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25. März 2016

Trobriand-Inseln: Reichtum zeigt sich durch Großzügigkeit

 Von Sabine Vogel
Die Trobriand-Inseln - Der Anthropologe Bronislaw Malinowski kam 1915 und lebte drei Jahre lang dort.  Foto: Sabine Vogel

Glückliche Menschen, freie Liebe, geldloser Tauschhandel – was ist geblieben vom romantischen Südsee-Paradies auf den Trobriand-Inseln? Eine Reise auf den Spuren der Freundschafts-Ökonomie.

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Sind wir hier in Fettland? Die Männer haben dreilagige Speckwülste im Nacken und Füße wie Flossen, ihre Frauen hauen sich schon in aller Frühe mit Mayonnaisetoasts voll, die übergewichtigen Kinder futtern tütenweise Junkfood. Vier Mal die Woche fliegt Air Niugini von Port Moresby, der Hauptstadt von Papua Neuguinea, auf die Trobriand-Inseln. Passen diese Einheimischen überhaupt in die Sitze, und sind sie nicht auch bekannt dafür, besonders brutale Krieger zu sein? Aber in der Dash 8 ist genug Platz für alle, und die braunen Kolosse erweisen sich als überaus liebenswürdig.

Eine hellblaue Baracke ist die Ankunftshalle der Insel Kiriwina. Am Maschendrahtzaun wartet ein gut 200-köpfiges Empfangskomitee. Seine Mitglieder bieten Taschen aus Palmbast und verzierte Kalebassen feil, dick ist hier keiner. In der Lodge sitzt Alice an der Rezeption. „Internet Cafe“ steht darüber, obwohl es auf der ganzen Insel kein Internet gibt, nie gab. Es gibt auch kein Fernsehen, keine Computer, und die Telefonverbindungen funktionieren nur sporadisch.

Die Stadt Losuia, einfach „station“ genannt, besteht aus einem Pier, einer Grundschule, einer Polizeiwache, zwei Kirchen, einem Bolzplatz und ein paar großen Bäumen. In ihrem Schatten findet der Markt statt. Frauen mit Kleinkindern auf dem Schoß kauern auf der Erde, auf einem Stück Pappe Yams, Süßkartoffeln, Brotfrucht, Kürbisse, Wassermelonen, grüne Tomaten und Mangos. Männer verkaufen Tabak, zu Zöpfen geflochten, in Häufchen und in Zeitungspapier zu Zigaretten gerollt. Alle kauen Betelnüsse. Das färbt Spucke und Zähne rot, die abfaulenden Stummel und das Zahnfleisch schwarz. Statt aufzuputschen scheint das Betel die Leute in eine zeitvergessene Apathie zu versenken. Sie sind teilnahmslos in einem heiter dumpfen Nirgendwo.

Auch der Häuptling im Dorf Omarakana interessiert sich nicht besonders für unseren Besuch. Daniel Pulayasi, der „Paramount Chief“, sitzt mit untergeschlagenen Beinen auf einem Plastikstuhl vor seiner schäbigen Hütte. Eine Frau wirft eine Bastmatte auf den glattgestampften Boden, auf der wir uns protokollgemäß zu Füßen des Obersten niederlassen. Dummerweise haben wir keine Gastgeschenke dabei. Unser Führer fordert die später als Bargeld ein. Sonst drohe ihm der Fluch des Chefs. Um das zu untermauern, apportiert er den Reiseführer „Lonely Planet“, dort stehe das schließlich schwarz-auf-weiß drin.

 Foto: Sabine Vogel

Zu den staubgrauen Füßen des Chiefs lässt sich auch dessen erste Gattin nieder. Sie trägt T-Shirt und einen knielangen Rock und hat eine hübsche Seiltasche aus dem Hochland von Papua-Neuguinea, wo die Deutschen während ihrer Kolonialherrschaft den Kaffee einführten. Die erste Cheffrau hat „nur fünf Kinder“, der älteste Sohn ist Hubschrauberpilot bei der Armee. Der kann dann Hilfsgüter abwerfen, wenn die Magie des Chiefs als oberster Wettermacher nicht mehr ausreicht, um endlich Regen zu schicken. Zur Strafe für unsere heidnische Ignoranz schüttet es danach jeden Tag.

Fast unauffällig hängen an einem Balken der Hütte eine tellergroße Soulava und eine Mwali, ein Armreif und eine Halskette aus verzierten Muscheln. Das sind die Kronjuwelen! Diese Zeichen der Würde des Chefs sind zugleich die wertvollsten Tauschgegenstände des „Kula-Rings“. Es gibt ihn also noch, diesen legendären Brauch des Ringtausches! Deswegen sind wir hier. Teilen und Tauschen, das ist im Sommer 2016 in Weimar das Thema eines Symposiums des Goethe Instituts. Und wir, ein Künstler aus Australien, ein Autor aus der Schweiz und ich, dürfen hier am Ende der Welt herausfinden, was von der vorkapitalistischen Freundschafts-Ökonomie noch lebendig ist.

Seit Urzeiten werden die prächtigen Muschelgeschmeide über die kleinen Inseln des Korallenarchipels weitergereicht. Der Armreif wandert gegen den Uhrzeigersinn, das Halsgehänge andersherum. Jedes Objekt wird verehrt, jedes hat seine Geschichte, jeder der Tauschpartner kennt seine vorherigen Besitzer und ist mit ihnen auf immer verbunden. Das ist eine Art Sozialversicherung.

Dieses vorstaatliche Gesellschaftssystem des Ringtausches der eigentlich wertlosen Muschelschmuckstücke wurde vor fast genau 100 Jahren durch den Anthropologen Bronislaw Malinowski erforscht. Und der wohnte im Dorf Omarakana bei dem Vor-Vorläufer des jetzigen Chiefs. Eine Steinplatte erinnert an den „Tolibwoga“, den Herrn der Geschichte, wie der Historiker hier genannt wurde. Malinowski war im August 1915 auf Kiriwina angekommen – und kam als „feindlicher Ausländer“ der Briten erst mal nicht wieder weg. Aber was könnte es Besseres geben, als den Weltkrieg daheim unterm Palmdach des Häuptlings in Gesellschaft barbusiger Frauen auszusitzen.

Malinowski blieb drei Jahre, lernte die Sprache Kiriwinisch, studierte die Bräuche, die matrilineare Erbfolge der Eingeborenen, die den Frauen die Hoheit über die Kinder und die Yamsgärten gibt. Das hängt mit der freien Sexualität zusammen: Weil die jungen Leute es ab Geschlechtsreife kreuz und quer miteinander trieben, blieb die Rolle der Erzeuger lange Zeit unbekannt, zumindest war unklar, wer der Vater des jeweiligen Nachwuchses war, deshalb gehörte der zur Mutter. Das ist bis heute so, aber die paradiesische Nacktheit ist bedeckt und die aufreizenden Baströckchen werden nur noch zu besonderen Festivitäten angezogen. Aber der Mythos von den „glücklichen Inseln“ hatte durch Malinowskis Beschreibungen eine quasi wissenschaftliche Grundlage bekommen.

Unser Lodge-Bully parkt direkt neben dem Gedenkstein für Malinowski, im Nu finden sich junge Männer ein und bieten geschnitzte Salatschüsseln mit Perlmutt-Intarsien feil. Die kleinsten Kinder streicheln über das Autoblech, besonders die roten Rücklichter haben es ihnen angetan. Beim abendlichen Dosenbier räsoniert der Künstler über den Kula-Tausch als Metapher für den Kunstmarkt. Auch da gehe es um symbolische Werte, die nach irrationalen Kriterien in eine andere Währung umgetauscht würden. Dann reisen der Künstler und der Autor ab. Jetzt bin ich allein, die einzige Touristin, der letzte „Dimdim“, wie Weiße hier heißen, zum Verspotten, Nachäffen, Verfolgen, Anfassen, Abzocken oder Angaffen.

 Foto: Sabine Vogel

Die Schotterstraße verläuft parallel zum Meeresufer durch die tropische Vegetation. Autos gibt es auf der ganzen Insel etwa 30. Mangrovenbäume verschatten dunkle Pfuhle. Sind das Krokodile? Nur ein paar nackte Männer beim Planschen, die vor Schreck aufkreischen. Ein kleiner Herr schließt zu mir auf. Wir kommen an einer katholischen Missionsstation vorbei, einer verwaisten Volksschule und einem verrammelten Frauenhaus. Die Baracke sei dafür da, dass die Frauen zusammen kochen und Bastmatten und Körbe für die Touristen flechten. Geschenk einer wohlmeinenden Hilfsorganisation. Onesimus, so heißt mein Weggefährte, führt mich durch sein Dorf. Es ist so dicht besiedelt, dass zwischen den Stelzenhütten nur schmale Durchgänge sind. Der Erdboden ist vom Regen aufgeweicht. Schweine wühlen im Schlamm. Im Dorfzentrum steht das gut fünf Meter hohe Yams-Haus des Chiefs. Da kommen die dicksten Knollen rein. Wenn die Ernte gut war, gab es ein großes Dorffest, die Männer stachen in See, um Muscheln, Yams, Schweine und Fische zu tauschen, und die Frauen, so geht der Südseetraum, fielen über die verbliebenen und besuchenden Männer her. Onesimus‘ Vater, Ketobwau, hat die Dekorationen für das Yams-Haus geschnitzt und bemalt. Er gehörte also zu den Eingeweihten des Kula-Rings. Wie auch sein Sohn.

Bevor ich am Sonntag zur Kirche aufbreche, gibt es harte Eier und dicke Bohnen aus der Dose. Onisemus nimmt das neue Notizbuch an und fragt, ob ich den Kugelschreiber nicht auch übrig hätte. Die demonstrative Gleichgültigkeit beim Geben und Nehmen der Geschenke beschreibt schon Malinowski. Mit der gespielten Verachtung gegenüber der Gabe zeigt man nämlich, dass sein Besitz einem nichts bedeutet. Nach einem weiteren Frühstück aus Yams-Knollen und geräucherten Fischköpfen beginnt der Gottesdienst. Männer links, Frauen rechts, Kinder werden in Reihen der Größe nach aufgestellt. Vorne singt ein Chor zu Gitarren, Mädchen schwingen Tambourins. Man gospelt sich in Stimmung, bis der Spirit of the Lord aus den Seelen klingt. Dann tritt der fette Priester Ignatius vom Festland in weißer Kutte auf. Die Hutzelweibchen des Dorfes tragen weiße Baumwollkleider mit Puffärmeln. Einige haben ein Gesangbuch oder eine stockfleckige Bibel dabei. Wahrscheinlich die einzigen Bücher weit und breit. Von der tresenartigen Kanzel fordert der Pfaffe die Gemeinde zum gottgefälligen Leben auf, dann dankt er, oh Gott!, den Deutschen, und ich muss vom Ehrenplatz auf dem Alte-Männer-Podest huldvoll zurück danken. Inbrünstig werden noch ein paar Lieder gesungen, dann darf ich am Ausgang den mindestens 500 Kirchgängern segnend die Hand schütteln. Danach gongt es und es gibt Yams-Knollen und mehr melancholische Lieder.

Ich nehme ihre Bilder, ich nehme ihr Essen, was gebe ich? Nachdem ich einen Geldschein abgedrückt habe, mache ich mich auf einem Trampelpfad durch die Yams-Felder des Dorfes davon. Vögel singen, Affen schreien. Gibt es nicht auch Giftschlangen hier? Nur Pythons, davon weiß ich da zum Glück noch nichts. Zurück in der Lodge lasse ich mich, nach Landessitte voll angezogen, in die Lagune plumpsen. Das Wasser ist lauwarm, die Sonne geht blutrot im Stillen Ozean unter. Der Koch sprüht Insektengift gegen die roten Ameisen herum. Alice moppt die Teakholzdielen und erzählt von einer Chinesin in der Nähe, die mit einem Schriftsteller verheiratet ist.

 Foto: Sabine Vogel

John Kasaiwpwalowa schreibt nicht mehr.  Seitdem er 1972 in Post-68er-Studentenunruhezeiten geriet und sein australisches Visum nicht mehr erneuert wurde, ist er Gärtner. Gerade hat er eine Schule für Meisterschnitzer gegründet. 22 Schüler, alles sehnige, dünne Männer, kauern im Kreis vor dem Obermeisterschnitzer. Der muss uralt sein, die Echsenhaut schlottert um seine Rippen. Der einzige Plastikstuhl wird herangeschafft, mein Tabakzopf vom Markt ist willkommen. Wer kreativ sein will, muss rauchen, sagt John, schneidet ein Stück vom Zopf ab und reicht ihn in die Runde. In eine nagelneue Hütte zieht gerade John ein. Der schottische Abenteurer mit dem riesigen roten Zinken im Gesicht ist Agro-Ingenieur und will helfen, die Landwirtschaft zu verbessern. Die Bevölkerung wächst rapide, von 20 auf 40 000 seit der Jahrtausendwende, schätzen die Johns. Zum Ernährungsengpass komme hinzu, dass die Kinder jetzt zur Schule müssen, statt auf den Feldern mitzuhelfen. Immerhin hat die Regierung das Schulgeld abgeschafft. Die Schnitzer haben mit der Motorsäge ein Stück Stamm zurechtgesägt, ein Motiv aus einer Volkslegende soll geschnitzt werden. Salatschüsseln sind tabu.

John geht es darum, die Weisheiten der Alten und ihre elaborierte Handwerkskunst zu bewahren, sei es als Folklore, als Volks-Legende. Tradieren, Tradition kommt von Trade. Handeln war immer auch das Herstellen einer sozialen Beziehung. Und natürlich gehört John zum Zirkel der höheren Kulaner. Vom Dachfirst der neuen Hütte baumeln zwei federleichte Holzwimpel. Es sind magische Objekte, die dem Empfang wie dem Senden, dem Reflektieren oder Weiterleiten von Botschaften dienen. Nur der Eingeweihte (oder sollten wir sagen: der Aufmerksame) kann die Botschaft wahrnehmen.

Am palmengesäumten Postkartenstrand von Kaibola im Nordwesten der Insel legen im Jahr 43 Kreuzfahrtschiffe an. Jedes spuckt rund 2000 Tagestouristen aus. Diese fast 100 000 Kurzbesucher sind die einzige Möglichkeit, Schnitzereien zu verkaufen. Dafür legen sich die Einheimischen ins folkloristische Zeugs. Baströckchen und Muschelketten werden vorgeholt, die Körper bemalt, Tänze mit Säbelrasseln und Grunzlauten aufgeführt. Die Szenerie der herausgeputzen Einheimischen erinnert an die Feste der Kula-Zeremonien. Statt der Kanus von den Nachbarinseln legen jetzt eben Urlaubertanker an, statt dem kollektiven Geprasse und den Orgien der freien Liebe ist nun der Gelderwerb das gesellschaftliche Ereignis. Die Cash-Ökonomie hat das Paradies der Tauschwirtschaft überholt – ohne einzuholen. Uns scheint, dass die Trobriand-Insulaner mit ihrem Vertrauen auf das gegenseitige Geben und Nehmen gegen die Härten der Geldwirtschaft besonders wehrlos sind. Der Kapitalismus kam wie eine „Mulukwausi“, eine fliegende Hexe, über sie. Alles, was sie selbst erzeugen, ist fast nichts wert. Für zehn Kina gibt es einen fünfpfündigen Thunfisch oder 100 Süßbananen, 50 Betelnüsse, 50 in Zeitungspapier gerollte Zigaretten, einen Tabakzopf, 20 Kokosnüsse, zwei Kilo Reis, zwei Liter Benzin oder eine Dose Bier. Nur ihre Bilder haben sie zu verkaufen. Fotos von Yams-Hütten müssen wir immer mit einer Gabe an den Mächtigsten, also den mit den wenigsten Zähnen, entgelten.

Im Dorf Katavaria jenseits der Mole erinnert ein Gedenkstein an das Auftauchen des ersten Missionars im Jahr 1884. Mit ihm kamen Krankheiten, sagt ein alter Mann, und Frieden. Der freien Liebe haben sie allerdings auch den Garaus gemacht. Den Missionaren der bis heute hier herumwildernden Kirchen, der Methodisten, Adventisten, Revivalisten, ist es gelungen, die Sünde einzuführen und Sexualität zu tabuisieren. Sie haben den „Unschuldigen“ die Scham vor dem nackten Körper gebracht, der nun mit lumpigen T-Shirts aus den Sweatshops der Welt bedeckt werden muss. Weil die Prediger inzwischen keine Fremden von außen mehr sind, sondern betelkauende Mitglieder des Clans, ist ihr Vernichtungsfeldzug gegen die traditionelle Kultur noch effektiver geworden.

 Foto: Sabine Vogel

Den einfachen Leuten, das muss eingeräumt werden, gefällt das Kirchenbrimborium. Es gibt Lieder, Essen, schöne Gemeinschaftsgefühle bei den Gottesdiensten. Was versprechen die Pfaffen für eine gottgefälliges Leben ohne freien Sex und nackte Brüste? Erlösung im Jenseits. Nur wer braucht das im Paradies? Das Jenseits ist eine Insel nebenan. Dort leben die Ahnen, manchmal kommen sie zu Besuch herüber. Es soll dort eine schweflige Quelle geben, wenn man aus ihr trinkt, kann man mit den Vorfahren sprechen. Aber die See ist zu stürmisch, niemand will mit mir die mehrstündige Reise zur Geisterinsel wagen.

An der Mole ankert ein rostiger Kutter. Er bringt Konserven und Kartons mit Brühwürfeln. Für den Gegenwert von drei Tonnen Thunfisch würde mich ein Jungpirat in einer Plastiknussschale mit Außenborder auf eine nähere Insel bringen. Ich kann sehr lange in der Gluthitze hocken. Dann lädt der Besitzer eines anderen Dingis mich zum lokalen Tarif ins Boot. (Der wahre Preis ist ein geschnitztes Salatbesteck, das ich einem Hungerleider abkaufen muss.) Die kurze Fahrt in den Süden von Kiriwina kommt mir gefährlich und ziemlich lang vor. „Und doch ist die See ein schrecklicher Ort“, schrieb Robert Louis Stevenson 1888, als er noch auf der Suche nach seiner glücklichem Insel Samoa war. Mitten in diesem riesigen Ozean – ein Drittel der Erdoberfläche – hört der Motor auf zu tuckern, in Zeitlupe geht es über Seegras durch die Lagune. Dann kommt das Dorf Sinaketa in Sicht. Ordentlich sind die hühnerstallkleinen Hütten auf Pfählen um den sauberen Rasenplatz gruppiert. Der Sand ist bis zur Uferkante hin wie ein japanischer Zengarten mit dem Rechen gefegt. Man schmeißt keinen Müll über die Hecke, wenn der Garten dahinter allen, also und auch einem selbst gehört. Das ist unser Zuhause, sagt ein Mann.

Auf dem ersten mit Palmblattgeflecht überdachten Podest studiert der Pfarrer seine zerfledderte Bibel. Daneben sitzt Mark Mwburi, er kommt sofort zur Sache: Sinaketa ist die wichtigste Station des Kula-Rings auf Kiriwina. Hier brachen die „Argonauten des westlichen Pazifik“, wie das Buch von Boris Malinowski heißt, zu ihren Kula-Exkursionen auf. Mark zeichnet in mein Notizbuch einen Kreis aus Inseln, auf dem die Mwali und die Soulava-Muschelstücke zirkulieren. Selbstverständlich ist auch er ein hohes Kula-Mitglied, er erzählt von der Magie und dem Vertrauen zwischen den Tauschpartnern. Was ist, wenn ein Partner zum Beispiel nach Australien geht und dort die Muschel verkauft? Dann ist der Ring gebrochen, und wenn er einen Zauber aussprechen und die fliegenden Hexen beauftragen könnte, dann würde er den Verräter umbringen lassen. Dazu lächelt Mark sanftmütig. Wie zum Beweis baumeln an einer staubigen Wellblechwand hinter ihm zwei kostbare Muschelreifen.

Meine Zeit auf der „glücklichen Insel“ geht zu Ende, Abraham von der Lodge bringt mich zum Flughafen. Vom Flugzeug keine Spur, zum Festland keine Leitung. Die Flughafenmanagerin kaut Betel, ein Flachmann mit Kaffeelikör wird herumgereicht. Meine Gabe wird unverzüglich in ein Sixpack lauwarmes Dosenbier umgesetzt und sofort verteilt. So realisiert sich zum Schluss noch einmal die lebendige Tradition des Kula-Rings: Was man geschenkt bekommt, darf man nicht für sich behalten. Mit Malinowskis Worten: „Das soziale System des Gebens und Nehmens setzt die Erwerbssucht außer Kraft.“ Reichtum zeigt sich durch Großzügigkeit, und „Knauserigkeit ist unmoralisch“. Die Gabe muss weitergereicht werden und in der Gemeinschaft aufgehen, und das heißt in unserem Fall: sofort vernichtet werden.

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