Die Diplomatinnen finden zwar Einlass, aber die meisten anderen Besucher müssen draußen bleiben. Das eine Dutzend Stühle im Gerichtssaal reicht nicht mal für die Prozessbeteiligten. Richter Kamil trägt eine schwarze Robe mit grüner Schärpe. Vor ihm liegen zwei große Stapel rosafarbener Aktenmappen. "Adalet Devletin Temelidir" steht in goldenen Buchstaben an der Stirnwand des Raumes: "Das Recht ist das Fundament des Staates". Darüber hängt eine Büste des Staatsgründers Atatürk. Richter Kamil rutscht ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her. Ihm ist das Gedränge sichtlich zuwider. Er lässt erst mal alle Pressevertreter vor die Tür setzen. Ein öffentliches Verfahren, wie es auch das türkische Recht vorschreibt, sieht anders aus.
Unter jenen, die draußen ungeduldig die Verhandlung abwarten, ist der 19-jährige Ishok Demir. Er ist in St. Gallen in der Schweiz geboren. Vor einigen Jahren ist seine Familie auf den Tur Abdin zurückgekehrt, "zu unseren Wurzeln", wie Ishok sagt. Neben den Ruinen des alten, vor Jahrzehnten verlassenen Dorfes Kafro haben etwa 20 Rückkehrerfamilien das neue Kafro aufgebaut. Die großen Villen des Dorfes zeugen davon, dass die Menschen nicht mit leeren Händen aus Europa in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehrten.
"Uns geht es gut, mir gefällt es hier - aber was nun mit dem Kloster passiert, das macht uns alle sehr betroffen, denn Mor Gabriel ist unser Mittelpunkt", sagt Ishok. "Es geht hier um mehr als einen Landdisput", meint auch Attiya Gamri. Sie floh als kleines Mädchen mit ihrer Familie vom Tur Abdin nach Holland. Jetzt ist die niederländische Politikerin zum Prozess erstmals in ihre frühere Heimat zurückgekehrt: "Das Kloster ist wie eine Brücke zwischen den syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei und in Europa - und diese Brücke soll zerstört werden." Die drei Dorfvorsteher, die den Prozess angestrengt haben, seien nur Randfiguren, glaubt Gamri: Hinter dem Verfahren stehe die islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan. "Sie will das Erbe einer der ältesten Kulturen der Welt zerstören." Derweil ist eine weitere Klage hinzugekommen, angestrengt diesmal von der Staatskasse Midyat: Sie beansprucht weitere zwölf Parzellen Klosterland, acht davon sogar innerhalb der Mauern der Abtei. Der Druck wächst.
Viel verpassen die Pressevertreter nicht, denen Richter Kamil die Tür gewiesen hat. Nach einer Viertelstunde ist die Verhandlung beendet. Wieder wird vertagt, auf den 4. März. "Das kann sich über viele Monate hinziehen, vielleicht sogar Jahre", seufzt Bischof Thimotheus. Er blickt vom Kloster über die kargen Hügel, von denen er nicht weiß, wem sie das Gericht zusprechen wird. "Die Landschaft hier ist wunderschön - aber die Menschen sind es nicht", sagt der alte Geistliche verbittert.
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