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22. Januar 2013

Trainierte Frauen: Arme lügen nicht

 Von Henriette Kuhrt
Mit ihren berühmten Armen tanzt Michelle Obama mit ihrem berühmten Mann, US-Präsident Barack Obama. Foto: dpa

Bei der Amtseinführung trug Michelle Obama ein ärmelloses Kleid – mit ihren wohlgeformten und trainierten Bizepsen liegt die First Lady einmal mehr im Trend. Doch der gefällt nicht jedem.

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Wochenlang wurde in den USA darüber spekuliert, welches Kleid Michelle Obama am Abend der zweiten Amtseinführung ihres Mannes tragen werde. Wird es gelb oder blau? Voluminös oder schlicht? Blumen oder Pailletten? Alle Fragen, die das Kleid der First Lady betrafen, waren offen, nur eines war sicher: Michelle Obama wird ärmellos auf dem Washingtoner Parkett auftauchen. Wie fast immer, wenn sie zu offiziellen oder festlichen Anlässen kommt, zeigte Michelle Obama ihre wohlgeformten Oberarme – so auch an diesem Abend in einem roten schulterfreien Kleid des Designers Jason Wu.

Und sie ist mit diesem Look nicht allein. Ein Blick auf den roten Teppich bei der Golden-Globe-Verleihung zeigt, dass die Arme Klassiker wie Dekolleté, Beine oder Po verdrängt haben. Und in der Novemberausgabe der US-Vogue zeigte sich die Popsängerin Rihanna ebenfalls armfrei. Arme, Arme, überall schlanke, sportliche Oberarme; sie entsprechen dem neuen Schönheitsideal. Wie kam es dazu?

Als Madonna 2008 anlässlich ihrer „Sticky and Sweet“-Tournee Oberarme präsentierte, die aussahen, als würde sie den Tourbus selber beladen, fiel die internationale Reaktion äußerst gehässig aus: Diese Frau sei angsteinflößend hieß es, männlich, ekelhaft. Und ihr Ex-Mann Guy Ritchie trat nach der Scheidung noch einmal nach: „Sie fühlt sich an wie ein Stück Knorpel.“

In jenem Jahr betrat auch Michelle Obama die Weltbühne, und auch ihr definierter Bizeps wurde zunächst ebenfalls als beängstigend wahrgenommen. Eine Kontroverse über ihren Stil begann. Sah die neue First Lady in ihren ärmellosen Designerkleidern nicht zu aggressiv aus? Ein Jahr später widmete das Magazin New Yorker Michelle Obamas Armmuskeln einen ganzen Artikel. Darin werden sie als das Produkt von Ehrgeiz, harter Arbeit und Selbstachtung betrachtet – lauter Attribute, ohne die diese Arme nicht möglich gewesen wären und die sich sehr gut mit dem Image der kultivierten, intelligenten und modernen First Lady in Einklang bringen ließen. Plötzlich steckte in einem gesunden Bizeps ein gesunder Geist, der Personal Trainer der First Family wurde selber zu einem Star, und Fitnessstudios boten Workouts mit dem Namen „Michelle-Obama-Push-Up“ an. Es passt so gut auch zu Michelle Obamas „Let’s Move“-Kampagne, mit der sie ihren Landsleuten nicht nur das gesunde Essen, sondern auch körperliche Ertüchtigung nahe legte.

Zeichen weiblicher Stärke

Doch trotz der zunehmenden Beliebtheit des nackten Oberarms bleibt er doch ein für manche beängstigendes Zeichen weiblicher Stärke. Besonders gut war das jüngst im Zusammenhang mit der pikanten Affäre von General David Peträus und seiner Geliebten und Biografin, Paula Broadwell, zu sehen. Fast immer wenn sie im Fernsehen auftrat, sah man ihre nackten, durchtrainierten Arme.

Es schien so, als habe Paula Broadwell die Sex-Arme noch einmal neu erfunden; von der subtilen Erotik einer Präsidentengattin war wenig übrig, wenn sie mit ihren weit ausgeschnittenen Halterneck-Oberteilen auftrat. An Zufall ist dabei kaum zu glauben, eine Harvard-Absolventin, die Expertin für Terrorabwehr ist und für den Ironman trainiert, weiß genau, was sie tut. Denn nackte Arme sind perfekt dazu geeignet, in Situationen, in denen hauptsächlich der Oberkörper wahrgenommen wird, eine starke erotische Wirkung zu verbreiten, ohne dabei das amerikanische Prüderiebedürfnis zu verletzen.

Gleichzeitig sind fettfreie Oberarme ein Statussymbol der besonderen Art. Jedes Fitnesscenter bietet BBP-Kurse an, um die sogenannten Problemzonen „Bauch, Beine, Po“ zu bearbeiten – hier setzen Frauen als erstes an, wenn sie ihren Körper in Form bringen wollen. Die Arme sind so lange zu vernachlässigen, bis Hüften, Taille und Oberschenkel sich in einem zufriedenstellenden Verhältnis befinden – also in einer fernen Zukunft, die bei den meisten Frauen niemals eintreten wird, solange sie sich nicht einem täglichen Fitnessprogramm unterwerfen. Nur wer ohnehin schon perfekt geformt ist, hat noch Kapazitäten, sich um die Optimierung der Arme zu kümmern.

Zivilisatorischer Luxus

Nichts verweist so deutlich auf die rigorose Einstellung einer Frau zu ihrem Körper wie fitte Oberarme; sie sind ein zivilisatorischer Luxus in einer Welt voller „Bingo Wings“, den Speckflügeln an den Oberarmen, benannt nach den Armen untrainierter Rentner im Freizeitmodus.

Kein Wunder, dass die Medien sich auf Paula Broadwells Arme stürzten. „Ich konnte mich gar nicht mehr auf das Interview konzentrieren“, gab der TV-Moderator Jon Steward nach einer Sendung mit der Autorin zu, und der Boston Globe fragte: „Sind die Arme das Fenster zur Seele?“

Die Antwort kam von Teresa Winstead, einer Fitnesstrainerin mit Soziologieabschluss: Ja, hinter solchen Armen stehe ein bestimmter Persönlichkeitstyp, und mit dem sei nicht zu spaßen. „Um solche Muskeln zu kriegen, muss man getrieben sein; getrieben und ambitioniert.“

Spricht aus dieser Sichtweise wieder das vermeintliche kulturelle Unbehagen gegenüber der starken Frau? Nein. Paula Broadwell, Michelle Obama und die schulterfreien Ladys auf dem roten Teppich haben das Schönheitsideal des Moments geschaffen: Eine Frau ist nicht mehr dann attraktiv, wenn sie dünn ist, sondern wenn sie dabei stark ist.

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