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Tom Tykwers Film "Soulboy": Abi rennt

In Tykwers Film "Soulboy" spielen Slumbewohner aus Nairobi die Hauptrollen. Es ist kein Film über sie, sondern eine Geschichte von ihnen selbst. Für die Darsteller eine große Chance. Von Marc Engelhardt

Für das Filmprojekt tat sich Tykwer mit einer lokalen Produktionsfirma zusammen, der kenianische Schriftsteller Billy Kahora schrieb das Drehbuch.
Für das Filmprojekt tat sich Tykwer mit einer lokalen Produktionsfirma zusammen, der kenianische Schriftsteller Billy Kahora schrieb das Drehbuch.
Foto: dpa

Nairobi. Ein Mann hastet durch das Hüttenlabyrinth eines Slums, hinter ihm eine rasende Meute, die den Dieb aufknüpfen will. Der enge Pfad öffnet sich vor einem der windschiefen Kiosks, in denen die Armen Milch, Brot und einzelne Zigaretten kaufen. Davor steht ein Junge. Was wird er tun - wird er dem Dieb helfen oder wird er ihn seiner Strafe zuführen?

Die Menge vor der Leinwand stöhnt auf. Den Zuschauern stockt der Atem. In ein Dilemma, wie es diese Filmszene gerade zeigt, sind viele von ihnen schon selbst geraten. Sie leben in Hütten aus Lehm und Dreck, gedeckt mit Wellblech oder Pappe, neben stinkenden Kloaken, die einst Bäche waren. Das ist Kibera, Afrikas größter Slum, der in Kenias Hauptstadt Nairobi wuchert.

Auf einer Wiese mitten in diesem Elendsviertel schauen Hunderte Bewohner auf die aufblasbare Leinwand, wo der Junge seine schwere Entscheidung treffen muss. Manchmal entdeckt sich einer der Zuschauer selbst und quietscht auf. Denn "Soulboy", der Film, der auf der Wiese gerade seine Afrika-Premiere erlebt, ist wenige Meter von hier gedreht worden. Die Bilder, die Geschichte, die Darsteller: Alles stammt aus Kibera.

Tykwer reist zur Premiere nach Kibera

"Das war das Wichtigste für die Story, dass sie von den Menschen hier kommt und nicht nur über die Menschen gemacht wird", sagt der deutsche Regisseur Tom Tykwer, der mit "Lola rennt" weltweit bekannt wurde und seitdem immer wieder mit Hollywood-Stars gedreht hat. Für die Premiere von "Soulboy" ist er Anfang März nach Kibera gereist, zu seinen ganz anderen Hauptdarstellern.

Während er spricht, muss er aufpassen, wohin er tritt. Die Kinowiese benutzen viele nachts als Klo. "Uns war klar, wir müssen die erste Aufführung hier für die Leute machen, die am Film beteiligt waren, und für die, die während der Dreharbeiten einfach da rumsaßen und mit in den Film geraten sind", sagt Tykwer. Die Reaktionen der Zuschauer, die in ausgefransten T-Shirts und mit offenen Mündern das Leinwand-Geschehen verfolgen, ist ihm wichtiger als die auf dem Berlinale-Festival, wo "Soulboy" vorher lief, sagt Tykwer. Man hat keinen Zweifel, dass er das wirklich so meint.

Begonnen hatte die Geschichte von "Soulboy" vor anderthalb Jahren, im Herbst 2008. Tykwers Freundin hatte in Kibera einen Verein gegründet, der Schülern die Chance gibt, sich in Theaterspiel, Musik und Malerei auszuprobieren - Fächer, die in den überfüllten Schulen sonst nicht unterrichtet werden. "Ich wollte auch mitmachen, aber ich kann ja nur Film", sagt Tykwer ironisch. Also wurde eine Filmklasse gegründet, und der Regisseur nahm Kontakt zu kenianischen Kollegen auf.

Tykwer tat sich mit einer lokalen Produktionsfirma zusammen, der kenianische Schriftsteller Billy Kahora schrieb ein Drehbuch. Die 30 Jahre alte Hawa Essuman, deren Eltern aus Ghana und Kenia stammen, übernahm mit Tykwer die Regie. Dann begann die Suche nach den Darstellern. "Mein Theaterlehrer hat mich angesprochen", erinnert sich Samson Odhiambo, der die Hauptrolle des 14 Jahre alten Abi spielt. Er selbst ist zwei Jahre älter.

Zum ersten Mal vor der Kamera

An einem Samstag bekam Odhiambo die Zusage - zwei Tage später stand er zum ersten Mal in seinem Leben vor der Kamera. Odhiambo ist in Kibera geboren, er kennt fast jede Ecke in dem Slum. Wenn er nicht mit 60 anderen Kindern in einer der überfüllten staatlichen Volksschulklassen sitzt, streift er durch die engen Gassen und über die schlammigen Pfade. Trotzdem, sagt er, war die Rolle Abis anders als sein Leben. "Abi ist total verantwortungsbewusst, ich überhaupt nicht." Odhiambo lacht.

Davon, ob Abi es schafft, sieben Aufgaben zu erfüllen, hängt ab, ob sein Vater seine gestohlene Seele zurückbekommt. Ein Wettlauf gegen die Zeit, eine Art "Lola rennt" im Slum, bei dem Hexenzauber und Magie eine wichtige Rolle spielen. "Ich glaube an Hexerei", sagt Samson Odhiambo. "Mein Vater kommt aus dem Westen Kenias, wo Zaubermeister bis heute zu den wichtigsten Personen im Dorf gehören - vor einem Fluch wie dem, der Abis Vater befällt, hätte ich eine Heidenangst." Die Filmfigur Abi hingegen wird aktiv, als sein Vater am Morgen brabbelnd in der Hütte liegt. Nur ein echter Mann kann ihm helfen, sagt ihm die Hexenmeisterin. Und als der muss er sich im Lauf des Films beweisen.

Ohne die Hilfe eines Mädchens aber würde Abi im Film wohl nie zum Mann. Die 16-jährige Leila Dayan Opou spielt Shiku, die Abi bei seiner Odyssee durch den Slum beisteht. "Es war ganz schön hart, vor der Kamera zu stehen", erinnert sich die Jugendliche mit dem kahl geschorenen Kopf. "Ich musste früh aufstehen, jeden Tag, das vermeide ich sonst gerne." Viele Freundinnen hätten ihr neidische Blicke zugeworfen.

Schulabschluss dank Film-Gage

Manche dachten wohl, ihr stehe eine ähnliche Karriere bevor wie Freida Pinto, die mit ihrer Rolle in dem Oscar-prämierten Film "Slumdog Millionaire" zum Weltstar wurde. Träumt Opou auch davon, ein Weltstar zu werden? Sie lacht. "Ich finde es toll, Schauspielen macht Spaß. Aber ich habe jetzt auch angefangen, Mode zu designen, mal gucken, was ich mit meinem Leben mache." Nur ihre nächste Etappe steht fest: "Ich werde das Gymnasium abschließen, dank der Gage von ,Soulboy’ kann ich die Schulgebühren bezahlen."

Diese Chance haben in Kibera die wenigsten. Auch deshalb ist der Film nicht auf Englisch, sondern in einer Mischung aus Suaheli und Sheng vertont. Sheng ist die Sprache, die in Kibera jeder Schulabbrecher versteht. Hauptdarsteller Samson Odhiambo hat sein Geld anders ausgegeben: Er hat Rinder gekauft, die traditionelle Geldanlage in Kenia.

Tykwers Co-Regisseurin Hawa Essuman ist diejenige, die hinter der Kamera auf die Details geachtet hat. Ein Geben und Nehmen, ein Hin und Her sei die Arbeit mit Tom Tykwer gewesen, sagt sie. Essuman kennt Tykwers Filme; die Zusammenarbeit, sagt sie, habe sie genutzt, um möglichst viel zu lernen. "Ich mag seine Ästhetik, und ich wollte mir so viele Tricks abgucken wie möglich." Oft aber war es auch Tykwer, der von Essuman lernen konnte: vor allem, wie man improvisiert. Bei einem Budget von knapp 60 000 Euro sei das öfter nötig gewesen, sagt Essuman und grinst dabei.

Dass dennoch auf Zelluloid gedreht wurde, liegt daran, dass ein Filmhersteller das Material im Wert von mehr als 300.000 Euro gespendet hat. "Alles war irre spontan", erinnert sich Tykwer. "Aber an den großen Sets ist das nicht wirklich anders, die tun nur so, als ob sie besser organisiert wären." Hauptsache war für Tykwer, dass nicht an der Qualität gespart wird - von Drittweltstandards will er nichts wissen: "Das ist einfach ein ganz toller Film."

Autor:  Marc Engelhardt
Datum:  25 | 3 | 2010
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