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Türkei: Rote Karte für das Schwulsein

Schiedsrichter Dincdag hat sich als Schwuler geoutet. Jetzt darf er keine Spiele mehr pfeifen. Homosexuelle klagen in der Türkei immer wieder über gesellschaftliche Diskriminierung. Von Gerd Höhler

Ich bin unfreiwillig zur Galionsfigur der Schwulenbewegung geworden, sagt Halil Ibrahim Dincdag, hier in Istanbul.
"Ich bin unfreiwillig zur Galionsfigur der Schwulenbewegung geworden", sagt Halil Ibrahim Dincdag, hier in Istanbul.
Foto: getty

"Schwuchtel, Schwuchtel" - mit solchen Sprechchören quittieren türkische Fußballfans in den Stadien gern vermeintliche Fehlentscheidungen eines Schiedsrichters. Halil Ibrahim Dincdag wird diese Rufe - zumindest auf dem Spielfeld - so bald nicht mehr hören. Denn der türkische Fußballverband hat den 33-jährigen Schiedsrichter vom Dienst suspendiert. Er darf keine Spiele mehr pfeifen - weil er schwul ist?

Der Verdacht liegt nahe. Denn Dincdag outete sich kürzlich als Homosexueller - ein mutiger, aber auch gewagter Schritt in der Macho-Welt des Fußballs, zumal in der Türkei. Hier ist Homosexualität zwar traditionell durchaus verbreitet, wie schon aus der Zeit der osmanischen Sultane belegt ist. Es ist ebenfalls keine Geheimnis, dass etliche Stars des türkischen Showgeschäfts Schwule oder Transsexuelle sind. Im Gegensatz zu den meisten anderen muslimischen Ländern ist Homosexualität in der Türkei auch nicht strafbar. Aber sie wird tabuisiert.

Zur Person

Halil Ibrahim Dincdag, 33, wurde vom türkischen Fußballverband vom Dienst suspendiert. Die offizielle Begründung: er sei nicht fit und untalentiert. Dincdag selbst glaubt, sein Outing als Homosexueller habe zu der Sperre geführt.

Um wieder spielen zu können, will Dincdag, der aus der Stadt Trabzon an der Schwarzmeerküste stammt, notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen.

Homosexuelle Männer und Frauen klagen immer wieder über gesellschaftliche Diskriminierung. Im vergangenen Jahr startete der Gouverneur von Istanbul den Versuch, die Schwulenorganisation "Lamda Istanbul" zu verbieten. Die Ziele des Vereins widersprächen den "moralischen Werten und der Familie", erklärten die Behörden. Der Gouverneur scheiterte allerdings mit seinem Verbotsantrag Ende April vor Gericht.

Organisationen wie KAOS-GL, die sich für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzen, berichten zwar, im Zuge der EU-Kandidatur und der damit verbundenen Reformen gebe es in der Türkei wachsendes Verständnis für die Anliegen Homosexueller. Viele türkische Schwule klagen andererseits, unter der seit 2002 amtierenden islamisch-konservativen Regierung unter Premierminister Recep Tayyip Erdogan hätten sich die Ressentiments merklich verschärft.

Der Fall Dincdag scheint das zu belegen. Dass er wegen seiner Homosexualität vom Militärdienst befreit wurde, kann Dincdag verschmerzen. Aber seine geliebte Schiedsrichtertätigkeit will er nicht aufgeben: "Ich habe doch kein Verbrechen begangen, und ich habe meinem Beruf auch keine Schande gemacht - ich habe nur erklärt, dass ich homosexuell bin", sagt er.

Der Fußballverband dementiert, dass Dincdag seine Schiedsrichter-Lizenz verlor, weil er schwul ist. Der Verband beruft sich auf eine Regel, wonach nur Schiedsrichter sein kann, wer auch seinen Militärdienst abgeleistet habe. Dincdag sei überdies "nicht fit" und ohnehin ein unbegabter Unparteiischer, der es wohl nie in die erste Liga schaffen werden, lautete die offizielle Begründung von Verbands-Vizepräsident Lutfi Aribogan.

Merkwürdig nur, dass dies den Verbandsfunktionären just in dem Moment auffiel, als sich der 33-Jährige outete. "Ich bin jetzt unfreiwillig zu einer Galionsfigur der Schwulenbewegung" geworden", sagt Dincdag, der sich über seine neue Berühmtheit aber nicht sonderlich freut: "Mein Leben ist seither zur Hölle geworden", sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

Nicht nur seine Schiedsrichterkarriere ist beendet, auch seinen Job bei einem Rundfunksender in seiner Heimatstadt Trabzon hat er verloren. Aus der erzkonservativen Stadt an der Schwarzmeerküste ging Dincdag inzwischen ins "selbstgewählte Exil", das weltoffenere Istanbul. Von der Stadt am Bosporus aus will der geschasste Schiedsrichter jetzt die Justiz bemühen, um seine Lizenz zurückzubekommen. "Notfalls gehe ich bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte", kündigt Dincdag an. Unterstützt wird er nach eigenen Worten von seiner Familie, vor allem von seinem Bruder, einem islamischen Geistlichen.

In der Sportschau des TV-Senders Habertürk sagte der suspendierte Schiedsrichter Dincdag: "Dies ist eine schwere Zeit für mich und meine Familie, aber leicht hatte ich es noch nie." Und er appellierte an die türkischen Schwulen: "Wehrt Euch, wenn Ihr unfair behandelt werdet - tut das, was für Euch richtig ist!"

Autor:  GERD HÖHLER
Datum:  22 | 6 | 2009
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