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07. August 2014

Tove Jansson: Troll-Mama und Künstlerin

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Mit den Mumin-Figuren feierte Tove Jansson weltweit Erfolge.  Foto: © Moomin Characters™

Humorvoll, scharfzüngig, voller Energie und immer am Arbeiten: Tove Jansson hat viele Gesichter. Zum 100. Geburtstag der finnlandschwedischen Autorin und Zeichnerin.

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Keines ihrer Selbstporträts ähnelt dem anderen: Mal malt sich Tove Jansson, am 9. August 1914 in Helsinki geboren, elegant mit Pelz, mal keck eine Zigarette rauchend. Mal zeichnet sie sich als unschuldiges, intelligentes Mädchen. Auf einem späteren Selbstporträt stellt sich die 61-Jährige ungeschönt mit rot geränderten Augen dar. Ganz anders wirkt die Illustration, die Tove Jansson im Kreis der Mumin-Trolle zeigt, mit denen sie bei Kindern und Erwachsenen weltweit Erfolge feierte.

Obwohl ihre Bücher in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurden, verspürte die Mutter der Mumins eine Hassliebe zu den Fantasiegeschöpfen, denn sie vereinnahmten die Künstlerin zusehends. Ende der 1950er Jahre stand sie unter ständigem Druck, für die englische Presse täglich einen Comicstrip abzuliefern. Und Hunderten von Kindern antwortete sie persönlich auf ihre Briefe, da sie niemanden enttäuschen wollte.

Humorvoll, scharfzüngig, voller Energie und immer am Arbeiten: Tove Jansson hat viele Gesichter. Privat war sie ein Familienmensch, der sich nach Geborgenheit sehnte. Andererseits war sie sehr mutig, reiste schon in jungen Jahren allein durch Europa. Sie hatte Dutzende Affären mit Männern wie Frauen, die häufig ebenfalls Künstler waren, und mit vielen blieb sie befreundet. Sowohl der Mensch als auch die Künstlerin Tove Jansson gleichen einem Chamäleon.

Ihr Privatleben und künstlerisches Schaffen, Arbeit und Liebe, sind zeitlebens eng miteinander verflochten, wie eine Ausstellung in der finnischen Hauptstadt zeigt. Die Schau im Kunstmuseum Ateneum – Jansson studierte dort in den 1930er Jahren Malerei – verdeutlicht, dass die Mumin-Mama eine begabte Malerin war, was lange nicht wahrgenommen wurde. „In Tove stecken sieben bis neun Künstlerinnen. Sie war unheimlich produktiv“, betont Sointu Fritze vom Ateneum. Schon früh half Tove Jansson, die die Schule hasste, ihrer Mutter, ebenfalls eine angesehene Illustratorin in Finnland. Mit 15 malt die Jugendliche ihr erstes Ölgemälde, das bereits ihre Begabung und den Hang zur Perfektion erkennen lässt. Mit Postkarten und anderen Auftragsarbeiten verdient sie Geld. Und natürlich illustriert und schreibt sie ab 1945 die Mumin-Bücher. Aber auch Tolkiens „Hobbit“ und „Alice im Wunderland“ bebilderte sie. Darüber hinaus verfasste sie Bücher und Kurzgeschichten für Erwachsene.

Während des Zweiten Weltkriegs macht sich die unkonventionelle Künstlerin mit satirischen Illustrationen für das Magazin „Garm“ über Hitler und Stalin lustig. Hinzu kommen monumentale Wandbilder, die im Kontrast stehen zu ihren hingeworfenen, aus wenigen Linien bestehenden Zeichnungen – manche, wie die von einem Boot, sind gerade mal so groß wie ein Fingernagel. In den 1950er und 1960er Jahren wendet sich Jansson der abstrakten Malerei zu, nimmt an diversen Ausstellungen teil. Doch der Durchbruch als Künstlerin bleibt aus.

Tove Jansson im Jahr 1988.  Foto: dpa

Sehr enttäuscht sie, dass ein Bild aus dem Jahr 1942, dass die Malerin im Kreis der Familie zeigt (der Bruder Per Olov hat sich gegen den Willen der Mutter freiwillig zum Krieg gemeldet) nicht auf die erhoffte Anerkennung stößt. Dabei hatte sie sich viele Gedanken um die Komposition gemacht, sie wollte die familiären Spannungen greifbar werden lassen. Ein schwieriges Verhältnis etwa hatte die in linken Kreisen verkehrende Künstlerin zu ihrem konservativen Vater.

Den Zweiten Weltkrieg erlebt Jansson als einschneidendes, bedrohendes Ereignis. Ihr Malstil verändert sich: „Der Krieg zieht sich wie ein Bruch durch das Werk, das vorher surrealistische und mystische Tendenzen aufweist. Dann malt sie wieder realistischer“, so Fritze. Der Krieg beeinflusst Tove Jansson auch in der Entscheidung, keine Kinder zu bekommen: „Niemals Söhne. Niemals Soldaten“ schreibt sie in einem Brief an eine Freundin.

Später wird sie die durchstandenen Schreckensjahre in ihren Mumin-Geschichten verarbeiten. Ihre Biografin Boel Westin deutet etwa den „Komet im Mumintal“ in Janssons zweitem Buch als Kriegsmetapher. Der Komet, der auf das Mumintal zurast und die Zerstörungskraft einer Atombombe besitzt, droht die Fantasiewelt auszulöschen. Die Mumins, freundliche und naturverbundene Trolle, die Nilpferden ähnlich sehen, erleben in Janssons Geschichten viele Abenteuer. Die liebenswürdige Mumin-Mama – als Vorlage diente Tove Jansson die eigene Mutter – ist meist die Heldin. Auch die Erfinderin selbst und viele ihrer engsten Freunde tauchen als Alter Egos in den Büchern auf.

Je bekannter die Mumins werden, desto mehr Zeit kosten sie: Es gibt Adaptionen für Theater und Film, etwa von der Augsburger Puppenkiste, am bekanntesten sind aber die japanischen Animationen aus den 1990er Jahren. Es gibt Hörspiele, eine Muminoper 1974 und sogar eine Anfrage von Walt Disney – doch Tove Jansson lehnt dankend ab. Großen Wert legt sie darauf, dass ihre Werke nicht verändert werden, was aber doch passiert, etwa um sie kindgerechter zu machen. Zur Frankfurter Buchmesse, deren Gastland Finnland ist, werden die Mumin-Comics in sechs Bänden neu herausgegeben. Zudem erscheint von Tuula Karjalainen, die auch die Ausstellung in Helsinki kuratiert hat, die Biografie der 2001 verstorbenen Künstlerin.

Je größer der Erfolg, desto stärker der Wunsch sich zurückzuziehen, um ungestört zu arbeiten. In ihrem Paradies, dem Schärengarten vor Porvoo, wo sie als Kind oft war, kauft sie sich eine Insel. Auf Klovharu verbringt sie nun die Sommer mit ihrer langjährigen Partnerin, der Grafikerin Tuuliki Pietilä. Sie arbeiten, basteln Mumin-Figuren, fahren Boot. In der Ausstellung ist zu sehen, wie Tove Jansson auf ihrer Insel tanzt und im Meer schwimmt – mit Geburtstagskranz im Haar. Vielleicht, werden sich einige bei diesen Bildern sagen, existiert das Mumintal ja doch.

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