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Regisseur mit 49 gestorben: Trauer um Christoph Schlingensief

Er war an Lungenkrebs erkrankt und hatte doch Pläne bis fast zuletzt. Jetzt starb der Film- und Theaterregisseur Schlingensief im Alter von 49 Jahren. Weggefährten, Künstler und Politiker trauern.

Christoph Schlingensief wäre im Oktober 50 Jahre alt geworden.
Christoph Schlingensief wäre im Oktober 50 Jahre alt geworden.
Foto: dpa

Berlin. Christoph Schlingensief ist mit 49 Jahren an Krebs gestorben. Er gehörte zu den bedeutendsten Regisseuren der Gegenwart und hat wie nur wenige die deutschsprachige Film- und Theaterwelt gleichermaßen irritiert wie beflügelt. Vom Underground-Kino kommend, wurde das Enfant terrible der deutschen Kulturszene zum Aushängeschild für provokante Theater- und Operninszenierungen. Künstler und Politiker reagierten erschüttert auf den Tod.

Schlingensief starb am Samstag im Kreis seiner Familie in Berlin, wie seine Ehefrau Aino der Nachrichtenagentur dpa sagte. Er war Anfang 2008 an Lungenkrebs erkrankt und operiert worden. Darüber erstattete er ausführlich in dem bewegenden „Tagebuch einer Krebserkrankung“ Bericht.

Nach Rückschlägen ging es Schlingensief, der zuletzt im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg lebte, dann wieder besser. Die gesundheitliche Fortschritte animierten ihn auch wieder zu neuen künstlerischen Aktivitäten. Mit ihnen verarbeitete er gleichzeitig seine Krebserkrankung auf der Bühne. Diese Produktionen wie „Mea culpa“ oder „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ am Wiener Burgtheater und bei der Ruhrtriennale hatten 2008 und 2009 große Beachtung gefunden.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sagte, mit Schlingensief verliere die Kulturszene einen ihrer vielseitigsten und innovativsten Künstler. Der Theatermacher und ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele, Frank Baumbauer (64), würdigte Schlingensief als „großartigen Wachrüttler“. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit sagte: „Ein großer Theatermann verlässt die Bühne.“ „Ich bin tief erschüttert, schockiert und traurig“, sagte die Bayreuther Festspielleiterin Katharina Wagner.

2009 gehörte der Regisseur auch zur Jury der Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Im Mai 2010 inszenierte er das Opernprojekt „Via Intolleranza II“ nach Luigi Nono in Brüssel und anderen Orten. Zuletzt hatte Schlingensiefs überraschende Berufung zur künstlerischen Gestaltung des deutschen Pavillons bei der Biennale in Venedig 2011 Aufsehen erregt - für ihn selbst „eine Überraschung, eine Freude, aber auch eine schwere Last“. An der Pressekonferenz zur Vorstellung seiner Pläne hatte er Anfang Juli in Frankfurt am Main aber krankheitsbedingt nicht teilnehmen können.

Auch eine Produktion für die Ruhrtriennale („S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken“) musste Schlingensief in diesem Sommer absagen. In einem Brief an sein Team nannte er als Begründung „neue Befunde“ in seinem Krankheitsfall - „ein paar harte Neuigkeiten“. Sein letzter Traum aber hieß Afrika mit einem eigenen „Festspielhaus“ in Burkina Faso, wozu er sogar unter dem Motto „Von Afrika lernen“ Schützenhilfe vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler sowie Unterstützung durch das Goethe-Institut und die Bundeskulturstiftung und Prominente wie den Schriftsteller Henning Mankell oder Sänger Herbert Grönemeyer erhielt.

Im Februar 2010 legte er den Grundstein dazu. Schlingensief sprach zuletzt lieber von einem „Operndorf“ mit Schule und Theatersaal, das kein „abgehobenes Bayreuth“ werden sollte, wie Schlingensief betonte, der von 2004 bis 2007 sein spektakuläres Debüt als Opernregisseur bei den Bayreuther Festspielen mit Richard Wagners Spätwerk „Parsifal“ gab, Wagners „Weltabschiedswerk“.

Der am 24. Oktober 1960 in Oberhausen geborene Christoph Maria Schlingensief galt als einer der bedeutendsten und oft auch provokantesten Regisseure und Aktionskünstler in der deutschsprachigen Kulturszene. Dabei hat der auch von Selbstzweifeln nie freie Regisseur sich in den letzten Jahren vehement dagegen gewehrt, stets als „Theaterprovokateur“ abgestempelt zu werden, wobei zu seinem Ruf Aktionen wie die auf „Big Brother“ anspielende Container-Installation „Ausländer raus - Bitte liebt Österreich!“ im Jahr 2000 in Wien beigetragen haben.

Die Visionen und Kunstvorstellungen Schlingensiefs erinnerten manchmal an den Aktionskünstler Joseph Beuys (1921-1986) mit dessen „erweitertem Kunstbegriff“. Er war auch eines der großen Vorbilder des Regisseurs. Und ähnlich wie Beuys wurde auch Schlingensief, wie es ein Kritiker schrieb, von den einen als „nervtötender oder auch begnadeter Selbstdarsteller“ oder gar „Spinner“ und von den anderen als „Lichtgestalt unter all den Energiesparlampen“ in der Kulturszene angesehen.

Kritiker waren zuweilen uneins darüber, ob Schlingensief nur um der Provokation willen provoziere oder vielleicht doch zu den „letzten deutschen Moralisten“ zählte. Oft und gerne überschritt er die Grenze vom Theater zur Politik, etwa als er auf der Kasseler Dokumenta 1997 ein Plakat mit der Aufschrift „Tötet Helmut Kohl“ präsentierte und von der Polizei vorübergehend festgenommen wurde.

Aus einem nach seiner eigenen Schilderung kleinbürgerlichen Elternhaus in Oberhausen im Ruhrgebiet hatte der Sohn eines Apothekers und einer Kinderkrankenschwester schon früh zur Kunst gefunden. Als Gymnasiast gründete er das Jugendfilmteam Oberhausen und realisierte mehrere Dokumentarfilme. Nachdem er sich zweimal vergeblich an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film beworben hatte, nahm er in München ein Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte auf, das er nach sieben Semestern abbrach.

Eine Episode blieb seine Tätigkeit als Aufnahmeleiter der TV-Serie „Lindenstraße“, eine „grauenvolle Erfahrung“, wie er später bekannte. Bekannt wurde Schlingensief vor allem mit seinen frühen Filmen „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990), „Terror 2000 - Intensivstation Deutschland“ (1992) und der TV- „Talkshow 2000“ sowie mit seinen Theaterinszenierungen.

Seinen Durchbruch als Theaterregisseur hatte Schlingensief in den 90er Jahren an Frank Castorfs Berliner Volksbühne mit Inszenierungen wie „100 Jahre CDU“ oder „Rocky Dutschke, 68“, wobei er auch Laien und Behinderte einsetzte, die bis zuletzt zu seinem engeren Ensemble gehörten - „Du bist wie ich“, sagte Schlingensief einmal zu einer seiner behinderten Darstellerinnen, „wir sind alle krank“.

Im Sommer 2009 heiratete der krebskranke Schlingensief im brandenburgischen Hoppenrade seine langjährige künstlerische Mitarbeiterin Aino Laberenz. Im Mai 2010 sagte der an Lungenkrebs erkrankte Schlingensief in einem Interview, er wisse seit einigen Monaten, dass er neue Metastasen habe. Durch den Krebs sei „alles in den Boden gerissen worden“. (dpa/ddp)

Datum:  21 | 8 | 2010
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