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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

08. Dezember 2010

Traum-Labor: Schlafes Schwester

 Von Anna Sarah Berger
Unsere Autorin gut verkabelt im Schlaflabor.  Foto: Andreas Arnold

In Heidelberg gibt es ein Labor, in dem Menschen versuchen, ihre Träume zu kontrollieren. Kann das funktionieren? Ein Selbstversuch von Anna Sarah Berger.

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Elektroden kleben an meinem Kopf und hinter meinen Ohren. Auch neben den Augen habe ich Elektroden. Zwei weitere haften an meinem Kinn. Ihre rot-schwarzen Kabel sind in meinem Nacken zu einem Zopf zusammengebunden. Jedes Mal, bevor ich mich auf dem schmalen Bett umdrehe, hebe ich den Kabel-Zopf vorsichtig an. Neben mir, auf dem Nachttisch, rauscht ein Lautsprecher. Ich versuche das Geräusch zu ignorieren. Und kann es nicht. Ich bin schlaflos im Schlaflabor.

Das Labor liegt im Untergeschoss des Heidelberger Instituts für Sportwissenschaft. Eine Kammer mit Wänden aus Schaumstoff, der sämtliche Geräusche verschluckt. Hier will ich eine uralte Menschheitsphantasie verwirklichen: die Kontrolle über die eigenen Träume zu erlangen. Im Schlaf möchte ich mir bewusst machen, dass ich träume, und dann den Traum steuern. Wem es gelingt, die Regie über das nächtliche Kopfkino zu übernehmen, der kann fliegen, Alpträume bewältigen oder mit der heimlichen Liebe das Bett teilen. Keine Grenzen. Keine Tabus. Einen Klartraum nennen das Laien. Als luzides Träumen bezeichnen es Fachleute – wie Doktor Daniel Erlacher.

Erlacher sitzt ein Zimmer weiter vor einem Monitor und beobachtet die Messlinien, die von den Elektroden auf den Bildschirm gezeichnet werden. Der Heidelberger Sportwissenschaftler erforscht das luzide Träumen. Er will beweisen, dass man Bewegungsabläufe im Klartraum trainieren kann. Sollte das gelingen, könnten Skispringer in Zukunft träumend ihren Absprung perfektionieren, verletzte Fußballer sich im Schlaf regenerieren. „Viele Sportler betreiben mentales Training, weil sich Bewegungsabläufe durch Vorstellung verfeinern lassen“, sagt Erlacher. Motorisches Lernen im Traum sei noch effektiver, ist der 37-Jährige überzeugt. Schließlich seien beim Träumen mehr Hirnareale aktiv und „mehr neuronale Aktivität könnte einen größeren Lernfortschritt bringen“.

Doch bevor Spitzensportler zu ihm pilgern, muss Erlacher mit träumenden Studenten vorlieb nehmen. Und mit mir. Leider bin ich keine gute Testperson. Ich schaffe es nämlich nicht, einzuschlafen. Oder, besser: Ich habe zu viel Angst davor, nicht einzuschlafen, als dass ich einschlafen könnte. Natürlich finde ich noch viele andere Gründe: Mal ist mir zu kalt, dann zu heiß. Die Luft ist trocken und ich habe Durst. Das Bett ist zu klein, die Matratze viel zu hart. Wie lange bin ich eigentlich schon wach? Ich atme durch, schließe die Augen. Mein Hirn hört nicht auf zu denken.

Dabei habe ich zur Vorbereitung sogar ein Traumtagebuch geführt, habe alle meine Träume notiert, über Wochen. Wenn man sich die Notizen einpräge und dann etwas träume, das man so schon einmal geträumt habe, sagt Erlacher, könne man den Traum als solchen entlarven.

Das Tagebuch ist Teil der „Wake-back-to-bed“-Methode. Erfunden wurde die von Stephen LaBerge. Der US-Schlafforscher bewies Anfang der 80er, dass es möglich ist, seine Träume zu kontrollieren. Dafür überwachte er den Schlaf erfahrener Klarträumer und verabredete mit ihnen, zweimal nach rechts und nach links zu schauen, sobald sie luzide waren. Während der traumreichsten Phase der Nacht, dem REM-Schlaf, zucken die Augäpfel eigentlich unkontrolliert hin und her. Die Augenbewegung, die LaBerge schließlich während der REM-Phase der Klarträumer beobachtete, unterschied sich signifikant von diesem Gezappel. Die „Wake-back-to-bed“-Methode orientiert sich an diesem Vorgehen: Der Schlafende wird nach sechs Stunden aus einer REM-Phase geweckt, muss den eben geträumten Traum aufschreiben und nach bizarren Situationen durchsuchen. Nach einer Stunde darf er sich wieder hinlegen. „In den folgenden zwei bis drei Stunden ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der Schlafende einen Klartraum hat“, sagt Erlacher. Im vergangenen Semester sei dies so immerhin sieben von zwölf Studenten in der Schlafkammer gelungen.

Ich schaue an die Decke. Über mir baumelt ein Mikrofon. Sobald ich hineinrufe, kommt Erlacher in den Raum. Vier Monate brauchte der Wissenschaftler selbst, bis er einen Klartraum hatte. Er spielte in der Küche Basketball gegen zwei hünenhafte Gestalten, als er merkte, dass etwas nicht stimmte. Man spielt in der Küche nicht Basketball gegen Riesen. Erlacher kehrte den Hünen den Rücken, öffnete das Fenster, stellte sich auf das Sims und begann zu fliegen.

Plötzlich merke ich, dass sich eine Elektrode von meiner Kopfhaut gelöst und in meinen Haaren verheddert hat. Ein guter Grund, um von dem Mikrofon Gebrauch zu machen. Das Licht geht an und Erlacher kommt in die Schlafkammer. Mit einer weißen Paste, die die Leitfähigkeit verbessern soll, klebt er die Elektrode wieder an meine Kopfhaut. Ein Glas Wasser bekomme ich auch noch. Danach schlafe ich sofort ein.

Bis Erlachers Stimme aus dem Lautsprecher neben dem Bett ertönt. Ich schrecke auf, die letzten Traumbilder sickern aus meinem Kopf. „Können Sie sich an Ihren Traum erinnern?“, fragt die Stimme. Ich forsche in meinem Hirn. Da ist nichts mehr. Es fühlt sich an wie ein Blackout, das einem vor einer schweren Prüfung alles Gelernte aus dem Kopf saugt. Nur ganz entfernt erinnere ich mich an ein Lachen, bunt gefärbtes Laub, eine milchige Herbstsonne und ein Fahrrad. Aber vielleicht spielt mir mein Einbildungsvermögen auch einen Streich.

Das Traumtagebuch. Ich schreibe mir den Traum auf und untersuche ihn auf bizarre Situationen. Nach einer Stunde liege ich wieder im Bett. Wie geplant. Aber leider immer noch wach. Wieder kommt mein Hirn nicht zur Ruhe. Ich muss daran denken, dass man mit luzidem Träumen Albträume loswerden kann. Wenn der Schlafende lebensbedrohliche Gestalten als Traumfiguren erkennt, verlieren die ihren Schrecken. Ich sollte aufhören zu denken. Ich muss. Wieso ist es hier so heiß?

Irgendwann drifte ich in einen leichten Schlaf. Ich träume von dem großen Übungsraum, der sich vor der Schlafkammer befindet. Ich sitze vor dem Monitor und beobachte die grünen Messlinien. Plötzlich fällt mir auf, dass ich nicht ich bin, sondern Daniel Erlacher. Ich beschließe, das zu ändern, und schlüpfe zurück in meinen Körper. Ich frage Erlacher, ob ich träume. Doch die Traumfigur antwortet mir nicht. Sie streckt mir die Zunge raus und tanzt in clownesker Manier rückwärts aus dem Raum.

Erlachers Stimme holt mich zurück in die Realität: „Sie sind jetzt seit anderthalb Stunden wach.“ Ich bin fassungslos. Hatte ich nicht eben geträumt? Später zeigt mir Erlacher die Messung der Elektroden. Nur hin und wieder sind Hinweise dafür zu erkennen, dass ich kurz eingedöst bin. „Es gibt Menschen, die sich in den Schlaf träumen“, erklärt mir Erlacher. Da die elektrische Aktivität des Gehirns in der Einschlafphase jedoch zu hoch ist, kann diese Art von Träumen nicht eindeutig als Klartraum gewertet werden.

Es ist halb elf Uhr morgens, als ich aus dem Labor komme. Das Wetter passt zu meiner Stimmung: Ein grauer Wolkenbrei wabert über den Himmel. Die Vorstellung, meine Alpträume nicht bis zum bitteren Ende ausbaden zu müssen und stattdessen fliegen zu gehen, wird vorerst ein Tagtraum bleiben.

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