine Reportage von unserem USA-Korrespondenten.

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Im Frühling dieses Jahres fasst sich Marty Stroud ein Herz. Er macht, was er noch nie gemacht hat in seinen bald 64 Lebensjahren. Er schreibt einen Leserbrief an die örtliche Zeitung. Er braucht knapp 1600 Worte, dann ist es geschafft. Das Schreiben macht ihn bekannt in seiner Stadt. Ansel Martin Stroud III., von allen nur Marty genannt, ist der erste und bis heute einzige Staatsanwalt in den USA, der in aller Öffentlichkeit um Entschuldigung für einen Fehler bittet. Er ist der Ankläger, dessen Übereifer dazu geführt hat, dass ein Unschuldiger fast drei Jahrzehnte lang in einer Todeszelle verschwindet. Und das, weil „ich arrogant, voreingenommen, narzisstisch und so von mir überzeugt war, dass mir an dem Sieg vor Gericht mehr lag als an der Gerechtigkeit“, schreibt Marty Stroud an die „Shreveport Times“.

Besuch bei einem gebrochenen Menschen. Marty Stroud ist Rechtsanwalt und hat seine Kanzlei in einem bemerkenswert hässlichen Betongebäude, für das schon in den Siebzigern, als solche Bauten en vogue waren, gewiss niemand einen Architekturpreis gewonnen hätte. Im dritten Stock ist ein Konferenzzimmer der Kanzlei, auf derselben Etage hat auch die Bundespolizei FBI ein Büro. Stroud, ein schmaler, blasser Mann mit leicht abstehenden Ohren und unrasiertem Gesicht, kippelt gefährlich auf seinem Bürostuhl, vor sich auf dem glänzenden Tisch eine juristische Kladde und einen Pappbecher mit Kaffee. Er schaut an seinen Gesprächspartnern vorbei in eine Ecke und sagt: „Willkommen in Louisiana. Hier ist die Todesstrafe leider immer noch wohlauf.“

Dann fährt er fort im behäbigen Singsang eines Südstaatlers, bei dem sich die Worte nur schleppend aus dem Mund wagen: Die USA seien weltweit mit an der Spitze jener Staaten, in denen am häufigsten die Todesstrafe verhängt wird. Louisiana, sein Bundesstaat, sei die Nummer Eins in den USA, und Caddo Parish, der Bezirk, in dem Strouds Stadt liegt, sei wiederum die Nummer Eins in Louisiana. Und nicht zu vergessen: Bis vor kurzem hat die Staatsanwaltschaft von Shreveport ein Mann namens Dale Cox geleitet. Der hat es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht, weil er der „New York Times“ unverhohlen sagte: „Ich denke, wir sollten noch mehr Menschen töten. Wirkungsvolle Vergeltung ist im Interesse der Gesellschaft.“

Shreveport ist eine Stadt im Nordwesten von Louisiana, kurz vor der Grenze zu Texas. Zu Bürgerkriegszeiten war die Stadt kurzzeitig Hauptstadt des abtrünnigen Bundesstaates, und Stroud erzählt wie beiläufig, dass es hier immer noch Leute gebe, die sich im Bürgerkrieg wähnten: „Es gibt hier Leute, die noch immer den Krieg gegen die Yankees ausfechten wollen.“ Dann flüstert der hagere Mann, dass es sich um eine Ecke des Landes handle, „in der eine ausgesprochene Kultur des Todes gepflegt wird“.

Wer einige Zeit den Erläuterungen von Marty Stroud folgt, dem drängt sich schnell der Eindruck auf, dass es sich bei Shreveport um eine Stadt handelt, in der man vielleicht als Weißer gut leben kann, aber nicht unbedingt als Afro-Amerikaner. Zumindest nicht als Afro-Amerikaner, der eines Mordes verdächtigt wird – so wie Glenn Ford, der Mann, der fast 30 Jahre in der Todeszelle saß.

Es ist der 5. November 1983, als ein 58 Jahre alter Mann erschossen in seinem Ladengeschäft im Erdgeschoss seines Häuschens in Shreveport aufgefunden wird. Der Verdacht fällt schnell auf den Gärtner Glenn Ford. Er mäht den Rasen von Isadore Rozeman, einem Uhrmacher und Schmuckhändler. Und Ford hat die Schlüssel zum Haus von Rozeman.

Weil Nachbarn sagen, Ford sei zur Tatzeit in der Nähe des Tatortes gewesen, wird er schnell zum Hauptverdächtigen der Polizei. Ford wird zugetragen, dass die Polizei nach ihm sucht. Er meldet sich freiwillig, weil er das Missverständnis ausräumen will. Er kann sich Ärger mit der Polizei nicht leisten, weil er früher in Kalifornien in ein paar Wohnungen eingebrochen ist.

Auf der Wache sagt Ford aus, er habe Rozeman nicht getötet. Doch er räumt er ein, von einem Bekannten Schmuckstücke aus Rozemans Besitz entgegengenommen und verkauft zu haben. Neben Ford ermittelt die Polizei gegen drei weitere Verdächtige, doch nur dem Afro-Amerikaner wird wegen Mordes der Prozess gemacht. Dort wird ihm die Aussage einer Freundin der anderen Verdächtigen zum Verhängnis. Sie sagt, sie habe Ford am Tag des Mordes mit einer Schusswaffe in der Hand in der Nähe von Rozemans Haus gesehen. Zwar nimmt die Frau diese Anschuldigung noch während des Verfahrens zurück und sagt, sie habe gelogen. Doch für Ford ist es zu spät. Denn Chefankläger Marty Stroud, damals 33 Jahre alt, ist bereits davon überzeugt, den richtigen Mörder vor sich zu haben.

Stroud wippt jetzt wieder gefährlich auf seinem Bürostuhl und sagt mit leiser Stimme: „Ich war viel zu jung und zu unerfahren für den Fall.“ Damals voller Selbstbewusstsein, ist er heute voller Selbstzweifel. Er sagt, er habe sich damals viel zu sehr auf die Todesstrafe fixiert, weil er tatsächlich geglaubt habe, dass die Todesstrafe die richtige Strafe sei und abschreckend wirke. Dabei habe er vieles willentlich übersehen, was zugunsten des Angeklagten gesprochen habe.

Da waren zum Beispiel die beiden Pflichtverteidiger Fords, ehrbare Rechtsanwälte mit Erfahrung in Streitigkeiten in der Ölindustrie und der Versicherungsbranche, aber völlig überfordert mit einem Verbrechen, auf das die Todesstrafe steht. Sie wurden zu Pflichtverteidigern bestellt, weil sie nach dem Alphabet an der Reihe waren.

Stroud denkt einen Moment nach und bedient sich dann eines historischen Vergleichs. Er wäre sowieso lieber Historiker geworden als Anwalt. Doch Strouds Vater weigerte sich, Geld für solch einen Unsinn auszugeben. Sohn Marty sagt, man müsse sich den Fall in etwa so vorstellen wie den Einmarsch der Italiener in Äthiopien. Die afrikanischen Krieger versuchten, Mussolinis Panzer mit Speeren aufzuhalten. In dem Prozess sind Ford und seine Verteidiger die Krieger, Stroud ist der Panzerfahrer: „Er hatte nicht die Spur einer Chance, und ich war noch stolz darauf.“

Da waren zum Beispiel die Geschworenen, allesamt Weiße, obwohl im Verwaltungsbezirk Caddo Parish 40 Prozent Afro-Amerikaner leben. Stroud, der junge Chefankläger sorgt dafür, dass die schwarzen Jury-Kandidaten, die möglicherweise Fords Fall etwas genauer betrachtet hätten, gar nicht erst zugelassen werden. Er geht methodisch vor und will so gut wie möglich absichern, dass die Jury seiner Empfehlung folgt und die Todesstrafe billigt. Er habe schließlich tatsächlich geglaubt, dass die Todesstrafe die richtige Strafe sei und abschreckend wirke.

Marty Stroud hat in aller Öffentlichkeit um Entschuldigung gebeten.  Foto: Damir Fras

So ist das Todesurteil gegen Glenn Ford nach kurzer Verhandlungsdauer nur noch eine Formsache. Das Votum der Jury fällt einstimmig aus. Auch die Geschworenen sind überzeugt von der Schuld des Angeklagten. Nach dem Urteil geht Stroud mit Kollegen in die Kneipe und feiert seinen Sieg. Als ihn später ein Zeuge in einem Brief beglückwünscht und ihn fragt, wie es sich anfühle, den schwarzen Lederhandschuh der Macht zu tragen, „da war ich stolz“, sagt Stroud: „Heute könnte ich mich übergeben.“

Der zum Tode verurteilte Glenn Ford wird nach Angola gebracht. So heißt das berüchtigte Staatsgefängnis von Louisiana im Volksmund. Es liegt in den Sümpfen am Ufer des Mississippi und war früher eine Plantage. Wer dort einsitzen müsse, sagen ehemalige Häftlinge, komme sich tatsächlich vor wie ein Sklave. Glenn Ford sitzt im Todestrakt von Angola und wartet auf seine Hinrichtung. Die Tage vergehen, die Monate, die Jahre. Nichts geschieht.

Marty Stroud scheidet ein paar Jahre nach dem Urteil aus dem Staatsdienst und tritt in eine private Kanzlei ein. Ihm kommen nach und nach Zweifel, ob er damals richtig gehandelt hat. Er spricht mit niemandem über den Fall Ford. „Ich bin sehr introviert“, sagt er. Er liest ein Buch der Ordensschwester Helen Prejean. In „Dead Man Walking“ schreibt die bekannte Todesstrafengegnerin: „Wir können der Regierung nicht einmal vertrauen, wenn es ums Ausbessern von Schlaglöchern geht, wie können wir ihr dann Fragen von Leben und Tod anvertrauen?“ Der Satz geht Stroud nahe: „Ich habe viele Jahre mit mir selbst gekämpft, bis ich eingesehen habe, dass ich damals einen großen Fehler gemacht habe.“

Er wünsche sich, sagt Stroud, dass die Ausbildung von Staatsanwälten besser werde. Sie sollten Psychologiekurse belegen müssen und am besten ein paar Tage in einer Todeszelle zubringen. Irgendetwas eben, was verhindere, dass junge Ankläger so übereifrig handelten wie er vor mehr als 30 Jahren, sagt Stroud. „Ach was“, schnaubt er nun: „Am besten wäre es, wenn die Todesstrafe abgeschafft würde. Das killing business hat doch nichts mit Gerechtigkeit zu tun.“

Nach 29 Jahren, drei Monaten und fünf Tagen öffnen sich für Glenn Ford die Tore der Haftanstalt Angola. Ein Polizeiinformant, dessen Identität bislang öffentlich nicht bekannt ist, hat glaubwürdige Beweise vorgelegt, dass Ford den Uhrmacher nicht ermordet haben konnte. Es ist der 11. März 2014. Ford ist wieder frei. Zur Entschädigung hat ihm die Gefängnisverwaltung einen Geschenkgutschein im Wert von 20 Dollar in die Hand gedrückt. Ford kauft sich davon ein frittiertes Hühnchen mit Pommes und eine Cola. „Das muss man sich einmal vorstellen, 20 Dollar für einen Menschen, den man 30 Jahre lang wie ein Tier im Käfig gehalten hat“, schnaubt Ex-Staatsanwalt Stroud. Seine Stimme zittert für einen kurzen Augenblick, dann wird sie wieder ruhig: „Ford hätte eine Million Dollar für jedes einzelne Jahr verdient.“

Doch die Justizverwaltung von Louisiana sieht das anders. Weil Ford vor der unberechtigten Verurteilung im Jahr 1984 Straftaten begangen habe, stehe ihm keine Entschädigung zu, sagen die Juristen. Das bringt Stroud zu Weißglut. Er schreibt den Leserbrief an die örtliche Zeitung und bekennt sich zu seiner Verantwortung.

Kurz darauf trifft der Staatsanwalt sein Opfer zum zweiten Mal nach mehr als 30 Jahren wieder persönlich. Es ist Ostern 2015, als sich Marty Stroud etwa eine Viertelstunde lang in New Orleans mit Glenn Ford unterhält. Der Ex-Staatsanwalt will nicht viel von dieser Begegnung erzählen. Ford sei zornig gewesen, aber habe sich würdevoll verhalten. „Ich habe ihn um Entschuldigung und Vergebung gebeten. Er sagte: Ich glaube nicht, dass ich Ihnen verzeihen kann. Dazu haben Sie mein Leben viel zu sehr geprägt.“ Drei Monate später ist Glenn Ford tot – Lungenkrebs. Der Mörder, der keiner ist, wird 65 Jahre alt.

Ansel Martin Stroud III., von allen nur Marty genannt, beugt sich jetzt über den Konferenztisch in seiner Kanzlei und sagt: „Ich denke immer noch jeden Tag an ihn. Er ist an einem besseren Ort als ich.“ Wie immer schaut er dabei an seinen Gesprächspartnern vorbei und kippelt gefährlich mit seinem Bürostuhl.

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